Grammys 2012: Von Bristol über Hambergen nach L.A.

Von Bettina Greve, dpa am 09. Februar 2012 14:52

Hambergen/Berlin (dpa). Es ist ein kleines, unabhängiges Plattenlabel aus Norddeutschland, das bei der Grammy-Verleihung am Sonntag gegen große Namen der internationalen Musikbranche antritt.

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Richard Weize, Chef des kleinen Musiklabels Bear Family Records, hat sich auf Wiederveröffentlichungen spezialisiert. Foto: Carmen Jaspersen

Die 1975 in Bremen gegründete Musikfirma Bear Family Records will sich mit dem Box-Set «The Bristol Sessions - The Big Bang Of Country Music» beispielsweise gegen Paul McCartney, Elvis Presley und Neil Diamond behaupten. Die Box im LP-Format mit fünf CDs und einer 120-seitigen Foto- und Text-Dokumentation geht gleich in zwei Kategorien ins Rennen - «Best Historical Album» und «Best Linernotes».

«Ich habe Anfang Dezember über Ted Olsen, den Hauptautor und Rechercheur des Projekts aus Tennessee, von der Nominierung erfahren. Er rief mich mitten in der Nacht an. Erst dachte ich, er mache einen Witz», sagt Richard Weize, Gründer und Chef der Bear Family.

Er kennt Künstler in aller Welt, Schlagerstars aus alten Tagen ebenso wie Country-Ikonen, und hat sich mit seinem Betrieb auf Wiederveröffentlichungen spezialisiert. Etwa 2000 verschiedene seiner Produktionen (Boxen, Einzel-CDs, DVDs) sind inzwischen auf den Markt, darunter solche mit Songs des (frühen) Johnny Cash oder das musikalische Werk Dean Martins. Anfänglich von Branchenkollegen belächelt, ist Weize damit über die Jahre zum König einer Nische im Musikbusiness geworden. Für die großen Plattenfirmen lohnen sich solche Produktionen in der Regel nicht, weil sie auf den Massenmarkt und hohe Umsatzzahlen setzen.

In der Tat konnte Weize in Deutschland bisher keine nennenswerten Stückzahlen von den «Bristol Sessions» verkaufen. «Das war klar bei dem Thema. Der Urknall der US-Countrymusik, als der Schallplattenpionier Ralph Peer in diesem vollkommen unbedeutenden Bristol so eine Art Castingshows mit Wanderpredigern, Gospelsängern und Blues-Gitarristen veranstaltete, aus denen Jimmie Rodgers und die Carter Family hervorgegangen sind - wen interessiert das schon bei uns?» Weize ist von seiner Arbeit besessen, aber eben auch Realist.

In den USA sieht das ganz anders aus. «Bei der Präsentation der CDs stand ganz Bristol Kopf. Es gab Leute, die haben gleich zwei Boxen mitgenommen, eine für sich und eine zum Verschenken an die Enkel. Und ich musste Autogramme geben. Ich!», erzählt Weize über die Begeisterung der Amerikaner, bei denen er einmal mehr seinen Ruf als großer Country-Experte und Konservator von Musikgeschichte verteidigt hat. Auch in der US-Presse gab es beste Kritiken für die ebenso liebevoll wie penibel zusammengestellte Sammlung sämtlicher erhalten gebliebener Aufnahmen, die Ralph Peer vor gut acht Jahrzehnten machen ließ.

Wird Weize zur Preisverleihung am Sonntag nach Los Angeles fliegen? «Auf keinen Fall, das ist zu weit, und ich hab hier genug zu tun», sagt er. Aber über einen Preis für die Box, an der er drei Jahre gearbeitet hat, bis alle Ton- und Bilddokumente aufgetrieben waren, würde er sich schon sehr freuen. «Ich habe 2010 schon einen Echo für mein Lebenswerk gekommen. Nun noch einen Grammy dazu - das wäre die Krönung!», sagt Weize.

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