Deir-Ezzor: Syriens schlimmste Tragödie

Nicht nur in der syrischen Stadt Madaja herrscht Hunger und große Not. Auch Deir-Ezzor, die Heimat von Maziad Aloush leidet unter Belagerung und mangelnder Versorgung für die Menschen in der Stadt. Der 31-Jährige, der als Flüchtling nach Deutschland kam, lebt jetzt in Marl und berichtet für uns in seinem Blog.

  • Deir-Ezzor

    Zerstörungen in der Stadt Deir-Ezzor in Syrien.

Da liegt es im Osten Syriens (allgemein die Braut der Wüste genannt) und erstreckt sich in einem Rechteck zwischen einer Bergkette und dem westlichen Ufer des Euphrat. Diese Stadt hat den Löwenanteil der Gräueltaten des Krieges in Syrien zu tragen, der immer noch im Gang ist.

Seit vier Jahren haben die Bewohner der Stadt nicht eine ruhige Nacht gehabt, infolge des dauerhaften Bombardements durch das Assad-Regime. Die Tragödie begann 2012, als Militärs der Freien Syrischen Armee den größten Teil der Stadt besetzten. Im Gegenzug lancierten die Assad-Truppen einen hektischen Angriff mit allen Kampflugzeugen, die wahllos Tausende von Zivilisten töteten und verletzten. Dieser barbarische Angriff auf harmlose Zivilisten erinnert an das wahllose Bombardement, das Europa im Zweiten Weltkrieg erlebte.

Später nahm Gestalt an, was heute als ISIS bekannt ist und konnte den größten Teil des Ostens von Syrien besetzen, einschließlich der Gebiete, die von der Freien Syrischen Armee beherrscht worden waren. ISIS zerstörte oder vertrieb alle seine Feiende. Ein neuer Abschnitt hat begonnen. Assads Truppen haben nicht mehr die Oberhand in der Region.
 
ISIS hat sie in die Defensive gedrängt, in dem er die gesamte Stadt Deir-Ezzor eingenommen hat und die vollständige erstickende Belagerung der letzten drei Randbezirke erzwungen hat, die noch unter der Kontrolle des Assad-Regimes waren.

Diese versuchten drei Mal, den Rest der Stadt zu erobern. Aber alle Versuche wurden völlige Fehlschläge. Als Reaktion traf ISIS die grausame und gnadenlose Entscheidung, die Belagerung auf beide auszudehnen, Assads Truppen und die Zivilisten, die in den drei Vororten leben. Niemand darf die Vororte betreten, es ist verboten, Waren in das Gebiet zu liefern. Diese erbarmungslose Besatzung begann Anfang 2015 und hatte zunächst keinen Einfluss auf Assads Führung, seine Soldaten oder Unterstützer. Der Militärflughafen war unter Kontrolle des Assad-Regimes und so gut geschützt, dass es tägliche Flüge von und nach Damaskus gegeben hatte, um die Armee und die hohen Offiziere mit allem zu versorgen, was sie brauchten. Diese Belagerung konnte nur den Zivilisten Schaden zufügen, deren Zahl bis auf 500.000 Bewohner in den drei Vororten stieg. Infolge der Belagerung stiegen die Preise nach und nach bis sie astronomische Höhen erreichten, die die teuersten Länder der Welt überbieten.

Es ist wert hier auszuführen, dass das monatliche Einkommen eines syrischen Bürgers rund 25.000 syrische Pfund beträgt (Anm. d. Redaktion: nach aktuellem Wechselkurs rund 104 Euro). Armeeoffiziere schlugen ihre Vorteile aus der Besatzung und setzten Schmuggler ein, die Waren einschleusten und teuer an Zivilisten verkauften. Die Preise stiegen immer weiter, bis sie auch die finanziellen Möglichkeiten der reichen Leute in der Stadt überstiegen.

Hier die Preise für einige Lebensmittel in Deir-Ezzor zu dem Zeitpunkt, während ich diesen Artikel schreibe:
ein Kilo Zucker 5000 Syrische Pfund (S.P)
ein Kilo Reis 3 500 S.P
ein Liter Speiseöl 4 200 S.P
ein Kilo Fleisch 6 000 S.P
ein Stück Butter 1 400 S.P
ein Kilo Teeblätter 17 000 S.P
ein Kilo Joghurt 2 000 S.P
acht Laibe Brot 200 S.P

Natürlich gibt es viele Lebensmittel wie Hühnerfleisch oder Eier überhaupt nicht mehr, nicht einmal zu einem hohen Preis.

Wegen des unglaublichen Preisanstiegs sehen sich die meisten Menschen in den besetzten Gebieten gezwungen, sich von Brot und Wasser zu ernähren, weil Brot das Einzige ist, was sie sich noch leisten können. Seit zwölf Monaten leben die Menschen in Al-Jurah, Al-Qusor und Haraabisch (die besetzten Vororte) mit dieser Lebensmittelknappheit. Die Menschen sind abgemagert. Tatsächlich sind Zeichen von Mangelernährung in den Gesichtern der Menschen zu erkennen, vor allem in denen der Kinder.

Der Sohn meines Onkels Ahyhad (zehn Jahre alt) erzählte mir, dass er sich mal wieder ein Eis wünscht. Er vermisse den köstlichen Geschmack. Aghyads Vater, ein Universitätsdozent berichtet, dass er sich in den Vorlesungen nicht mehr auf das konzentrieren kann, was er sagt, weil er im Geist damit beschäftig ist, wie er für seine Familien Tag für Tag etwas zu essen sichern kann.

Der Mangel an Nahrungsmitteln ist nicht das einzige Problem der besetzten Vororte. Das Fehlen von Medizin ist ein nicht weniger ernstes Problem. Der Rückgang bei Antibiotika, Schmerzmitteln, Insulin und anderen Grundmedikamenten hat ein kritisches Niveau erreicht. Menschen starben, weil sie nicht rechzeitig ihre Medikamente einnehmen konnten. Außerdem dauert es länger, bis Menschen mit Knochenbrüchen sich erholen, weil Lebensmittel fehlen, die Kalzium enthalten wie Eier oder Milch. Weil es im Krankenhaus keinen Strom gibt und keinen Treibstoff für Generatoren, sind die meisten Operationssäle stillgelegt.

Das bringt uns dazu, einen Blick auf eine weitere Krise in Deir-Ezzor zu werfen, die Strom- und Energiekrise. Die Stromversorgung wurde von ISIS vor mittlerweile zwei Jahren abgeschnitten, Ersatz durch Generatoren ist unerreichbar, weil ISIS alle Formen von Treibstofflieferungen in die besetzten Vororte verhindert. Öl und Diesel werden zu extrem hohen Preisen verkauft (ein Liter Öl erreicht bis zu 2000 SP und ein Liter Diesel 1 300 SP).

Arme Leute können es sich nicht mehr leisten, sich bei so frostigem Wetter warmzuhalten; die Leute in den Vororten fällen alle möglichen Bäume und nutzen das Holz zum Kochen und um ihre Häuser zu heizen. Das hat natürlich große Umweltschäden verursacht. Örtliche Parks sind jetzt nacktes Land und die grüne Umgebung ist nicht mehr grün.

In den letzten fünf Monaten hat die Belagerung eine kritische Stufe erreicht, weil es ISIS gelungen ist, zu verhindern, dass Flugzeuge auf dem Flughafen von Deir-Ezzor starten oder landen. Das hat die Situation noch verheerender gemacht, denn das Assad-Regime hat begonnen, alles zu konfiszieren, um seine loyalen Verteidiger zu versorgen. Das kommt noch zur Tragödie der drei Vororte hinzu, die nichts gegen die Brutalität von Assads Männern ausrichten können. Wasserpumpen sind wegen des Mangels an Diesel nicht mehr täglich in Betrieb. Die Menschen müssen sich mit Wasser für drei Tage bevorraten, weil die Pumpen nur alle drei Tage in Betrieb sind.

Dieser Artikel kann nicht alle Aspekte von Deir-Ezzors unvergleichlicher Tragödie abdecken. ISIS lässt keine Waren in die Stadt. Es ist ein Problem, Milch für dein Baby, eine Windel, paar Socken, Unterwäsche, Gläser für deine zerbrochene Brille, Nägel um ein Fenster zu richten oder zahllose weitere kleine Dinge für den täglichen Bedarf zu sichern. Was in Deir-Ezzor passiert, ist eine Schande für die ganze Welt. Diese bemitleidenswerte Stadt hat aber keinen angemessenen Anteil am Interesse der Medien. Sogar Syrer wissen nicht genau, was dort wirklich vor sich geht. Ein Somalia und ein Stalingrad im 21. Jahrhundert, das ist die zutreffende Beschreibung meiner Stadt Deir-Ezzor.

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1 KOMMENTAR
21.01.16 14:41

Betr.Mazioad Alousch

von Stachurski

Ein bedauernswerter Mensch.
Er hat seine Familie in einer Stadt zurückgelassen die von
Gewalt und Terror heimgesucht wird. Der Beschützer-Instinkt
ist hier wie auch bei anderen jungen Mãnnern (Asylanten )
auf der Strecke geblieben. Habe ich hier etwas nicht verstanden?
Hoffe für M.A. das alles gut wird. In diesem Sinne : "Wir schaffen
es !"

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ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    12. Januar 2016, 14:31 Uhr
    Aktualisiert:
    12. Januar 2016, 17:39 Uhr
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