Olaf Kröck im Interview: Weniger Etat, aber viele Ideen: So werden die Ruhrfestspiele 2019

RECKLINGHAUSEN 14 Jahre lang hat Frank Hoffmann die Ruhrfestspiele geleitet. Und das sehr erfolgreich. Jetzt übernimmt Olaf Kröck das Ruder. Wir haben mit dem neuen Intendanten gesprochen. Über Sparzwänge, programmatische Veränderungen – und persönliche Vorlieben. Ein paar Höhepunkte des Festivals 2019 hat er dabei auch verraten.

  • Olaf Kröck

    Olaf Kröck, der neue Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen im Gespräch. Foto: Jörg Gutzeit Foto: J. Gutzeit

Wir leben in politisch wirren Zeiten. Was kann, was muss, was sollte Theater da leisten?

Man merkt heute schon im Bus, in Kneipen oder bei Familienfesten, dass es wieder wichtiger wird, über die politische Wirklichkeit zu sprechen. Auch, wenn das in verschiedene Richtungen geht. Plötzlich gibt es überraschend viele Menschen, die Sympathien haben für fremdenfeindliche Argumente, für Ressentiments gegenüber dem demokratischen System. Rechtspopulisten kommen um die Ecke und bieten unglaublich einfache Lösungen an. Auch falsche, verlogene, unaufrichtige Lösungen. Viele springen darauf an. Theater kann sich konkret damit auseinandersetzen: Was geschieht, wenn eine aufstrebende Diktatur nicht ernst genommen wird? Was, wenn der Faschismus vielleicht wieder hochkommt? Und genau damit werden wir uns auch bei den Ruhrfestspielen 2019 intensiv beschäftigen.

Sie übernehmen ein erfolgreiches Unternehmen. Was herrscht bei Ihnen derzeit vor: Angst vor dem Scheitern? Lust, zu verändern? Einfach machen?

Ganz klar: Lust am Weiterführen. Scheitern könnte ich nur, wenn ich einen extremen programmatischen Wechsel mache – und alles ändere. Aber das tue ich nicht. Die Ruhrfestspiele sind eines der publikumsstärksten Festivals überhaupt in Europa. Das heißt: Es kommen sehr viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Erwartungen. Die Ruhrfestspiele sollen breit aufgestellt bleiben.
Das heißt: Es gab Kinder- und Jugendtheater. Und das wird es auch weiterhin umfangreich geben. Es gab diesen Bereich, der Fringe hieß – und der wird inhaltlich genauso weiter existieren. Ich will mich allerdings stärker auf die Genres konzentrieren, sie direkt benennen: Neuer Zirkus, Tanz …
Es gibt weiter nationales und internationales Schauspiel, Tanztheater, Literatur und Lesungen – jetzt auch mit den Autoren selbst. Es gibt Kabarett oder die unterhaltenden Formen des Musikalischen. Wir wollen, dass für jeden etwas dabei ist.
Ich hoffe, dass es beim Publikum zudem die Lust gibt, sich auf Neues einzulassen. Sachen, bei denen man nicht genau weiß, was einen erwartet. Da ist die Frage wichtig: Wie vermittelt man im Vorfeld genug – ohne alles zu verraten. Wir haben es mit einem durchaus erfahrenen Publikum zu tun. Aber es sind nicht alle Kunstexperten.
Es geht nicht, dass jemand um 18 Uhr von der Arbeit kommt, sich schnell umzieht und ins Ruhrfestspielhaus fährt – jemand, der sich nicht tagtäglich mit Kunst beschäftigt, und dann irgendetwas vor den Latz geknallt bekommt, ohne dass man ihr oder ihm vorher eine Art Leitplanke gebaut hat. Man muss sagen: Hey, der Regisseur kommt da her, das Stück hat diesen oder jenen Kontext, der Autor hat Folgendes im Blick …

Beim Abbau von Hemmschwellen ist aber auch das Internet wichtig. Wir bearbeiten den Internetauftritt deshalb völlig neu. Wir werden auch mit Video und Trailern arbeiten. Da sagen schon anderthalb Minuten viel.

Man kann Sie nicht direkt an den letzten Quoten der Ära Hoffmann messen. Es geht ja eher um die Entwicklung der Publikums-Zahlen über Jahre. Aber was ist Ihre Ausgangsposition? Wie sieht es aus mit dem Geld? Gab es ein Füllhorn oder nur einen Grundstock?

Nein, ich habe definitiv kein Füllhorn bekommen. Eher das Gegenteil. Bekannt geworden ist ja schon, dass der Hauptsponsor (die Red.: also Evonik) nicht mehr Hauptsponsor ist – und sein Engagement deutlich zurückfährt. Es ist eine signifikante Größenordnung. Wir haben insgesamt ein Viertel bis ein Drittel weniger (die Red.: bei zuletzt sieben Millionen Euro Etat dürften das knapp zwei Millionen Euro sein) – und müssen sofort Maßnahmen ergreifen. Zum Beispiel die Ruhrfestspiele eine Woche kürzer laufen lassen, also sechs anstatt sieben Wochen, und auf das Abschlusskonzert verzichten.
Das Fringe-Zelt wird es ebenfalls nicht mehr geben. Allerdings die Inhalte. Wir benutzen das Theaterzelt – und werden darin einen Mix aus dem machen, was vorher in beiden Zelten lief.
Weniger Programm heißt weniger Zuschauer – und weniger Einnahmen. Wir wollen und werden dennoch ein buntes, vielfältiges, sattes Festival anbieten. Die Menschen sollen merken: „Das sind meine Ruhrfestspiele mit allem, was dazu gehört.“

Sie sagen, Sie ändern jeden Tag das Programm. Wie weit sind Sie?

Wir liegen gut im Rennen. Aber manche Sachen passieren. Mir ist, das sage ich ganz offen, vor zwei Wochen meine Eröffnungspremiere geplatzt. Und zwar schlicht aus dem Grund: Sie wird erst später produziert als geplant. Da wird man natürlich nervös. Aber ansonsten: 80 Prozent stehen, die restlichen 20 sind ein bisschen Abfrage, ein bisschen Abstimmung – und ein bisschen Poker.

Verraten Sie uns erste Highlights?

Erstens: Ja, es wird ein Hollywood-Star kommen. Ich sag Ihnen aber noch nicht welcher. Cate Blanchett hat leider abgesagt, weil sie genau zu der Zeit dreht.
Mir wirklich wichtig und inhaltlich absolut relevant ist das deutsch-namibianische Projekt OWELA. Junge Nachwuchskünstlerinnen aus Namibia, aber längst echte Größen im südlichen Afrika. Denen geht es aber jetzt nicht um die Kolonialgeschichte. Wir haben bisher keine Ahnung, ob es ein Theaterstück, eine Installation oder eine andere Kunstform wird. 
Auf das Zweite, das ich an dieser Stelle verrate, bin ich ebenfalls wirklich stolz. Wir arbeiten mit ein paar Big Playern der Theaterszene zusammen. Es ist die Toneelgroep Amsterdam und Ivo van Hove, einer der größten europäischen Regisseure der Gegenwart. Es geht um eine Roman-Adaption. „A Little Life“ – „Ein wenig Leben“ heißt das Buch von Hanya Yanagihara, das erfolgreichste des letzten Jahres in den USA.
Es ist aber nicht nur extrem erfolgreich, sondern wird beim Leser zum biografisch einschneidenden Erlebnis. Es hat mit kirchlichem Missbrauch zu tun. Kein leichter Stoff. Aber dennoch zugänglich und sehr konsumerabel. Es reißt einen emotional mit.
Die Rechte sind schon wieder weg, weil das Buch jetzt in Hollywood verfilmt wird. Aber wir dürfen es zeigen. Später geht das Stück noch nach London, Paris, Seoul – und an den Broadway. Das ist schon jetzt ein Welterfolg und die Ruhrfestspiele haben es mitproduziert.

Sie sind jeden Tag hier. Sind Sie persönlich schon in Recklinghausen angekommen?

Eigentlich ja. Trotzdem kommt es noch vor, dass ich – wie gerade erst – in die Buchhandlung Musial gehe und mich danach in der Fußgängerzone verlaufe.

Sie waren in Bochum, jetzt sind Sie in Recklinghausen. Was macht für Sie die Revierszene publikumstechnisch aus?

Sie ist normal. Und das ist ein riesiges Geschenk. In vielen Städten erlebt man ein wirklich borniertes Publikum. Und das fehlt hier – Gott sei Dank! Natürlich ist die Toleranzschwelle nicht ganz so niedrig wie bei einem eher abgeklärten Berliner Publikum – das kann man ja mit gar nichts mehr irritieren. Aber mir ist das sehr viel lieber. Wegen der Begeisterungsfähigkeit einerseits und der Diskussionslust andererseits. Und abschrecken lassen sich die Leute hier trotzdem nicht so einfach.

Zum Abschluss ein paar persönliche Fragen. Ihre liebsten drei Inszenierungen 2018?

1. „Ein wenig Leben“, weil mich das erschüttert – und begeistert hat. 2. Die spektakuläre „Edda“ von Thorleifur Örn Arnarsson in Hannover, die wir leider nicht einladen konnten. 3. Der „Volksverräter“ aus Bochum, der sich so schön böse und gleichzeitig unterhaltsam mit Rechtspopulismus beschäftigt und uns zeigt, wie verführbar wir selber sind.

Ihre drei Lieblingsbücher?

Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“, Anna Seghers „Das siebte Kreuz“ und – das lese ich mit meinen Kindern – Jo Nesbøs „Doktor Proktors Pupspulver“.

Ihre drei Lieblings-Alben oder -Songs?

Max Richter, Recomposed, „Vier Jahreszeiten“, Vivaldi; Michael Jacksons „Thriller“ – das kommt noch vor Queen; „Blackbird“ von den Beatles.

Ihre drei Lieblingsfilme, gleich ob im TV, im Kino oder auf DVD?

Also: Ich bin totaler „Casablanca“-Fan. Dann die grimmepreisgekrönte Doku „Losers and Winners“ über den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Und dann, muss ich zugeben, stehe ich wirklich auf die Marvel-Filme. „Dr. Strange“ zum Beispiel ist toll.

Ihre drei Lieblings-Speisen?

Sushi, beziehungsweise eigentlich jede Form von asiatischem Essen. Dabei aber eher die Thai- und Vietnam-Küche. Ich mag aber auch Blutwurst. Und Spaghetti Bolognese kann ich einfach immer essen.

Ihre drei Lieblings-Getränke?

Der einzig starke Alkohol, den ich mag, ist Whiskey. Wodka geht gar nicht. Ich trinke leider auch sehr gerne Kaffee. Und dann mag ich Tonic-Schorle.

Ganz zum Schluss die Frage nach Ihren drei Lieblingsorten im Revier?

Ich mag den Wochenmarkt Essen-Rüttenscheid, den Stadtpark Bochum, auch wenn er klein ist – und Einkaufszentren. Da, wo jetzt gnadenloser Kommerz herrscht. Ich liebe diese künstlichen, UFO-haften Welten. Die sind ein bisschen wie Hogwarts. Orte der Versprechungen.
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ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    9. Dezember 2018, 14:51 Uhr
    Aktualisiert:
    12. April 2019, 16:45 Uhr