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Lena ist ausgelaugt: Schullektüren vermiesen das Lesen

Ein Eintrag von Lena Gibbels

Datteln Puh, Pflichtlektüren in der Schule... Bücher sind einfach toll und ein großer Puzzlestein meiner Entwicklung. Seit ich drei oder vier bin lese und lese ich Buch um Buch. Conni, Hermine Granger, Atréju, Mo, Nesthäkchen, Scipio und Molly Moon waren meine verständnisvollsten Freunde, als der Rest der Welt es nicht so war. Und ich kann mich unglaublich glücklich schätzen, dass ich schon von klein auf so ein Bücherwurm bin, denn wäre ich das nicht, so würde ich ein Buch seit der Oberstufe nicht mal mit Fingerspitzen anfassen.

Und das ist doch wirklich schade, aber ich kann es niemandem verdenken, der ab der 10. Klasse ein negatives Verhältnis zur Literatur entwickelt. Es geht ja nur immer weiter abwärts. "Ödipus" war noch faszinierend in seiner für eine 13-Jährige wirklich abstoßende Geschichte. "Die Physiker" fand ich toll. "Kabale und Liebe" war der Anfang vom Ende.
Man denkt nach jedem Buch „Schlimmer geht’s nicht“ und dann kommt es schlimmer. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie erniedrigend es ist, dreimal die Woche so zu tun, als würde man wirklich tiefen literarischen Wert in einem Werk erkennen, das weder Grammatik noch ein Ende hat oder einfach keinen Sinn ergibt, und das absichtlich.
Aber wozu das Ganze? Für historisches Verständnis? Sehr gern, aber wieso denn so verschachtelt verpackt, dass man an den historischen Aspekt nicht drankommt, wenn man ihn nicht genau kennt und dann um sechs Ecken interpretiert und mutmaßt?

Für literarisches Verständnis? Die Zeitperioden haben so tolle Werke hervorgebracht, nicht nur diese vier bis fünf Werke, die unsere armen Deutschlehrer Jahr für Jahr ausschlachten müssen. Englischunterricht beweist doch, dass es auch anders geht. "13 reasons why" und "Brave new world" fand ich klasse, bei "Macbeth" erkenne ich zumindest den bildenden Charakter, der mir bei "Woyzeck" so komplett abgeht.

Wie kann man denn die Worte „Ich hasse Schule“ verurteilen, wenn die Schule so abläuft? Ich liebe Lernen, ich liebe Unterricht, aber unser Schulsystem ist so furchtbar weit entfernt von diesen Dingen. In New York, wo ich war (Scenario berichtete unter der Rubrik "41-Stunden-Flug") ging der Unterricht von 9 bis 16 Uhr, also ähnlich wie hier. Für mich war er doppelt fordernd, ich musste nicht nur Gedichte bzw. Prosa schreiben und auf hohem Niveau analysieren, sondern das auch noch in einer Fremdsprache tun. Wir liefen ständig durch die Gegend, nahmen die U-Bahn zu verschiedenen Orten, und all das in der tödlichen Hitze des ostamerikanischen Sommers. Trotzdem war ich nach 4 Uhr noch mehr als fit genug für diverse Aktivitäten.

Hier hingegen könnte ich schon um 11 Uhr den Kopf auf den Tisch legen und einschlafen, und die Augen meiner Mitschüler sehen nicht wirklich anders aus. Dieser ewige plätschernde Gleichklang, die immerwährende Gewissheit, dass man das Gelernte niemals außerhalb der Schule brauchen wird und nur von der Anwesenheitspflicht dagehalten wird. Das kann so auslaugend sein.
 
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Lena Gibbels
Lena Gibbels
Redaktion Scenario

ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    25. Januar 2016, 13:25 Uhr
    Aktualisiert:
    25. Januar 2016, 13:55 Uhr