52-Stunden-Flug: Mit Freunden am abgelegenen Zipfel der Erde

Laos - Teil 17 „Oh, Mann“, denke ich bei mir und hake den nächsten Punkt auf meiner To-do- Liste ab. „Nimmt das denn gar kein Ende?“ Jetzt also noch die Korrektur der vierteljährlichen Termtests meiner immerhin 30 Schüler.

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    Helme auf, Selfiestick raus und ein cooles Foto machen! Dustin, Jan-Henrik und Jan (v.l.n.r.) düsen gleich mit ihren Mopeds durch Vientiane.

  • Laos

    Jan-Henrik (l.) freut sich über den Besuch seiner Freunde Dustin (M.) und Jan (r.). Natürlich will er ihnen so viel wie möglich von Laos zeigen, zum Beispiel die Stadt Dtalat mit dem Namngun-River.

Meine Mentorin Thip setzt sich mit einer Tasse Kaffee zu mir an den Terrassentisch und grinst. „Na Jan, den Rucksack für morgen schon gepackt? Denk bitte daran, dass ich die korrigierten Arbeiten deiner Schüler benötige, damit ich die Zensuren eintragen und der Vertretungslehrer die Tests morgen aushändigen kann.“ „Bin dabei …!“, und es klingt fröhlicher, als ich mich fühle. Stress!

Sie steht auf, stellt beiläufig eine Tasse von diesem herrlich duftenden Laokaffee auf meinen Tisch und gibt mir einen aufmunternden Stupser in die Seite. Mit den Worten „Schaffst du schon“, verschwindet sie und lässt mich in Ruhe arbeiten. Fünf Korrekturen trennen mich noch von einer Dusche, einem Abendessen und meinem Bett. Ich muss mich immer wieder zusammenreißen, um konzentriert zu arbeiten.

Ich bin so aufgeregt, so voller Vorfreude. Es ist wie das Kribbeln im Bauch an Weihnachten – so kurz vor der Bescherung, denn es ist endlich so weit: Meine Freunde Jan und Dustin kommen aus Deutschland angereist. Sie machen ihr Versprechen wahr und besuchen mich hier an diesem abgelegenen Zipfel der Erde. Sie haben gespart, haben sich den Impfstrapazen ausgesetzt, nur um mich zu besuchen und Laos kennenzulernen. Endlich – ich bin fertig. Termtests und Notenbogen in Thips Fach und dann noch schnell den Rucksack packen. Morgen muss ich sehr früh raus, um auf dem Marktplatz noch eine Mitfahrgelegenheit nach Vientiane zu ergattern. Ich fahre schon Freitag, damit ich Samstag pünktlich am Flughafen bin und meine Freunde dort empfangen kann.

Meine Laune sinkt auf Tieftemperatur

Der Wecker klingelt, gefühlt eine Stunde zu früh. Ich quäle mich aus dem Bett und das Rauschen von draußen lässt meine Laune auf Tieftemperatur sinken. Es schüttet – keine wirkliche Überraschung, denn es ist Regenzeit. Zurzeit bist du hier entweder nass, weil dich der Regen splasht oder die feuchtwarme Hitze an deinem Körper klebt. Müde, durchnässt und mit angeschlammten Füßen finde ich eine Mitfahrgelegenheit. Die quirlige Unter-haltung mit den sechs anderen, ebenfalls durchnässten, Fahrgästen entschädigt für den nicht ganz so schönen Tagesbeginn. In Vientiane ist es trocken und ich freue mich auf das Champa Garden. Ein kleines, für Laoverhältnisse, sehr komfortables Hotel, das meine Eltern mir dankenswerterweise für die nächsten zwei Tage gesponsort haben, damit ich mal wieder ein bequemes Bett, eine saubere Dusche und ein reichhaltiges Frühstück bekomme. Herrlich!

Am Abend treffe ich Freunde und wir gehen in einen gut besuchten Club. Es wimmelt nur von Backpackern aus der ganzen Welt und ich bin wieder einmal überrascht, wen es so alles hier nach Laos verschlägt: Ein Sprachenwirrwarr – und trotzdem verständigen sich alle irgendwie. Jeder wird zum Dolmetscher und zum Glück gibt es ja auch noch Hände und Füße. Ein toller Abend, der etwas früher zu Ende gehen muss, da ich morgen auf keinen Fall verschlafen darf. May, eine Freundin, bringt mich mit ihrem Auto zum Hotel und bietet mir an, Jan und Dustin morgen vom Flughafen abzuholen. „Echt jetzt, May?“ Klasse, so können wir uns das Taxigeld sparen und ich kann etwas mehr Zeit in diesem königlichen Bett schlafen.

Wie passen die großen Männer ins kleine Auto?

Am nächsten Morgen erscheint May wie versprochen und wir frühstücken noch gemütlich, bevor es zum Flughafen Wattay geht. Wir sind viel zu früh da. Die Maschine soll um 12.30 Uhr landen und es ist gerade mal 12 Uhr. Ich hypnotisiere die Anzeigentafel mit meinen Blicken und… sie lässt sich nicht beeindrucken. Die Wartezeit ist zäh – aber endlich! Es erscheint ein „Arrived“ und ich verlagere meinen Blick nun auf den Checkout-Bereich. May kichert schon und sagt: „Jan, wird noch dauern – sie müssen doch noch auf das Visum und das Gepäck warten.“ Es öffnen sich die Türen und die ersten Menschen aus der Maschine eilen durch die Halle. Ich recke mich, aber noch ist nichts zu sehen. Zwei Minuten später erste Sichtung und heftiges Winken. Sie sind da! Wir freuen uns alle wie die Verrückten, drücken uns, lachen laut und können gar nicht realisieren, dass sie jetzt leibhaftig in Laos angekommen sind. Wir strahlen wie blöde und ich bin einfach nur glücklich.
Ich stelle ihnen May vor, die dieses heftige „Männerbegrüßungsritual“ mit etwas Abstand beobachtet hat. „Was hat sie nur?“, denke ich. Auf dem Weg zum Auto zieht sie mich zur Seite: „Jan, du bist schon groß, aber das sind ja Riesen. Wie sollen wir alle ins Auto passen?“ Ich muss lachen. Neben Dustin (2,01 m) und Jan (1,95 m), beide wohlgenährt, wirke ich mit meinen 1,86 m schon „zart“. Wie muss sich da die kleine May (1,55/49 kg) wohl fühlen?
Mit
Ins Auto passen wir aber tatsächlich alle! Die „Giants“ werden akrobatisch in die Fahrerkabine gepresst und das Gepäck auf die Ladefläche. Dennoch, wir sind alle froh, dem Autovakuum am Hotel zu entfliehen. Die Jungs sind im Pick-up schon etwas ruhiger geworden. Sie sind offensichtlich von den Verhältnissen hier geschockt. Die unterschiedliche Betrachtung von Luxus wird schon im Hotel deutlich. Während ich meine persönlichen Highlights im Hotel, zum Beispiel fließend warmes Wasser und ein sauberes Bett, feiere, ist dies für die beiden nichts Außergewöhnliches – ist ja schließlich ein Hotel. Ja, so ging es mir vor Laos auch…
Gut, dass wir die nächsten zwei Tage in der Hauptstadt bleiben. Hier ist es noch etwas geordnet und annähernd westlich – in meinem Dorf sieht es da ganz anders aus.
Ich bin zuversichtlich – die Jungs sind offen, neugierig und einfach nur cool. Ich habe schon viel geplant. Sie sollen Laos von allen Seiten kennenlernen. Es wird verrückt, das weiß ich schon jetzt!
Jan-Henrik Seifert (19, Recklinghausen) ist für ein ganzes Jahr vor Ort in Laos in Südostasien.
In der Stadt Vientiane arbeitet er mit der staatlichen Jugendorganisation Lao Youth Union zusammen und unterstützt dort als Freiwilliger die Lehrkräfte zum Beispiel im Englischunterricht. Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ ist er in diese spannende Zeit gestartet. Er erzählt Euch hier regelmäßig, wie es ihm ergeht.

 


AUTOR
Jan-Henrik Seifert
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    27. Juni 2016, 16:23 Uhr
    Aktualisiert:
    29. Oktober 2016, 03:35 Uhr