Edvard Munch als Wegbereiter der Moderne

Von Christian Rupp, dpa am 03. Februar 2012 16:21

Frankfurt/Main (dpa). Gealtert ist er und fahl. Die Arme hängen schlaff herab, Edvard Munch scheint sein Schicksal bereits zu ahnen: Nur ein Jahr, nachdem er sein Selbstbildnis «Zwischen Uhr und Bett» vollendet hatte, starb der große Künstler.

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Munchs Selbstbildnis «Zwischen Uhr und Bett» kommt an die Wand. Foto: Boris Roessler

Jetzt ist das großformatige Gemälde eines der Schlüsselwerke der spektakulären Munch-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Zu sehen ist sie vom 9. Februar bis zum 13. Mai.

Die Werkschau, die zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wird, ist eine Kooperation des Städel mit dem Centre Pompidou in Paris und dem Munch-Museum in Oslo. Bis zum 23. Januar war sie in Frankreich zu sehen und erlebte dort einen Besucher-Ansturm. Mehr als 4500 Menschen drängten täglich in die Hallen, 490 000 Besucher waren es am Ende insgesamt: Platz sechs der besucherstärksten Ausstellungen in der Geschichte des Centre Pompidou.

Das Besondere der Ausstellung ist, dass sie mit einem Vorurteil aufräumen will: Munch (1863 bis 1944) ist nicht nur der gefeierte Expressionist - er war ganz und gar modern! Ein Künstler, der neue Aufnahmetechniken wie Fotografie und Film wie selbstverständlich in sein Repertoire aufnahm und mit ihnen experimentierte, so die These.

Dazu zeigen die Ausstellungsmacher rund 130 Arbeiten, die vor allem aus dem bislang wenig erforschten Spätwerk des Norwegers stammen. 60 Gemälde, 20 Arbeiten auf Papier, 50 Fotografien in Originalabzügen sowie vier seiner Schwarz-Weiß-Filme sind zu sehen. Dabei wurde die Frankfurter Ausstellung gegenüber dem Centre Pompidou nur geringfügig verändert, wie Schirn-Sprecher Markus Farr berichtet. Vom 28. Juni bis 12. Oktober sind die Arbeiten dann in der Tate Modern in London zu sehen.

Gegliedert ist die Ausstellung in die großen Themen, die das Werk Munchs durchziehen: die Auseinandersetzung mit der Perspektive, die Selbstbildnisse, das Stilmittel der Wiederholung, die theatralische Inszenierung, die Sehstörungen.

«Es ist eine Ausstellung, die zum Entdecken einlädt», meint Farr. Denn sie zeigt zum einen, wie der Künstler ein und dasselbe Sujet immer wieder über Jahrzehnte hinweg in Zeichnungen, Gemälden, Grafiken und Skulpturen verarbeitete und weiterentwickelte. Zum anderen beleuchtet sie aber auch die unbekannten Seiten des Norwegers.

Dazu zählen vor allem die farbigen Aquarelle und Zeichnungen, mit denen Munch von 1930 an seine visuellen Eindrücke nach einem Riss der Netzhaut wiedergibt. Konzentrische Kreise, bunt und voll schwarzer Flecke, geben sie einen Eindruck von dem, was Munch wahrnahm. Noch niemals zuvor gezeigt wurden nach Aussage der Ausstellungsmacher auch die Fotos, die Munch mit einem Fotoapparat von sich selbst machte: am ausgestreckten Arm, wie Handy-Schnappschüsse in sozialen Internet-Netzwerken heute - eben «der moderne Blick» eines Edvard Munch.

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