Reise der Erinnerungen mit Louise Bourgeois

Von Carola Große-Wilde, dpa am 13. Februar 2012 15:13

Hamburg (dpa). Angst, Liebe, Tod: Das waren die Themen, mit denen sich Louise Bourgeois (1911-2010) ein Leben lang auseinandergesetzt hat. Eine Ausstellung in Hamburg ehrt die Jahrhundertkünstlerin.

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Die Spinnen-Skulptur «Maman» der Künstlerin Louise Bourgeois vor der Kunsthalle. Foto: Angelika Warmuth

London, Paris, Tokio: Sie war schon überall in der Welt zu sehen, die riesige «Maman», die neun Meter hohe Spinnenskulptur der Künstlerin Louise Bourgeois (1911-2010). Seit zwei Wochen steht sie nun auf der Plattform zwischen den beiden Museumsgebäuden der Hamburger Kunsthalle und lässt den Betrachter verwirrt zurück. Fühle ich mich bedroht? Oder fühle ich mich auch beschützt unter ihren riesigen Beinen? Die Spinne, das Lieblingstier der französisch-amerikanischen Bildhauerin, das sie an ihre Mutter, eine Weberin erinnert, ist der Höhepunkt der Ausstellung im Hubertus-Wald-Forum, die noch bis zum 17. Juni zu sehen ist.

«Passage dangereux» (Gefährliche Reise) lautet der Titel der Schau zum Spätwerk der Künstlerin - in Anlehnung an die größte und spektakulärste der sogenannten «Cells» (Zellen), an denen Bourgeois seit 1986 arbeitete. Zu sehen ist ein acht Meter langer und knapp vier Meter breiter Käfig, durch dessen Gitterwände man hineinsehen kann in verschiedene Räume. Ursprünglich war dieses Werk zum Betreten gedacht, aber die Künstlerin entschied sich später dagegen - nicht zuletzt wegen der fragilen Gegenstände in seinem Innern. «Alle Themen, mit denen sich Louise Bourgeois auseinandergesetzt hat, sind hier integriert: Angst, Abhängigkeit, Erinnerung, Sexualität, Liebe und Tod», erklärt die kuratorische Assistentin Luisa Pauline Fink.

Zu sehen sind Hasenohren aus Marmor, Manschetten von ihrem Vater, Glaskugeln mit Rinderknochen, eine Kinderschaukel und immer wieder Tapisserien, Bildteppiche, die ihre Mutter restaurierte. «Der schöpferische Impuls für all meine Arbeiten, für all meine Themen ist in meiner Kindheit zu suchen», sagte Louise Bourgeois einmal, die in der Nähe von Paris aufwuchs, wo ihre Familie eine Galerie für historische Textilien betrieb. Zu ihrem Vater Jean-Louis hatte Louise ein sehr angespanntes Verhältnis. Er betrog ihre Mutter Joséphine zehn Jahre im eigenen Haus mit einem englischen Kindermädchen, das Louise die englische Sprache beibrachte.

«Man staunt, wie vielfältig Louise Bourgeois war. Es ging ihr immer darum, das adäquate Material zu finden für das, was sie ausdrücken wollte», sagt Fink. Im Gegensatz dazu habe sich die Künstlerin, die seit 1938 in New York lebte und dort ihren großen Durchbruch feierte, inhaltlich immer den gleichen Themen gewidmet: ihrem Leben, ihrer Kindheit, ihr nahestehenden Menschen. «Ihr Werk geht aber weit über das Bebildern der eigenen Geschichte hinaus. Es ist nicht das Tagebuch einer Frau, sondern durch die radikale Zuwendung zu sich selbst findet sie Aussagen, die über das Individuelle hinausgehen», meint Fink.

So zeigt die «Cell XXII» (Portrait, 2000) eine in sich gesunkene Stoffpuppe in einem Glaskasten, zusammengenäht aus Stofffetzen der Künstlerin. Es könnte ein Selbstporträt sein, oder auch die Beschreibung eines menschlichen Zustandes. In dem Werk «Untitled», 1996, gibt die Künstlerin selbst Deutungshinweise: Ein glitzerndes Abendkleid, transparente Unterröcke und filigrane Hemdkragen hängen an Kleiderbügeln aus Rinderknochen. Am Boden ist eine Metallplatte angebracht mit der Inschrift: «Seamstress, mistress, distress, stress - Schneiderin, Geliebte, Elend, Stress.» - die Wörter beschreiben die angespannte Situation, der sich Louise Bourgeois als Kind ausgesetzt sah - und die Gefühle, die sie ihr Leben lang begleiteten.

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