52-Stunden-Flug: Jan lehrt eben anders

Laos - Teil 16 Heute freue ich mich richtig auf den anstehenden Unterricht, denn heute gestalten meine Schüler nicht nur den Ablauf, sondern sind auch inhaltlich selbstbestimmt unterwegs. Nun könnte der Verdacht aufkommen, dass sich ein Lehrer immer dann auf den Unterricht freut, wenn er sich entspannt zurücklehnen kann und keine Unterrichtsvorbereitungen treffen muss. Dies trifft allerdings nicht auf den heutigen Abend zu.

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    Alle Schülerinnen und Schüler aus Jan-Henriks (vorne links) Klasse wollen aufs Foto. Kein Wunder, denn der 19-jährige Recklinghäuser unterrichtet außergewöhnlich.

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    Traurige Realität in Laos: Rechts seht Ihr die "Schul-Bibliothek", links die "Medien", die die Schüler nutzen können.

Was macht also den heutigen Abendunterricht so besonders? Warum bin ich so auf-geregt und gespannt? Um dies zu verstehen, muss ich etwas weiter ausholen. Der Unterricht in Laos ist grundsätzlich anders ausgestaltet als in Deutschland. In der Regel wird hier im Rahmen einer „One Man Show“ gelehrt. Der Lehrer schreibt etwas an das Whiteboard und die Schüler wiederholen in einem monotonen „Schulsingsang“ alle zeitgleich das gewünschte Wort, den Satz oder die Deklination. Am Anfang habe ich mich natürlich strikt an diese Art des Lernens und an das vorgegebene Buchmaterial gehalten, da ich der laotischen Sprache nicht mächtig war und ich auch nichts falsch machen wollte. Ganz ehrlich, nach einiger Zeit wurde es mir selbst langweilig, es war irgendwie ein Unterricht ohne Leben, Esprit, Motivation und Spaß. Zwischendurch erwischte ich die immer vorbildlichen Schüler sogar bei der Nutzung von Social Networks und nicht bei der erlaubten „Vokabelübersetzung mit dem Smartphone“. Was also tun?

Zunächst lernte ich in jeder freien Minute Laotisch, zeitgleich bestellte ich mir aus Deutschland Unmengen an Lehrmaterial wie zum Beispiel „700 Classroom Activities“ und dann wurde es Zeit, den Unterricht zu „beleben“. Ich beginne also mit den Schülern über ihr Land, ihre Kultur, ihre Träume, Wünsche und Ziele zu sprechen. Und siehe da: Sie legen das Smartphone auf den Tisch, sie nutzen es nur, um ein fehlendes Wort zu übersetzen. Die Schüler rücken mehr und mehr mit ihrer Persönlichkeit in den Fokus. So sind sie zum Beispiel reihum dafür verantwortlich, neue Vokabeln zu präsentieren.

Hangman ohne Hemmungen

Wir nutzen hier das Spiel Hangman. So steht jeder mal im Mittelpunkt und alle raten, antworten und stellen Fragen. Die Scheu vor der Klasse Englisch zu sprechen, fällt jeden Tag ein wenig mehr bei meinen Schülerinnen und Schülern. Es finden richtige Gespräche statt und die Testergebnisse haben sich merklich verbessert. Leider fehlt es an guten und vollständigen Büchern. Klassensets gibt es nur vereinzelt, so nutze ich mein E-Book und kopiere auf eigene Rechnung, damit der Unterricht weiterhin so viel Spaß macht.
Das Thema „Nachhaltigkeit“ quält mich und ich zermartere mir das Hirn, wie sich die Bedingungen für die Menschen hier vor Ort und der Schulbetrieb dauerhaft verbessern kann. Ein Kopierer und ein Beamer wären klasse, aber leider auch für mich nicht erschwinglich. Ich wünsche mir so sehr, dass unser Engagement nach meinem Freiwilligenjahr nicht einfach verpufft. Ban Nonsavang liegt nicht im Mittelpunkt des Interesses von Politik oder Wirtschaft. Es fließen also kaum oder gar keine Gelder in Schulbildung und/oder Ausbildung. Da hilft nur eines, die Schule und die Schüler müssen auf sich aufmerksam machen.

Ich nehme das Thema „Veränderung“ mit in den Unterricht. Wir diskutieren über Dinge, die wir für verbesserungswürdig halten und über Möglichkeiten, auf die Situation in der Schule aufmerksam zu machen. Tja und dann sprudeln die Ideen meiner Schüler nur noch wasserfallartig. Wir einigen uns auf einen Arbeitsauftrag. Jeder Schüler sucht sich eine im Land ansässige Firma aus, recherchiert und versucht aufzuarbeiten, wie diese Firma die Schule unterstützen könnte. Ziel ist dabei auch, eine Win-Win-Lösung für Firma und Schule zu präsentieren. All diese Arbeitsaufträge sind in englischer Sprache umzusetzen. In den folgen-den zwei Wochen wird viel getuschelt, gefragt, gemalt und untereinander beraten.

Und heute ist der Präsentationsabend und meine Schüler überraschen, ja überwältigen, mich mit ihrer Art der Aufgabenumsetzung. Sie referieren frei, selbstbewusst und strahlen über das ganze Gesicht. Nicht fehlerfrei, aber stolz und mit viel Mut für die Zukunft! Sie haben sogar schon namhafte Firmen im Lande per E-Mail angeschrieben, um mich zu überraschen. Eine Firma hat tatsächlich schon geantwortet und wird uns zeitnah besuchen. Ich freue mich mit meinen Schülern, applaudiere lautstark nach jeder einzelnen Präsentation und bedanke mich für diese tollen Arbeiten. Am Ende des Unterrichts verfallen sie wieder in den „Schulsingsang“ und heute trifft er mitten ins Herz. „We were proud to present to our teacher Mr. Jan, thank you!“ Oh, Mann, ich darf gar nicht an meine Abreise denken.
Jan-Henrik Seifert (19, Recklinghausen) ist für ein ganzes Jahr vor Ort in Laos in Südostasien. In der Stadt Vientiane arbeitet er mit der staatlichen Jugendorganisation Lao Youth Union zusammen und unterstützt dort als Freiwilliger die Lehrkräfte zum Beispiel im Englischunterricht. Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ ist er in diese spannende Zeit gestartet. Er erzählt Euch regelmäßig, wie es ihm ergeht.


AUTOR
Jan-Henrik Seifert
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    2. Juni 2016, 14:54 Uhr
    Aktualisiert:
    20. Oktober 2016, 03:35 Uhr