52-Stunden-Flug: "Ich will hier nicht weg"

Laos - Teil 21 Die Uhr tickt erbarmungslos und das Ende meines einjährigen Aufenthaltes in Laos rückt unaufhaltsam näher. Eine Verbesserung meines Gemütszustandes will sich nicht einstellen und das Herz in meiner Brust fühlt sich wie ein schwerer Felsbrocken an. Dieser sonst so daher gesagte Vergleich bekommt hier in Laos eine ganz andere Dimension. Ich seufze so vor mich hin, als Tobi in unsere Wohnung stürmt. „Jani, ich hab ’ne Mega-Idee.“

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  • Laos Jan-Henrik

    Jan-Henrik hilft kurz vor seinem Abschied aus Laos noch seinem laotischen Ratgeber Poep bei der Fertigung von Raketen für Zeremonien.

  • Laos Jan-Henrik

    Jan-Henrik (Mitte, hinten) beim Abschiedsessen mit Poep (Mitte, vorne) und seiner Familie.

„Oh nein“, denke ich und höre mich fragen: „Was liegt an?“ „Also, wir haben noch zwei Wochen hier in Laos und……“ Er hält inne, offenbar um den Spannungsbogen seiner nahenden Idee zu halten. „…da könnten wir doch noch mal auf die Schnelle durch Laos reisen und alle Freunde besuchen. Ich dachte an Luang Prabang, an Thakek und…“ Ich unterbreche ihn. „Hey, du weißt, ich bin immer dabei, aber das schaffen wir nun wirklich nicht mehr. Die Busfahrten sind einfach zu zeitintensiv. Außerdem sind die Straßen nicht sicher. Es finden wieder viele Busüberfälle mit Beschuss statt. Nee, echt. Auf die letzten Tage möchte ich da jetzt nichts mehr riskieren. Außerdem haben wir Poep versprochen, dass wir ihm beim Särge- und Raketen-Bau helfen. Wir können ihn da nicht hängen lassen. Und…“ Ich werde von ihm unterbrochen. „Ich habe schon alles geklärt“. Er grinst. „Die Lösung ist ganz einfach – wir fliegen, da sparen wir Zeit, können Poep helfen und noch mit unseren Schülern Abschied feiern.“ Die Aussicht auf einen schönen Kurztrip hebt meine Laune, und die düstere Stimmung verfliegt blitzartig. Jetzt gilt es, einen günstigen Flug zu erwischen und wir haben Glück. Tobis Freundin klinkt sich mit ein und am Wochenende starten wir drei mit dem Flugzeug in Richtung Lua. Ich genieße es in vollen Zügen und es fühlt sich gut an.

Montag finden wir uns pünktlich bei Poep ein, um ihm bei seiner schweren körperlichen Arbeit zu helfen. Seine älteren Söhne sind zur Zeit in Vietnam und können daher nicht eingesetzt werden. Es liegt ziemlich viel Terminarbeit an und so können Tobi und ich uns bei Poep revanchieren. Was hätten wir in unserem „Weltwärts-Jahr“ nur ohne diesen selbstlosen Mann gemacht? Er hat uns geholfen und unterstützt. Er hat uns quasi adoptiert und dies ohne etwas einzufordern oder zu erwarten. Er wird mir richtig fehlen. Er und seine ganze Familie. „Jani,“ denke ich, „geht das schon wieder los?“. Wenn ich in den letzten Tagen so weitermache, werde ich noch depressiv. Poep ist hocherfreut, uns zu sehen. Schnell werden wir eingeteilt und angelernt. Wir arbeiten mit bekannten und unbekannten Werkzeugen. Poep ist ein guter Lehrmeister und schnell fertigen wir unseren ersten Sarg und stellen einige Raketen für die feierlichen Zeremonien her. Keine ungefährlichen oder gar einfachen Arbeiten, denn wir nutzen schweres Gerät. Abends sind wir ganz schön k.o. und gerädert. Diese körperliche Arbeit sind wir nicht gewohnt. Aber, versprochen ist versprochen.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker früh – mein Körper fühlt sich taub an. Ich habe Muskelkater an ganz ungewöhnlichen Stellen. Tobi bewegt sich ähnlich schwerfällig durch unsere Wohnung. Wir sind uns einig: Das wird eine harte Woche. Nach Frühstück und Dusche schmeißen wir uns auf die Mopeds und erscheinen zeitgleich mit Poep auf dem Hof. Er lächelt, klopft uns auf die Schulter und sagt: „Schön, dass ihr hier seid. Es gibt viel zu tun.“ Während der Arbeit erzählt uns Poep, dass er noch einige Särge zu nächtlichen Zeremonien fahren musste. Er hat tatsächlich noch keine Minute geschlafen und dennoch bewegt er sich dynamisch, kraftvoll und arbeitet, was das Zeug hält. Dabei ist er gut gelaunt und sehr geduldig mit uns. Er erklärt, ermutigt und lässt uns mit wertvollen Rohstoffen und teuren Maschinen arbeiten. Am Ende der Woche haben wir wirklich alles geschafft. Poep strahlt wie ein Honigkuchenpferd und wir? Wir auch! Leider strahlen wir nicht lange, denn mit Fertigstellung des letzten Auftrages kommt nun auch unser Abschied.

Ein laotisches Fußballtrikot als Abschiedsgeschenk

Wir essen gemeinsam und sämtliche Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde kommen dazu. Jeder möchte sich verabschieden und uns mit guten Wünschen für die Reise ausstatten. Und dann kommt das Unausweichliche. Poep steht vor mir. Nimmt mich in den Arm und ich sehe ganz deutlich, dass er, wie ich, kräftig schluckt und blinzelt. Er zieht ein Geschenk hinter seinem Rücken vor. Es ist ein laotisches Fußballtrikot. „Wir haben ja auch eine Mannschaft in Laos, zieh das Trikot zu Hause an und denke an uns.“ Er zwinkert, oder weint er? Ich hatte Poep zu Weihnachten ein Trikot von Manuel Neuer geschenkt, weil er ihn so bewundert und so wollte er mir eben auch ein „Männergeschenk“ machen. Ich bin total gerührt und drücke ihn fest. So muss ich ihn nicht ansehen und kann meine feuchten Stellen in den Augen wegblinzeln.

Poep geht ein Stück zurück und blickt mir fest in die Augen: „Danke für deine Hilfe, Jan. Deine Hilfe hier bei mir und danke für die Hilfe gegenüber meinem Land. Du kanntest keinen Menschen hier in Laos und dennoch hast du dich für dieses Land entschieden. Du hast uns akzeptiert wie wir sind. Du hast unsere Kultur geachtet und unsere Sprache gelernt. Du bist ein Freund und ich danke dir von Herzen.“ Jetzt ist es um mich geschehen. Das Herz scheint meinen ganzen Oberkörper zu beschweren und dann öffnen sich alle Schleusen. Ich heule hemmungslos und schluchze immer wieder los. Tobi geht es nicht anders, denn den hat sich Poep natürlich auch „zur Brust“ genommen.

Mit vielen guten Wünschen und noch einigen Tränen verlassen wir also letztmalig den Hof von Poep und fahren nach Hause. Die Mopedfahrt tut uns gut. Der Fahrtwind kühlt unsere Gesichter und jeder hängt seinen Gedanken nach. Zu Hause sind keine verräterischen Spuren mehr zu erkennen und die Dusche erledigt den Rest. Die letzten Unterrichtseinheiten stehen an und sind enorm wichtig. Unsere Schüler befinden sich mitten in den Abschlussprüfungen. Wir wollen sie hier noch einmal tatkräftig unterstützen und stehen für ihre Fragen zur Verfügung. Die Ergebnisse werden wir ihnen leider nicht mehr persönlich präsentieren können, denn dann werden Tobi und ich schon in Deutschland sein. Nach den Abschlussprüfungen werden wir mit unseren Schülern Abschied feiern und es richtig krachen lassen. Abends sitzen Tobi und ich noch auf unserer kleinen Terrasse und trinken ein Beer Lao. Im Inneren der Wohnung liegt schon mein geöffneter Koffer. Ein Teil meiner „Habe“ ist schon eingepackt, andere Dinge liegen auf Tisch oder Stuhl. „Jani?“ Ich schaue auf. „Ja?“ „Ich will hier nicht weg.“ „Ich auch nicht, Tobi.“ Die Uhr tickt. Unser Abenteuer endet – absehbar.
Jan-Henrik Seifert (19, Recklinghausen) ist für ein ganzes Jahr vor Ort in Laos in Südostasien. In der Stadt Vientiane arbeitet er mit der staatlichen Jugendorganisation Lao Youth Union zusammen und unterstützt dort als Freiwilliger die Lehrkräfte zum Beispiel im Englischunterricht. Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ ist er in diese spannende Zeit gestartet. Er erzählt Euch hier auf dieser Seite regelmäßig, wie es ihm ergeht.

 


AUTOR
Jan-Henrik Seifert
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    12. September 2016, 15:32 Uhr
    Aktualisiert:
    14. Januar 2017, 03:33 Uhr