Blog: Unter uns

Maziad Aloush berichtet: Die beschwerliche Reise und die ersten Schritte in Deutschland

Ein Eintrag von Maziad Aloush

Marl Ich heiße Maziad Aloush und bin ein Lehrer aus Syrien, der vor dem Krieg geflohen ist. Vor dem Krieg habe ich an einer Grundschule Englisch unterrichtet, nachdem ich die Sprache in Deir-Ezzor studiert habe. Meine Heimatstadt Deir-Ezzor war sehr schön und friedlich. Sie liegt am Fluss Euphrat im Osten Syriens. Jetzt sind 70 Prozent der Stadt zerstört, durch Assad und ISIS.

  • Serbien

    Angekommen in Serbien. An einer Tankstelle konnte die Gruppe von Flüchtlingen etwas zu essen kaufen und über das kostenlose WLAN endlich wieder ihre Familien kontaktieren. Foto: Maziad Aloush

Jeden Tag sterben Kinder, Frauen und alte Menschen, weil Nahrungsmittel knapp sind in einer Stadt, die einmal die Kornkammer Syriens war. All das geschieht nur wegen Geld, Öl und der Konflikte zwischen den Herrschenden der Welt.

Meine Familie und ich flohen im Juni 2012, weil Assad den Norden Syriens bombardierte. Im Dezember 2014 flüchtete ich wieder, weil Assads Militärs mich suchten. Sie wollten mich zum Dienst in der Armee zwingen. Das bedeutete, ich hätte töten müssen! Oder sterben!? Und wen töten?! Syrer, die gegen Assad sind.
Ich flüchtete in die Türkei und lieh mit 7000 $ bei meinem ältesten Bruder. Er ist Zahnarzt und lebt in Saudi-Arabien.

Unglücklicherweise hat mir ein Schlepper 5000 $ gestohlen, nachdem er mit versprochen hatte, mich per Schiff nach Italien zu schmuggeln. Ich hatte dann nicht mehr genug Geld. Ich sah in meine Brieftasche, und es waren nur 600 $ darin. Ich entschied, dass es besser wäre, zu Fuß weiterzugehen, als in der Türkei zu bleiben und den Rest auszugeben.

Ich konnte mit meinen Eltern chatten und erzählte ihnen alles. Aber sie waren nicht in der Lage Geld zu schicken. Sie verhökerten den gesamten Goldschmuck meiner Mutter und die Farm der Familie. Dann schickten meine das Geld und meine Brüder dazu. Denn auch sie gerieten in Gefahr.

Am 26. Juli setzten wir uns ab von Izmir in der Türkei, meine Brüder, ich und 19 Andere. 15 Tage lang wurden wir per Boot und in Privatautos weitergeschmuggelt, wir sprangen auf Busse und Züge, pressten uns in billige Hotelzimmer und schliefen manchmal unter dem Sternenhimmel, nachdem wir einen ganzen Tag lang mit leerem Magen gelaufen waren.

Wir setzten in einem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland über und kamen an einem Morgen um 6 Uhr in der Stadt Mytilene auf Lesbos an. Dort liefen wir zu Fuß 65 Kilometer vom Strand zum Flüchtlingslager der Insel. Wir kauften Schlafsäcke und ein Zelt und campierten in den Feldern.

Nach drei Tagen voller Schwierigkeiten bekamen wir von der griechischen Polizei die Papiere, uns erlaubten, an Bord eines Schiffs nach Athen zu gehen. Dann ging es von Athen mit dem Zug in den Norden Griechenlands nahe an die mazedonische Grenze. Die mazedonische Armee wollte niemanden passieren lassen. Ich schätze, dass ungefähr 1000 Flüchtlinge an der Grenze festsaßen.

Wie weit wir auf unserer Route waren, hatte ich mittels einer App auf maps.me verfolgt, ein Kartensystem, das man auch ohne Internetverbindung nutzen kann.

Wir starteten unsere Wanderung an einem Fluss nahe der Grenze entlang und gingen weiter bis zum Bahnhof im nächsten Dorf. Ich schätze, wir gingen ungefähr 85 Kilometer und mehr als 15 Stunden zu Fuß. Es war tagsüber so heiß und nachts so kalt.

In Mazedonien hatten wir unser Wasser verbraucht, während wir liefen. Alle unsere Flaschen waren leer und wir suchten verzweifelt nach einer Stelle, an der wir sie auffüllen konnten. Wir entdeckten, dass Wasser von einem Berg floss – „Wasser, Wasser“, sagten wir, wir dankten Gott. Es war ein glücklicher Moment.
Wir nahmen den Sechsuhrzugam Morgen nach Norden Richtung serbische Grenze. Im dritten Versuch konnten wir sie überqueren. Wir gingen weiter nach Norden bis nach Belgrad in Serbien.

All unser Bemühen, den Gürtel noch enger zu schnallen, war nicht genug. Ich musste noch einmal meinen ältesten Bruder kontaktieren und er schickte uns 1000 $. Also konnten wir unsere Reise fortsetzen. Einer Frau zahlten wir 1300 Euro, damit sie uns durch Ungarn bis nach Wien brachte. Die ganze Gruppe kam sicher in Österreich an, dann löste sie sich auf. Meine Brüder und ich konnten die Grenze überqueren. Am 10. Juli kamen wir in Dortmund an.

Wir sind von Stadt zu Stadt weiterverlegt worden und viele Male von einem Flüchtlingslager zum nächsten. Die Station vor Marl war die Unterkunft in Dorsten, wo ich Dennis Steiger traf. Er ist wie ein Gottvater für mich. Wirklich, ich habe gute Tage, seitdem ich ihn getroffen habe. Dann kam ich nach Marl und traf wieder sehr gute Menschen. Ich lernte Familie Riediger kennen und wir wurden eine Familie. Ich habe jetzt Onkel Jost und Tante Heike. Ich wohne neben der Barbarakirche, dort sind auch Pastor Müller und Schwester Aloysiana. Sie alle sind meine neue Familie hier in Marl mit vielen deutschen Freunden in ganz Nordrhein-Westfalen.

Ich möchte am 1. Februar an der Technischen Fachhochschule Georg Agricola in Bochum ein Studium beginnen. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, mich in die deutsche Gesellschaft und in die Kultur zu integrieren. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich ein normaler deutscher Werktätiger bin, an dem ich im Sozialamt sagen kann: Danke, ich brauche keine Hilfe mehr von Ihnen.

Am Ende möchte ich noch etwas erklären ...
Alle erinnern sich an den traurigen Tag in Frankreich. Ich war auch sehr traurig. Ich war wohl trauriger als ihr alle. Was in Frankreich passiert ist, ist wie ein Tag in fünf Jahren in Syrien. Jeden Tag sterben dort Menschen bei terroristischen Anschlägen. Terrorismus hat keine Religion, das möchte ich sagen ...

Wenn ein Christ, ein Jude oder Hindu etc. einen Terroranschlag verübt, sagt man über ihn, er sei psychisch krank oder verrückt. Wenn der Anschlag von einem Mitglied einer Terrororganisation gemacht wird, der sich den Mantel des Islam umgehängt hat, wird gesagt, er ist ein Terrorist. Bitte verbindet Terrororganisationen nicht mit dem Islam. Terrorismus ist Terrorismus und keine Religion.

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Mazyad Maloush
Maziad Aloush
Gast-Autor

Maziad Aloush ist 31 Jahre alt und musste aus Syrien fliehen. Der Englischlehrer ist schließlich in Marl gelandet und möchte am liebsten sofort etwas tun - wenn da nicht die Behörden wären. In seinem Blog berichtet er über seine Flucht, aber vor allen Dingen auch über seine Zeit im Kreis Recklinghausen.

ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    22. Dezember 2015, 16:35 Uhr
    Aktualisiert:
    23. Dezember 2015, 21:04 Uhr
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