Migranten an deutschen Staatstheatern

Von Brita Janssen, dpa am 22. März 2012 12:41

Berlin (dpa). Der türkischstämmige Regisseur Nurkan Erpulat moniert, dass es zu wenig Migranten in der offiziellen deutschen Theaterszene gebe. Kaum Schauspieler, Dramaturgen, Intendanten, Regisseure, meint der Nachwuchsregisseur 2011 («Verrücktes Blut»).

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Der Theaterregisseur Nurkan Erpulat beklagt eine mangelnde Partizipation von Migranten. Foto: Horst Ossinger

Auch die Leiterin der Off-Bühne «Ballhaus Naunynstraße» in Berlin-Kreuzberg, die gebürtige Türkin Shermin Langhoff, fordert, migrantische Erzählperspektiven besonders der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration von Türken an den staatlichen Bühnen zu verankern und so auch andere Publikumsschichten zu erreichen.

Rund ein Fünftel der Bevölkerung Deutschlands hat heute einen Migrationshintergrund, von einem repräsentativen Anteil dieser Menschen am Staatstheaterbetrieb und Publikum könne nicht die Rede sein, sagt der Buchautor und Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim, Wolfgang Schneider, in einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Ulrich Khuon, könnte sich daher eine Quote oder eine Selbstverpflichtung der Theater vorstellen.

Ein Blick auf die deutsche Theaterlandschaft:

MÜNCHEN Der Intendant des Münchner Residenztheaters, Martin Kusej, sagte der dpa: «Als Kärntner Slowene reagiere ich selbst hoch sensibel auf das Thema - zählt dabei die italienischstämmige Dramaturgin, die zypriotische Leiterin der Presseabteilung, der als Kind aus Königsberg geflohene Schauspieler? Warum richtet sich diese Frage immer nach nationalen Grenzen aus? (...) Ich glaube, dass wir ausgesprochen vorsichtig sein müssen, damit wir nicht die Grenzen ständig fortschreiben, an deren Auflösung wir interessiert sein sollten.» Kusej räumt aber ein: «Wir fangen am Theater gerade an, über diese Fragen intensiver nachzudenken.»

HAMBURG Deutsches Schauspielhaus Hamburg: Der Theaterpädagoge der Bühne, Michael Müller: «Seit 2009 initiieren wir Stadtteiltheaterprojekte in Kooperation mit Partnern vor Ort, um Jugendliche mit Migrationshintergrund für das Theater zu interessieren, die Schwellenangst zur vermeintlich fremden "Hochkultur" abzubauen, und beziehen sie als Spieler, Filmer oder Assistenten in unsere Projekte ein. Dadurch kommen auch ihre Familien in die Aufführungen.»

Thalia Theater Hamburg: Am Thalia sind nach Angaben einer Sprecherin insgesamt 360 Mitarbeiter beschäftigt. Im nicht-künstlerischen Bereich arbeiten 240 Personen, von denen rund 36 einen Migrationshintergrund haben. Im künstlerischen Bereich arbeiten 110 Menschen, von denen etwa 25 einen Migrationshintergrund haben. Mit dem Theaterfestival «Lessingtage» setze das Staatstheater einen Fokus auf multikulturelle Projekte. «Gleichzeitig suchen wir durch unterschiedliche Projekte und Partnerschaften, Internationalität und Interkulturalität im Zuschauerraum zu fördern.»

HANNOVER Am Schauspiel Hannover sind zurzeit 18 Menschen mit einer Migrationsgeschichte im künstlerischen Bereich tätig. Drei Stücke der Spielzeit nennt das Schauspiel exemplarisch für zeitgemäßes interkulturelles Theater. So beschäftigt sich «Deportation Cast» mit der Abschiebung von Roma aus Niedersachsen in den Kosovo. «Fatima» der jungen Londoner Autorin Atiha Sen Gupta handelt davon, dass ein junges Mädchen durch das Tragen eines Kopftuchs seinen Freundeskreis aus der Fassung bringt. Regie führt die 1985 im Iran geborene Mina Salehpour. Das dritte interkulturelle Stück «Bagdad 3260 KM» feiert am 31. Mai Premiere. Die Hauptrolle spielt die 1970 in Bagdad geborene Schauspielerin Meriam Abbas. «Ich habe in vielen zeitgenössischen Stücken mitgespielt, die mit dem Thema Ausländer gar nichts zu tun haben», betont Abbas im Theatermagazin. «Ich sehe mich ja als Deutsche, außer dass ich dort (in Bagdad) geboren bin.»

BERLIN Berliner Ensemble: Hier haben nach Angaben einer Sprecherin sechs von 40 fest engagierten Schauspielern einen Migrationshintergrund. Spezielle Konzepte zum Thema Migration gebe es nicht: «Wir machen Theater für alle Bewohner dieser Stadt.» Im BE gebe es seit Jahren viele Schulklassen in den Aufführungen. «Die Zuschauer mit Migrationshintergrund kommen also schon seit Jahren ins BE. Und wir arbeiten daran, dass das so bleibt.»

Thomas Ostermeier, Künstlerischer Leiter der Schaubühne, sagte der dpa: «Ich habe an der "Baracke" vor über zwölf Jahren zwei Produktionen ausschließlich mit türkischen Schauspielern gemacht, lange bevor dieses Thema medienwirksam wurde und nun durch unterschiedliche Polemiken immer wieder angeheizt wird. Die Schaubühne hat bereits in fünf Spielzeiten von 1979/80 bis 1983/84, als die türkischen Mitbürger in Deutschland noch Gastarbeiter hießen, ein reintürkisches Ensemble am Haus beherbergt und neun Produktionen mit ihnen herausgebracht. Im Ensemble meiner Anfangszeit an der Schaubühne gab es auch türkische Schauspieler, zum Beispiel Adnan Maral, der mittlerweile jedem bekannt ist durch seine Rolle in der Fernsehserie "Türkisch für Anfänger".»

Deutsches Theater: Intendant Ulrich Khuon, der auch Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein ist, plädiert für eine Quote: «Ja, das könnte ein Weg sein. Bisher hat sich kaum eine Ungleichheit ohne Quote richtig verändert. Im Grunde braucht es solche Instrumente, weil Institutionen sich nur mühsam von selbst ändern. Man könnte das freilich auch durch eine bestimmte Förderpolitik unterstützen. Vorstellbar wäre aber auch eine Selbstverpflichtung der Theater oder der Branche, wie das in der Wirtschaft der Fall ist.»

DÜSSELDORF Am Düsseldorfer Schauspielhaus arbeiten etwa 300 Menschen, davon 50 Angestellte aus 23 Nationen. «Wann beginnt man, Deutscher ohne Migrationshintergrund zu sein?», fragt Intendant Staffan Valdemar Holm - ein Schwede. Grundsätzlich stehe das Schauspielhaus für Offenheit und Vielfalt. «Aber wir stellen niemanden als RegisseurIn oder SchauspielerIn ein, weil er oder sie aus der Türkei kommt oder türkische Wurzeln hat, sondern weil wir ihn oder sie als Künstler herausragend finden.» In manchen Städten gebe es große Anteile an Ausländern oder Menschen, die in mehreren Kulturen groß wurden. Darauf müsse das Theater reagieren. «Das fängt bei einfachen Dingen an, zum Beispiel Übertitelungen in verschiedenen Sprachen und mehrsprachige Broschüren.»

DER DEUTSCHE BÜHNENVEREIN Die Intendantengruppe der Organisation macht sich Gedanken, wie zusätzliche Zuschauer für das Theater gewonnen werden können. Als neue Zielgruppe habe der Bühnenverein Menschen mit Migrationshintergrund im Blick. Es seien dafür aber thematisch und inhaltlich mehr Anstrengungen nötig. Rolf Bolwin, Direktor des Deutschen Bühnenvereins (Köln), sagte der dpa: «Bei vielen Migranten gibt es offenbar eine hohe Schwellenangst, und um die zu überwinden, begeben sich viele Ensembles schon seit Jahren in die Stadt, zu den Migranten, oft an ganz ungewöhnliche Spielorte. Was die Schauspieler betrifft, kann man die besten Absichten haben - am Ende muss man doch die vorgegebenen Rollen besetzen und da wird es im Einzelfall schwierig. Kurzum: Der Wille, etwas zu tun, ist groß, Erfolge sind aber nicht leicht zu erzielen.»

KÖLN 2007 übernahm Karin Beier die Intendanz am Schauspiel Köln und setzte eine Quote an: Über ein Drittel der Schauspieler kam in der ersten Spielzeit aus Familien mit internationalen Wurzeln. «Wir wollen nicht ständig darüber nachdenken, ob ich einen Schwarzen als Bruder eines Weißen besetzen kann. Wir können das. Punkt, Ende, Aus», sagte Beier damals in einem Interview mit der Zeitung «Die Welt». Inzwischen ist der Anteil von Schauspielern mit ausländischen Wurzeln auf ein Viertel gesunken, eine strikte Quote wurde als zu starr verworfen. Der Anspruch aber, möglichst international zu inszenieren, bleibt bestehen.

FRANKFURT Oliver Reese, Intendant des Schauspiel Frankfurt verweist auf den Mangel an künstlerischem Nachwuchs mit Migrantenhintergrund: «Für die Vorbereitung meiner Frankfurter Intendanz habe ich etwa 2000 Bewerbungen von Schauspielerinnen und Schauspielern bekommen, davon habe ich 200 zu einem Vorsprechen eingeladen und etwa 10 engagiert. Ich kann aber an zwei Händen abzählen, wie viele der Bewerber einen erkennbaren Migrationshintergrund hatten. Auch unter den Absolventen der Schauspielschulen ist das Verhältnis ähnlich.

Wir sollten uns daher fragen, weshalb der Schauspielerberuf für viele Migranten nicht so attraktiv scheint und weshalb sich so wenige Migranten für eine Theaterausbildung entscheiden. Oder überhaupt die Frage, weshalb so wenige auf einer staatlichen Schauspielschule landen. Für mich als Theaterleiter fehlt jedenfalls am Ende die notwendige Auswahl an Kandidaten.»

STUTTGART Am Staatsschauspiel Stuttgart gibt es nach Angaben der Sprecherin Ingrid Trobitz in allen Sparten viele Mitarbeiter, die nicht deutscher Abstammung seien. Viele gehörten zur zweiten oder dritten Einwanderergeneration und wollten nicht das «Mäntelchen des Migrationshintergrunds» umgehängt bekommen. «Wir wählen Künstler aufgrund ihres Talents und ihrer Fähigkeiten aus; die Herkunft spielt keine Rolle.» Eine Art «Migrantenquote» sei nicht notwendig: Die Öffnung habe schon lange stattgefunden. 1200 Mitarbeiter habe es im Jahr 2010 am Staatstheater gegeben, 380 von ihnen mit Migrationshintergrund.

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