52-Stunden-Flug: Jan nimmt Abschied von Laos

Laos - letzter Teil Es ist so weit. Der „F-Day“ (Farewell-Day) hat sich gnadenlos herangeschlichen und in meinem Bauch breitet sich schon am Morgen ein flaues, ein ungutes Gefühl aus, so, wie vor einer Abi-Klausur oder vielleicht vor einem Vorstellungsgespräch.

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  • Jan-Henrik Laos

    Jan-Henriks weißes Hemd wird zu einer Abschiedskarte. Die Schülerinnen und Schüler schreiben hier letzte Worte an ihren Lehrer: „Vergiss uns nicht!“

  • Jan-Henrik Laos

    Felix (l.) kann es kaum glauben: Sein großer Bruder Jan-Henrik ist wirklich wieder zurück aus Laos.

Der letzte Tag mit unseren Schülern – es gibt viel zu tun. Zum Glück, denn so werden wir abgelenkt und nicht weiter von diesem Bauchgefühl übermannt. Tobi und ich bereiten für unsere Klassen ein Abschiedsfest vor. Es ist, wie immer, heiß und feucht. Wieder kommen wir gehörig ins Schwitzen, denn es sind Stühle, Tische und Getränke für über 280 Schüler zu schleppen, damit unser geplantes BBQ ein Erfolg werden kann. Jeder bringt etwas mit und so stehen wir also auch in der Pflicht, europäisches Essen beizusteuern. In unserer kleinen Wohnung dampft und brutzelt es so sehr, dass jeder Feuermelder in Deutschland unaufhaltsam piepen würde. Unsere Wohnung ist kahl. Persönliches ist von den Wänden abgehängt und die bereits gepackten Koffer erinnern uns an die morgige Abreise.

In der Ferne höre ich schon die knatternden Mopeds der Schüler. Sie sind voll beladen und balancieren zu zweit und zu dritt auf den Mopeds wahre Köstlichkeiten. Ich schüttel den Kopf, wie machen die das nur? Ich schaue in die Runde. Alle sind gekommen – ausnahmslos. Tobi und ich schlucken und vermeiden es, uns anzuschauen. Verhalten kommen einige Schüler auf mich zu und fragen, ob sie mich zum Abschied umarmen dürfen. „Natürlich und gerne“, höre ich mich sagen und bin froh, denn auch ich habe das Bedürfnis, zu umarmen und irgendwie auch festzuhalten. Jetzt ist dieser Moment da, vor dem ich mich gefürchtet habe. Wieder spüre ich dieses zentnerschwere Herz in mir. Ich weine und lache abwechselnd. Ein Wechselbad der Gefühle. Stolz bin ich, auf das, was wir gemeinsam erreicht haben, und sehr, sehr traurig.

Der Kloß im Hals ist unbeschreiblich

Ich trage heute mein bestes Hemd. Es ist weiß und wird irgendwie zu einer Abschiedskarte. Ich bin umringt. Alle Schüler schreiben Unausgesprochenes, gute Wünsche, ein Danke, „komm wieder“ und ein „Vergiss uns nicht“ auf das Hemd. Ihre Art, Abschied zu nehmen, denn auch sie sind jetzt still geworden und schluchzen. Wir räumen noch gemeinsam auf, drücken uns und dann knattern sie winkend davon.
Am nächsten Morgen ist es hektisch: Abreise. Unzählige Male gehen wir durch die Wohnung. Wiegen noch einmal die Koffer, das Handgepäck und checken Reisepass und Tickets. Alles da. Ein letzter Rundumblick, bevor wir unsere Rucksäcke in das Auto schmeißen und zum letzten Mal die Tür abschließen. Ich fummel’ den Schlüssel vom Schlüsselring und reiche ihn Thip. Der Kloß im Hals ist unbeschreiblich. Morgen geht der Flug und morgen werden alle „weltwärts-“Freiwilligen offiziell verabschiedet und mit einer entsprechenden Urkunde ausgezeichnet. Heute geht es noch einmal für einen Tag nach Vientiane, damit wir uns für die Abreise ausruhen und uns dort von unseren Freunden verabschieden können.

Nach einem kräftigen traditionellen laotischen Frühstück bringt uns Poep zum Markt. Dort finden wir schnell eine Mitfahrgelegenheit nach Vientiane. Für viel Abschiedsgeplänkel bleibt keine Zeit. Ein kurzer Drücker, gute Wünsche und wir fahren los.
In Vientiane treffen wir die anderen „weltwärts-“Freiwilligen. Mit großem Hallo beziehen wir ein Guesthouse und erzählen von unseren letzten Tagen. Wir schlendern gemeinsam über den Markt und treffen uns abends mit Freunden aus der Hauptstadt. Es geht ruhiger zu als sonst, denn wir wollen für die morgige Abreise und das Treffen mit den Lao Youth-Vertretern frisch sein.
Am nächsten Tag erscheint Thip mit unseren Koffern, den Urkunden und einigen „Offiziellen“. Wir wünschen uns ein traditionelles laotisches Abschiedsessen und diesen Wunsch bekommen wir in einem sehr schönen Restaurant erfüllt. Die Urkunden werden überreicht, die Regierungsvertreter bedanken sich für unseren Einsatz und Engagement, verbunden mit der Bitte, Laos und die Menschen nicht zu vergessen. „Wie könnte ich..?“, denke ich. Es war ein einzigartiges Erlebnis und hat mich insgesamt bereichert. Dann geht’s los, auf zum Flughafen.

Ein letzter Blick, ein letztes Winken

Letzte Fotos werden geschossen und die Drähte der sozialen Netzwerke glühen in laotische und deutsche Richtungen. „Seid ihr schon unterwegs?“, „Wir freuen uns so, dass du bald wieder hier bist“, bis zu „Wir sind so traurig, dass du gehst, teacher Jan.“ Wir checken ein. Jetzt müssen wir uns von Thip verabschieden. Ich atme tief durch und nehme diese kleine Person in die Arme. Sie flüstert: „Danke Jan, danke für alles. Du bist ein ganz besonderer Mensch und wir werden uns wiedersehen. Ich werde nach Deutschland kommen – vielleicht in die Botschaft. Du bist wie ein kleiner Bruder für mich. Vergiss uns nicht und grüß deine Familie von mir!“ Ich halte sie einfach nur und bedanke mich. Zu mehr bin ich gar nicht fähig. Mein komplettes Sprachzentrum ist wie gelähmt. Es kommt lediglich ein trockenes Krächzen aus dem Hals. Dann müssen wir durch die Absperrung – wie schwer ist Loslassen! Ein letzter Blick, ein letztes Winken und dann schließt sich die Tür.

Der Flug verläuft ohne Komplikationen und wir landen pünktlich um 6 Uhr in Frankfurt. Wir warten gemeinsam auf unser Gepäck und gehen auch gemeinsam durch die Absperrungen. Die Türen öffnen sich elektronisch und da stehen sie. Unsere Eltern, einige Geschwister und Freunde. Sie halten Schilder hoch „Willkommen“ – auf Laotisch. Es ist 6.20 Uhr und sie haben tatsächlich Bier und Prosecco dabei. Sie feiern die Ankunft ihrer Kinder. Dabei strahlen sie vor Glück, lachen, weinen und lassen uns nicht mehr los. Anzumerken ist hier, dass die „Mütterfraktion“ deutlich hartnäckiger zu Werke geht. Wiederholende Wortfetzen: „Du bist gesund – dünn – ich/wir habe/n dich so vermisst…“ Dann ein letzter Abschied und selbst die Eltern liegen sich in den Armen – ein schönes Bild.

Auf dem Weg nach Hause berichten meine Eltern, dass Oma all meine Lieblingsgerichte gekocht hat. Heute Nachmittag werde ich mich richtig vollstopfen und den Rest der Familie begrüßen. Ich freue mich, aber zu Hause fühlt sich noch komisch an. Wir sind in Recklinghausen. Leise schleiche ich mich in das Zimmer von meinem jüngeren Bruder Felix. Er schläft. Ich klettere in sein Bett und flüstere ihm ins Ohr, dass ich wieder da bin. Er blinzelt mich verschlafen an, strahlt und drückt mich megadoll. „Da bist du ja endlich, ich warte schon so lange auf dich!“ Wieder bekomme ich keinen Ton raus.
Jan-Henrik Seifert (19, Recklinghausen) war für ein ganzes Jahr vor Ort in Laos in Südostasien.
In der Stadt Vientiane arbeitete er mit der staatlichen Jugendorganisation Lao Youth Union zusammen und unterstützte dort als Freiwilliger die Lehrkräfte zum Beispiel im Englischunterricht. Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ war er in diese spannende Zeit gestartet.

 



AUTOR
Jan-Henrik Seifert
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    27. September 2016, 09:46 Uhr
    Aktualisiert:
    11. Februar 2017, 03:34 Uhr