Maziad Aloush bloggt: Ein Brief an alle Marler

MARL Die gute Nachricht erreichte Maziad Aloush am Mittwochmorgen. „Am 29. Januar habe ich einen Termin in Dortmund“, erzählt der junge Syrer. Seit September hat er auf die Einladung zur Außenstelle des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) gewartet. Endlich kommt das Asylverfahren in Gang. Der 31-Jährige ist im Sommer mit zwei Brüdern nach Deutschland gekommen. Seine Eltern und zwei Schwestern blieben in der umkämpften syrischen Stadt Deir-Ezzor zurück. In seinem Blog erzählt er seine Geschichte. Dieses Mal wendet er sich in einem Brief an die Bürger der Stadt Marl.

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Liebe Marler,

Ich schreibe heute wieder an Sie und ich bin nun schon den dritten Monat in Ihrer wunderschönen Stadt. Hier kam ich in Berührung mit so viel familiärer Vertrautheit, Geradlinigkeit und Versiertheit zur gleichen Zeit. Ich traf wundervolle Menschen, die ihr geregeltes Leben leben; die wissen was sie am Tag erwartet und wie sie ihre freie Zeit mit Genuss, Freude und Unterhaltung verbringen. Sie wissen den Wert der Zeit zu schätzen und nutzen sie mit Bedacht.

Ich war ergriffen von dem gegenseitigen Respekt der Menschen und ihren Gesetzen und Regeln. Ich sah niemanden vor einer Tankstelle oder einem Verkaufsstand Kämpfe ausfechten; ich hörte nicht an jeder Straßenecke lautes Hupen.

Gewöhnlich mache ich morgens einen Spaziergang. Ich rieche den Wald in der Nähe meines zu Hauses. Ich begegne Menschen zum ersten Mal und grüße sie – und sie grüßen mit einem freundlichen Lächeln zurück.
Das Leben ist geprägt von alltäglicher Routine und strukturierten Abläufen; jeder kennt seine Rechte und Pflichten.

Mit all dem um mich herum fühle ich mich nicht mehr isoliert, ich fühle mich inmitten einer Familie. Ich möchte mich noch mehr in diese großartige Gemeinschaft einfügen und möchte arbeiten gehen. Aber ein Arbeitsplatz ist nur mit Papieren für mich erreichbar und ich bin bis heute ein Mann ohne Fingerabdruck, ohne Identität, ohne Recht zu bleiben.

Die zuständigen Stellen hatten bisher immer nur eine Antwort für mich: „Warten Sie!“ Sie können nicht nachempfinden, was das Wort „warten“ für mich bedeutet. Ich habe lange gewartet, ohne jeglichen Fortschritt, ohne Arbeit und am Existenzminimum.

Aber die große Katastrophe trifft meine Familie und die Familien derjenigen, die in Syrien ausharren. Über die Situation in Syrien gäbe es viel zu sagen, beginnend mit der Abwesenheit von Frieden beginnen und bis hin zum Mangel an lebensnotwendigen Dingen und Medikamenten für chronisch Erkrankte.
Was auch immer ich jetzt an sie geschrieben habe, ich kann nicht beschreiben, welche Stürme der Gefühle mich in diesen Momenten erschüttern. Es ist eine Mischung aus Zufriedenheit über meine derzeitige Situation und Angst um die betagten Eltern, die ich in Syrien zurückließ und Frust, weil ich so lange warte, ohne das Recht zu bekommen, hier bleiben u dürfen.

Die größte Hoffnung besteht darin, der Mann zu sein, der diesem Land und seinen Menschen, die ihn in die Arme geschlossen haben, während er von den angrenzenden arabischen Ländern verstoßen wurde, etwas zurück geben kann.
 
Mit freundlichen Grüßen,
Maziad Aloush
 

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ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    20. Januar 2016, 17:29 Uhr
    Aktualisiert:
    20. Januar 2016, 18:30 Uhr