Erfolg für Bärfuss und Walburg in Zürich

12. Februar 2012 12:54

Zürich (dpa). Verdrängen statt Bewältigen. Dagegen wehren sich der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss und der deutsche Regisseur Lars-Ole Walburg mit einer bitteren Farce am Schauspielhaus Zürich.

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Lukas Bärfuss (l) und Lars-Ole Walburg haben Erfolg in Züricch. Foto: Friso Gentsch/Peter Steffen

Die Aufregung war groß, auch die allgemeine Scham. In einem erschütternden Bericht hielt der US-Staatssekretär Stuart Eizenstat der Schweizer Nationalbank vor, dass und wie systematisch sie Nazi-Deutschland Raubgold-Beute aus dem Vernichtungsfeldzug gegen die Juden abgekauft hatte. Die Enthüllungen beherrschten die politischen Debatten in der Alpenrepublik. Das war vor 15 Jahren. Irgendwann kehrte wieder Ruhe ein. Nun rüttelt der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss mit Hilfe des deutschen Regisseurs Lars-Ole Walburg erneut am politischen Gedächtnis der Eidgenossen.

Zumindest jener, die ins Theater gehen. Bei ihnen aber wohl mit großem Erfolg, wie der langanhaltende Beifall nach der Uraufführung der bitteren Farce «Zwanzigtausend Seiten» am Schauspielhaus Zürich ahnen ließ. Der 40-jährige Bärfuss aus dem malerischen Thun, der zu den gefragtesten Dramatikern Europas gehört, thematisiert damit das oft menschenverachtende Verhalten Schweizer Staatsdiener gegenüber jüdischen und anderen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkrieges.

Der gebürtige Rostocker Walburg (47) - von 2003 bis 2006 Schauspieldirektor in Basel und seit 2009 Intendant des Schauspiels Hannover - setzte das dialogstarke Stück mit minimaler, aber effektvoller Bühnentechnik und Kostümierung auf einer quadratischen Fläche in Szene, die von den Zuschauern an allen vier Seiten umgeben wird. So entsteht starke Nähe zwischen dem engagierten Schauspielerensemble und dem Publikum. Man ist versucht, einfach mitzureden, so unmittelbar wird man in das Stück und die umstrittene Schweizer Weltkriegsgeschichte hineingezogen.

Im Mittelpunkt steht der Tagträumer Tony (Sean McDonagh). Durch einen Unfall werden in seinem Kopf 20 000 Seiten umfassende Dokumente zum Schicksal von abgeschobenen Flüchtlingen gespeichert. Ein Wissen, mit dem er ringt, weil es ihn nicht loslässt, das er am Ende aber nur noch löschen möchte. Man fühle sich halt schlecht, wenn man immer über das Elend anderer nachdenke, heißt es da. Und wer wolle sich schon dauernd schlechtfühlen? Verdrängung statt Bewältigung.

Heftig teilen die Theatermacher aus, als Tony in einer TV-Show mit seiner Gedächtnisleistung gegen eine Schlager singende Busfahrerin antritt. Fast gewinnt er. Doch als Tony ernsthaft anfängt, das Schicksal des jüdischen Flüchtlings Oskar auszubreiten, der von Schweizern zurückgeschafft wurde und später ins KZ kam, als auch noch gefragt wird, wieso Nutznießer des Weltkrieges in der Schweiz unbehelligt blieben, fliegt er raus. Es siegt die trällernde Busfahrerin, durchaus eine Parabel auf den Umgang längst nicht nur vieler Schweizer mit dem «unfeinen» Teil der eigenen Geschichte.

Theater, das provoziert, überrascht und sich einmischt - dafür ist Walburg ebenso bekannt wie Bärfuss, mit dem er seit einigen Jahren zusammenarbeitet. Dass den Regisseur ausgetretene Pfade langweilen, hatte er auch bei seinem Antritt in Hannover klargemacht - was dort wohl nicht jeder reizvoll fand. Unumstritten war Walburg auch in Basel nicht. Aber was ist schon ein Theatermann, an dem das Publikum sich nicht reiben kann? In Zürich jedenfalls scheint er nicht nur provoziert, sondern auch überzeugt zu haben.

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