Blog: Unter uns

Schulthema Nationalsozialismus: Im Unterricht abgestumpft

Ein Eintrag von Lena Gibbels

Datteln Wir sind jetzt langsam endlich fertig mit „Der Process“, das wohl abgef...ertigste Buch, das ich je im Deutsch-LK behandeln musste. Also hab' ich mir das Lesen diesmal einfach gespart und 15 Punkte in der Klausur ergattert. So viel zum Thema Literaturverständnis. Was für ein Quatsch. Naja, ich wollte eh über was ganz anderes reden, denn natürlich mussten wir den guten alten Kafka auch historisch einordnen.

Eine Dramaqueen war die Welt schon immer, auch hier. Von 1914 bis '89 hatte man ja pausenlos Stress. Und trotzdem ist momentan bei meinen lieben Mitschülern eine ganz neue Art von Weltbewusstsein an der Tagesordnung. Vielleicht ist es nur ein Gefühl, aber man scheint mehr und mehr abzustumpfen.

Ich meine, ich gehe jetzt schon seit fast elf Jahren zur Schule, in neun Wochen ist mein letzter Schultag, ich bin also schon etwas länger hier. Und ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft man etwas wie „Das ist doch irgendwie so wie Hitler“ oder „Das kann man ja auch wieder mit dem Nationalsozialismus vergleichen“ im Klassenraum hört. Bin das nur ich, oder klingt es auch für andere Ohren immer monotoner? Gelangweilt wird überall ein Vergleich zu den Nazis gebracht – und er passt ÜBERALL laut dem deutschen Schüler. Auch auf einen Roman, der 1914 verfasst wurde. Der kritisiert das NS-Regime. Definitiv.

Zugegeben, die ganze Story wird uns auch im Unterricht wieder und wieder reingewürgt, so lang, bis sie jegliche Bedeutung verliert. Heute haben wir Vektoren und Judenvernichtung gelernt, Mama. Über die Formung von Gymnasiasten könnte ich mich eh stundenlang aufregen, über diese Hauptsache-man-sagt-irgendwas-Kultur, aber dass es möglich ist, eine so grauenvolle und unvorstellbare Periode unserer Zeit derartig zu entkräften, hätte ich nie gedacht. Denn ich bin definitiv „gegen das Vergessen“, versteht mich nicht falsch. Und gerade deswegen MUSS ich einen Schritt zurücktreten und reflektieren, wenn ich mittlerweile die Augen verdrehe und gern den Kopf auf den Tisch hauen möchte, sobald es wieder zwei Reihen hinter mir heißt „Mich erinnert das grad irgendwie total an das dritte Reich und so“.
Denn so darf es auf keinen Fall erinnert werden.
 
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Lena Gibbels
Lena Gibbels
Redaktion Scenario

ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    18. Januar 2016, 12:00 Uhr
    Aktualisiert:
    18. Januar 2016, 12:22 Uhr