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Karo grübelt: Wie wird man eine Mademoiselle?

Ein Eintrag von Karo Jankowski

Recklinghausen „Ich friere“, dachte sich die Mademoiselle, wie sie so saß bei Nachte in einer Altherrenkneipe. Sie sah aus wie die Katastrophe im Petticoat. Wunderschön und zuckersüß aus der Ferne betrachtet. Doch in ihrer Mitte war sie unstet wie eine Wasserwaage auf hoher See. Entzückend musste auch er sie gefunden haben.

Und verwegen und aufregend und all der ganze utopische Kram, der einen immer vorsichtig und behutsam ums Maul geschmiert wird. Zuckerwattescheiße, die am Ende nur klebende und triefige Reste hinterlässt, die so schlecht weg kriegt. Sie wusste auch ganz genau, was mit ihr war. Das kirschrote Kleid, das zu ihren Lippen passte, verdreht gern Köpfe und wenn sie sich verstohlen die Locken zwirbelt, sieht das bestimmt appetitlich aus. Sie ist ja auch ein Leckerbissen.

So fand er auch und setzte sich eines abends mit seinen Aquariumaugen zu ihr, um ihr liebliche Phrasen zu schenken, von der Welt zu erzählen, die sie einst so liebte. Er kippte ihr den Wodka in den Rachen und warf ein Streichholz hinterher. Die Flamme stieg ihr dermaßen zu Kopf, dass alle Vernunft verbrannte. Sie war einen Herzschlag lang abgelenkt gewesen, und nun glüht es in ihr immer noch wie in einer Kokerei. Tag für Tag zwickt und brennt es. Der Aquariummann war ein Drachen - nur ohne Schnur. Nun schwebt er in unerreichbaren Sphären und sie springt und hüpft und klettert und verzweifelt langsam daran. Charlotte Roche würde ihr bestimmt den Tipp geben, ihn einfach gegen den nächsten Baum fliegen zu lassen. Und sie selbst ja auch, aber das geht leider nicht.

Bisschen prollig, wenig jammern

Nun sitzt sie da und grübelt wie ein verschlagenes Nagetier vor sich hin. Der größte Traum wäre es, einmal in einem alten Mustang den Highway entlangzufahren und dazu dreckige laute Gitarren-Riffs zu hören. Oder einfach ans Meer. Und in einem Biopic über sich selbst, hätte sie gerne KIZ als Background-Musik. Ihr Vater hatte ihr damals beigebracht, immer ein bisschen prollig zu sein und wenig zu jammern. So kriegt man im Leben, was man will. Der Vorteil an dieser ganzen Farce ist, dass sie morgen beim Aufwachen keinen Kater haben wird. Super Eigenschaft, den nächtlichen Bekanntschaften am Tag darauf alles erzählen zu können und die entgleisenden Gesichter zu beobachten. Ja, sie kann sie alle unter den Tisch trinken, sicher auch David Hasselhoff, wenn sie vorher eine Pommes Schranke isst.

Der Nachteil allerdings ist, dass sie im Prinzip immer nur das hatte, was sie nicht wollte. Und hier sitzen tut sie nun, weil sie das nicht hat, was sie so unbedingt will. „Mensch Papa, ey, das funktioniert nicht, wie du’s mir erklärt hast“, denkt sie sich wütend. Jetzt ist sie ein französischer Vollproll. Nicht besonders elegant. Sie kann sich damit trösten, dass sie sich persönlich irrsinnig super findet. Ja, doch, wäre sie vom anderen Geschlecht würde sie einen Scheißspaß mit sich haben. Wenn dieses Wort „wenn“ nicht wäre, dass ihre Gleichung zunichte macht. Abfuck. Sink or swim – Aufgeben wäre genauso ein Abfuck, also packt sie nun ihre sieben Sachen zusammen und macht sich auf die Suche.
 
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Caro Jankowski
Karo Jankowski
Redaktion Scenario

ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    10. Februar 2016, 14:58 Uhr
    Aktualisiert:
    10. Februar 2016, 15:11 Uhr