Maziad Aloush über Brauchtum und Tradition: Ein Fluch gegen die Menschlichkeit

Marl Seit August lebt Maziad Aloush in Marl. Mit seinen zwei jüngeren Brüdern ist er vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. Für die Marler Zeitung schreibt er über sein neues Leben in Deutschland, seine Erfahrungen und seinen Alltag in Marl. Diesmal geht es um Brauchtum und Tradition, und die Folgen davon...

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    Plötzlich wird der Kontakt abgebrochen... Alles nur wegen Tradition, Brauchtum oder Religion? Archivfoto: Peter Kneffel

Unterdessen hat auch der amerikanische Journalist Shane Dixon Kavanaugh über den Blog von Maziad Aloush im Online-Magazin "Vocativ" berichtet. Hier geht es zu dem Artikel.


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Eines Tages traf er sie, ein Mädchen voller Lebendigkeit, in der Blüte des Lebens mit einem dauernden Lächeln im Gesicht. Er fühlte sich erfüllt, wenn er in ihr engelsgleiches Gesicht sah, dass er in in allen winzigen Details im Geiste nachzeichnen konnte. Er wusste zunächst nicht, wie er sie nach ihrem Familienstand fragen sollte.

Die Antwort war frustrierend, aber er behielt die Kontrolle über sich. Sie plante ihre Hochzeit mit einem anderen Mann. Er ging nach Hause und dachte darüber nach, was ihn ihm vorging, in dem jungen Mann, den er für selbstbewusst und lebenserfahren hielt. Er konnte nicht aufhören, an sie zu denken, konnte ihre Erscheinung nicht aus seiner Vorstellung verbannen. Sie war das letzte, woran er dachte, bevor er einschlief, und das erste, was ihm morgens mit dem ersten Schluck Kaffee in den Sinn kam. Er sagte sich, sie wird bis zum Ende meiner Tage bei mir bleiben, sie wird mein Leben sein. Drei Tage hörte er nicht auf, an sie zu denken.

Am dritten Abend bekam er eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Ja, sie war es. Sie wurde seine Freundin im sozialen Netzwerk. Er mochte Facebook noch mehr in dieser Nacht. Aber er kam immer wieder zu dem Gedanken zurück, dass sie nicht sein Mädchen war, dass sie das Mädchen eines anderes Mannes war.

Er beschloss, mit ihr zu chatten – vielleicht hatte sich ja etwas geändert. Und tatsächlich passierte es: Er zitterte vor Freude, als sie ihm nach zwei Tagen erzählte, dass sie nun allein sei und dass sie den Mann verlassen habe. Er kam ihr immer näher, sein Interesse an ihr wuchs weiter, er spürte ihre Weiblichkeit und ihre Aufrichtigkeit in ihren Worten und Reaktionen. Nach ein paar Tagen kam die Enttäuschung wie ein Donnerschlag. Er fühlte sich, als hätte ihn jemand von einem hohen Berg in ein tiefes dunkles Tal geworfen. Sie sagte ihm, dass sie nicht länger ein Paar sein könnten. „Warum?“, fragte er erstaunt.

Es war wegen ihrer Sitten und Traditionen wegen ihres unterschiedlichen Glaubens. Ihre Eltern würden eine Hochzeit mit einem Mann anderen Glaubens nicht akzeptieren. Er war ein Mensch, der vorher nie auf solche Dinge geachtet hatte. Egal, um wen es ging – Glauben, Religion oder Konfession, Hautfarbe oder Nationalität waren nicht wichtig für ihn. Er schaute nur auf den Menschen. Er hasste Bräuche und Traditionen sogar und hatte sich nie vorgestellt, einmal in dieser Situation zu sein.

Ist das vernünftig!? Wir sind im 21. Jahrhundert und Menschen denken immer noch so. Es ist ein Fluch gegen die Menschlichkeit, jede Religion besteht aus zwei oder mehr Glaubensgemeinschaften und jede Glaubensgemeinschaft besteht wieder aus zwei oder mehr Gruppen.

Er sammelte seine Gefühle und schloss sie in seinem Herzen ein wie früher. Ja, er war gefallen, aber er stand nach jedem Fall wieder auf. Denn das Leben geht ohne Pause weiter. Aber er hasst sie immer noch, dieses Brauchtum und die Tradition. Er freut sich auf den Tag, an dem alle nur noch auf den Charakter eines Menschen schauen, und auf seine Menschlichkeit. Nicht auf die Hautfarbe, auf die Religion, den Glauben oder die Gruppe, zu der er gehört.

Maziad Aloush
 

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ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    10. Februar 2016, 12:21 Uhr
    Aktualisiert:
    10. Februar 2016, 12:38 Uhr