Literaturnobelpreisträgerin Szymborska gestorben

02. Februar 2012 14:20

Warschau/Krakau (dpa). Sie war eine Dame - so beschrieb ihr langjähriger Assistent Michal Rusinek im polnischen Fernsehen die am Mittwochabend gestorbene Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska.

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Die polnische Dichterin und Literatur- Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska starb im Alter von 88 Jahren. Foto: Arne Dedert

Und so wie sie lebte, starb die 88-jährige auch - privat, zurückgezogen und in aller Stille. Auch Krankheit und Schwäche hielten sie bis zuletzt nicht von der Arbeit ab - wann immer es ging, arbeitete sie an neuen Gedichten.

«Sie starb auf die bestmögliche Weise, in ihrer Wohnung, im eigenen Bett», sagte Rusinek, dessen Aufgabe auch darin bestanden hatte, Szymborska nach dem 1996 verliehenen Literaturnobelpreis Möglichkeiten für den Rückzug ins Private zu sichern. Denn die scheue Dichterin Szymborska mied die Öffentlichkeit, wo sie konnte. «Sie wollte nicht, dass der Leser weiß, wie sie ist, sondern weiß, was sie zu sagen hat», sagte Rusinek.

Der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski würdigte Szymborska als «guten Geist» der Polen. «In ihren glänzend geschriebenen Versen haben wir ausgezeichneten Rat gefunden, der die Welt verständlicher machte. Sie hat uns gezeigt, dass es wichtig ist, den Wert des Alltäglichen zu suchen, in den Momenten, auf die wir im Alltag nicht achten.»

In wenigen Monaten soll Rusinek zufolge Szymborskas letzter Gedichtband veröffentlicht werden. Der Titel passt zur Selbstironie der Dichterin: «Wystarczy» (Es reicht). «Sie hat sich das als Scherz ausgedacht, aber jetzt ist es nicht mehr witzig», sagte Rusinek. Er habe am vergangenen Sonntag von der Schriftstellerin Abschied genommen. «Wir haben eine letzte Zigarette geraucht, einen letzten Kaffee getrunken.»

«Ich bin keine kulturelle Institution», sagte die 1923 in der Nähe von Poznan (Posen) geborene Szymborska vor Jahren in einem ihrer seltenen Interviews. Sie könne sich nicht ständig zeigen und «von acht Uhr morgens bis zehn Uhr in der Nacht reden, reden, reden». Sie müsse Zeit zum Schweigen haben, denn Poesie entstehe im Schweigen. Ministerpräsident Donald Tusk erklärte zum Tod der Autorin: «Sie wartete nicht auf Ruhm und rechnete nicht auf Ehrungen. Als sie zu Ruhm gelangte, war das für sie eher unangenehm.»

Szymborska gehörte nicht zu den Vielschreibern - zwischen den Veröffentlichungen ihrer feinsinnigen und mitunter ironischen Gedichtbände konnten mehrere Jahre vergehen. Ihr letzter Gedichtband wurde 2008 veröffentlicht, insgesamt schrieb sie rund 350 Gedichte. Für ihre Leser lohnte sich das Warten. Kritiker lobten ihre schnörkellose Sprache und die Unabhängigkeit von künstlerischen Strömungen.

Die zierliche Frau mit den fein geschnittenen Gesichtszügen sagte einmal, sie wisse selbst nicht, warum sie Gedichte schreibe. «Nur für einen Augenblick bin ich hier», schrieb sie in ihrer «Reiseelegie» über die eigene Vergänglichkeit.

Doch Szymborska war nicht nur die zurückhaltende Dame oder sensible Intellektuelle. In Nachrufen erinnerten Freunde und Weggefährten an ihren Humor, ihre Liebe zu kitschigen Reiseandenken und ihre Bewunderung für den Boxer Andrzej Golota. Viele Leser Szymborskas dürften auch mit Überraschung erfahren, dass die Dichterin nicht nur ein Fan von Woody Allen, sondern auch geradezu süchtig nach einer südamerikanischen Seifenoper war. Nie habe sie eine Folge ihrer Lieblingsserie verpasst habe, behauptete die Zeitung «Super Express».

Krakau war seit vielen Jahrzehnten die Wahlheimat Szymborskas, die in der alten Königsstadt Literatur und Soziologie studiert hatte. Ihr erster Gedichtband «Deshalb leben wir» im Jahr 1952 entsprach noch ganz dem Literaturverständnis des «sozialistischen Realismus». Doch schon das 1962 erschienene Gedichtbuch «Salz» begründete ihren Ruf als führende polnische Lyrikerin.

In Krakau, wo am Donnerstag die Fahnen vor den öffentlichen Gebäuden auf halbmast hingen, will Szymborska auch ihre letzte Ruhestätte finden - nicht im Pantheon der polnischen Kultur in der Nähe der Wawelburg, sondern im Familiengrab auf dem Rakowicki-Friedhof, auf dem auch die Eltern von Johannes Paul II. begraben sind. Auch im Tod legte die Dichterin eben Wert auf ihre Privatsphäre.

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