Felix ist zurück aus Mexiko: Wie fremd sich Deutsch anhört

Letzter Teil Nun ist es also vorbei, dieses Jahr in Mexiko, und ich bin wieder zu Hause. Auch wenn es zwischendurch seine Längen hatte, ging es im Nachhinein wahnsinnig schnell um. Ich habe das Gefühl, je näher der Rückflug kam, desto schneller flog die Zeit davon.

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  • Felix Feldmann Around the world

    Felix hat etwas Mexiko mit nach Deutschland gebracht: Seine Gitarre, auf der die Leute aus seinem Jugendchor unterschrieben haben, ein Bild, das für ihn gemalt wurde, und Fotos aus seiner Zeit dort und, ja, auch ein paar Flaschen Tequila. Foto: Privat

  • Felix Feldmann Around the world

    Der Körper ist zwar schon am deutschen Flughafen, Felix‘ Geist aber noch in Mexiko. Trotzdem freut er sich über sein Empfangskomitee in Form von Paula (l.) und Anna. Foto: Privat

Jetzt sitze ich hier in meinem Haus in Polsum und bin gerade immer noch dabei, mich etwas zu akklimatisieren an den deutschen Lebensrhythmus. Auch wenn mein Körper mit einem Elf-Stunden-Flug von Mexiko nach Deutschland transportiert wurde, mit meinen Gedanken geht das nicht ganz so schnell.

Dass ich sonntagmorgens nicht mehr um halb 7 von den Kirchenglocken geweckt werde, die gefühlt direkt neben meinem Bett hängen, ist auf jeden Fall schon mal ein großer Pluspunkt an meiner neuen alten Heimat. Ansonsten sind die ersten Tage zurück in Deutschland wie ein Film, der abläuft, und ich guck‘ mir alles einfach nur an und weiß gar nicht genau, was ich tun soll.

Rückblick: Ich und zwei meiner Mitfreiwilligen werden freudestrahlend von unseren Familien am Flughafen empfangen, dann geht es nach Hause, wo weitere Teile meiner Familie auf mich warten. Ich bin überglücklich, trotzdem total verstrahlt und übermüdet. Alles wirkt irgendwie unwirklich.

Am nächsten Tag kommt fast meine ganze Familie zu Besuch. Erst denke ich, es hat sich fast gar nichts verändert, doch dann sehe ich, dass die kleinen Kinder meiner Cousinen alle irgendwie doppelt so groß sind wie vorher, und, glaube ich, gar nicht wissen, wer ich bin. Es ist trotzdem so schön, alle wiederzusehen. Dann die erste Frage: „Na, dann erzähl mal, wie war’s?“ Wo soll ich anfangen, wie kann ich ein Jahr zusammenfassen – voller Ups und Downs, mit 1000 neuen Eindrücken, die ich selbst noch gar nicht verarbeitet habe? „Ja, gut war’s“, sage ich, und hole den Tequila raus, den ich mitgebracht habe. Also auch, wenn viele Vorurteile über Mexiko nicht stimmen – dass sie guten Tequila haben, kann ich auf jeden Fall bestätigen.

Hier bin ich jetzt wieder einer von vielen

Es ist merkwürdig, dass plötzlich wieder alles auf Deutsch ist. Die Durchsagen am Flughafen, die Straßenschilder, die Gespräche in der Stadt. So fremd hat sich Deutsch noch nie angehört. Als ich das erste Mal wieder durch meine Uni-Stadt Münster laufe, suche ich in all den Leuten nach bekannten Gesichtern, bis mir klar wird, dass ich ja nicht mehr in Teco bin, wo ich jeden zweiten kenne und ständig auf der Straße in Gespräche verwickelt werde.

Ein seltsames Gefühl, hier durch die Straßen zu gehen. Es sieht alles genau aus wie vor einem Jahr, und trotzdem wirkt es merkwürdig fremd. Andererseits ist es auch ganz angenehm, nicht mehr angestarrt zu werden und „der Deutsche“ zu sein. Jetzt bin ich wieder einer von vielen. Na, ja, ein bisschen brauche ich wohl noch, um mich wieder einzugewöhnen. Der Busfahrer hat auf jeden Fall etwas komisch geguckt, als ich ihm zugewunken habe, damit er anhält, und noch komischer, als ich vor dem Aussteigen „Danke!“ gerufen habe.
Während all das passiert, bin ich in Gedanken immer wieder bei meinen Leuten in Teco, denke an die letzten Tage dort, die vielen Abschiede, frage mich, ob ich irgendwen oder irgendwas vergessen habe, ob ich meinen Jugendchor gut vorbereitet habe, jetzt alleine klarzukommen, und mir wird klar, dass ich jetzt die Verantwortung abgeben muss.

Ich muss mich jetzt nicht mehr darum kümmern, dass sie regelmäßig proben, meine Zeit dort ist jetzt einfach vorbei. Sie hat aber sehr viele Spuren in mir hinterlassen. Einige davon kann man sehen, zum Beispiel auf meiner Gitarre, auf der die Leute aus dem Jugendchor unterschrieben haben, auf Fotos, oder auf dem Bild mit Maya-Symbolen, das ein Kumpel aus Teco für mich gemalt hat. Die meisten aber trage ich in mir drin, und ich möchte sie auch nach außen tragen, die mexikanische Großzügigkeit, die Gastfreundlichkeit, die Bereitschaft, das, was man hat, zu teilen. Die Gelassenheit und Entspanntheit, das Vertrauen darauf, dass schon alles irgendwie klappen wird. Die Musik, die Tänze (ich kann zwar nach wie vor nicht gut tanzen, aber das ist mir jetzt egal), die Vorliebe für scharfes Essen, die Fröhlichkeit.

Die Erfahrungen dort haben mir gutgetan

Bevor ich nach Mexiko gegangen bin, wollte ich raus aus der Uni-Welt, aus der Studentenblase. Das habe ich auf jeden Fall auch geschafft. Ich hatte zwar manchmal das Gefühl, in dieser Kirchen-Welt in einer weiteren Blase zu stecken, aber ich glaube, diese Erfahrung hat mir gutgetan. Ich wurde konstant mit andersdenkenden Menschen konfrontiert, mit Realitäten, die mir vorher fremd waren, wurde ständig aufs Neue ins kalte Wasser geworfen und habe immer wieder schwimmen gelernt.

Dieses Jahr war wirklich ein ständiges Auf und Ab. Was mir vor allem zu Beginn zu schaffen gemacht hat, war, mich in dem Pfarrhaus zu Hause zu fühlen und mich überhaupt mit der Arbeit in der Kirche anzufreunden. Gerade im ersten halben Jahr musste ich durch einige Identitätskrisen gehen, und mir oft die Frage stellen: „Auf was habe ich mich da eigentlich eingelassen?“, bis ich mich in meiner Rolle wohlgefühlt habe. Sind doch alles spannende Erfahrungen. Dabei hatte ich zum Glück immer Unterstützung von unserem Betreuerteam vom Bistum Münster, das das Ganze organisiert hat, und ohne das ich das mit Sicherheit nicht so einfach geschafft hätte. Wenn das hier jemand von Euch liest: Ihr seid der Hammer!

Auf der anderen Seite haben mich auch einige Dinge positiv überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir in einem Jahr gelingen würde, so sehr in das Leben dort einzutauchen und ein Teil der Gemeinschaft zu werden. Dass das passiert ist, haben mir besonders die letzten Wochen noch einmal vor Augen geführt.

Es war eine emotionale Achterbahnfahrt, ich habe vieles gelernt, über Mexiko, über Deutschland und über mich selbst. Habe mich fremd gefühlt, habe mich heimisch gefühlt, und fühle mich jetzt in Deutschland in manchen Situationen fremd, aber ich bin mir sicher, auch das wird wieder vorübergehen. Unterm Strich kann ich diese Erfahrung nur jedem ans Herz legen und nach allem, was passiert ist, kann ich sagen: Es hat sich gelohnt.
Felix Feldmann (24, Marl) verbrachte die vergangenen zwölf Monate in Mexiko. In der Dorfgemeinde Tecozautla im Bundesstaat Hidalgo arbeitete er im Rahmen eines „weltwärts“-Freiwilligendienstes in sozialen Projekten hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen. Bei Scenario konntet Ihr an seinen Erfahrungen teilhaben.