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"Schulz & Böhmermann": Überraschend kurzweilig, aber Luft nach oben

Ein Eintrag von Stefan Korte

„Es ist noch Luft nach oben“, sagt Jan Böhmermann - und hat Recht. Die erste Ausgabe von „Schulz & Böhmermann“ auf ZDFneo war gut, solide, aber bei weitem nicht der große Wurf, den sich manch einer vielleicht erhofft hat. Dennoch sollte man sich die nächsten drei Sonntage noch im Kalender anstreichen.

  • Jan Böhmermann und Olli Schulz

    Olli Schulz (l) und Jan Böhmermann posieren für die neue ZDFneo-Talkshow «Schulz & Böhmermann». Foto: ZDF/Philippe Fromage/dpa

Als Jan Böhmermann im November die Rückkehr seiner - unter Fans legendären - Talk-Show „Roche & Böhmermann“ angekündigt hat, jubelte die Fanbase. Immerhin hatte es diese Sendung damals geschafft, das vollkommen zugestaubte Talk-Show-Format im deutschen Fernsehen zu revolutionieren - und zwar einfach indem man Altes wieder hervorbrachte. Ein karges, auf Schwarz-Weiß-Optik getrimmtes Studio, das ein wenig an den Film „Dr. Seltsam oder wie ich anfing die Bombe zu lieben“ erinnert. Selbst die Mikrofone wirken wie aus der Mottenkiste. Dazu dürfen die Gäste rauchen, es wird hochprozentiger Alkohol ausgeschenkt. Und in von blauem Dunst geschwängerter Luft wird über Gott und die Welt diskutiert.

Leider fand das damals ein abruptes Ende, über das sich weder Charlotte Roche noch Jan Böhmermann jemals breit in der Öffentlichkeit geäußert haben. Aber: Der Wunsch, dieses Format weiterzuführen, blieb zumindest bei Böhmermann bestehen. Zum Glück!

Wie gesagt: Der große Wurf ist Böhmermann und der bildundtonfabrik nicht gelungen, aber „Schulz & Böhmermann“ ist eine würdige Nachfolge für das einstige Kult-Format. Es ist erneut eine Liebeserklärung an die „Goldene Zeit“ des deutschen Fernsehen - Böhmermanns Lieblingskoketterie. Und es ist erneut eine erfrischende Abwechslung zu all den anderen Talk-Formaten. Das schafft kein Markus Lanz, das schafft keine Bettina Böttinger, das schafft man auch nicht bei „Riverboad“ oder im NDR. 

Das mag vor allem daran liegen, dass Oli Schulz und Jan Böhmermann bereits seit Jahren im Radio als Duo auftreten und beste Erfahrungen damit haben, gemeinsam allein durch ein Gespräch die Menschen zu unterhalten. Auch im Fernsehen ist der Kontrast zwischen dem Pseudo-Journalisten Böhmermann und dem Marathon-Redner Schulz genau richtig. Der eine versucht, Ernsthaftigkeit zu vermitteln, aus dem anderen bricht alle paar Minuten ein emotionaler Schwall heraus. Und zwischendurch darf Autorin Sibylle Berg aus dem Off kurze, süffisante Textchen zu den Gästen vorlesen, um sie dem Publikum vorzustellen.

Die Gäste sind es natürlich auch, mit denen so eine Show steht oder fällt. Dieses Mal waren es Jörg Kachelmann, der vor allem Werbung in eigener Sache machen wollte, Gerd Postel, ein gelernter Postbote, der zwei Jahre lang in leitender Position einer Psychiatrie gearbeitet und dafür im Knast gesessen hat, Anika Decker, Drehbuchautorin von u.a. „Keinohrhasen“, sowie Kollegah, wortgewandter Rapper und Produzent. Eine durchwachsene Mischung, die nicht immer aufgegangen ist. Denn Anika Decker beispielsweise sagte in den ganzen 60 Minuten nur wenige Sätze, während andere sich ganze Monologe herausnahmen. Allerdings hatte Böhmermann genau das schon im Vorfeld gesagt: Jeder darf jederzeit reden und wer sich nicht durchsetzen kann, hat halt verloren. Das alte Talk-Show-Gesetz.

Was am Ende bleibt, ist tatsächlich, dass man noch Luft nach oben hat. Folge eins war solide, überraschend kurzweilig und Fans von „Roche & Böhmermann“ werden sich gleich wieder zu Hause fühlen. Es fehlt noch an der Routine (klar, es ist die erste Folge) und man sollte nicht zu lange auf bestimmten Themen herumreiten (Schulz tut das mit zunehmendem Whisky-Genuss sehr gerne). Alles andere wird sich entwickeln, wie bei jedem Format. 

Erst einmal wird es vier Folgen geben, danach bestellt ZDFneo hoffentlich Nachschub. Dann gäbe es nämlich endlich wieder eine Talk-Show im deutschen Fernsehen, bei dem es sich tatsächlich lohnt einzuschalten. 

„Schulz & Böhmermann“ gibt es kostenlos in der ZDF Mediathek und auf www.schulzundboehmermann.de zu sehen, oder ganz konservativ am Sonntag um 22.45 Uhr auf ZDFneo.

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