Muster an Kontinuität: Die Queen ist 60 Jahre im Amt

Von Michael Donhauser, dpa am 05. Februar 2012 13:30

London (dpa). Das schafft kein Diktator und kein Partei-Apparatschik, keine Militär-Junta und schon gar kein Bundespräsident: 60 Jahre lang wird das britische Staatsoberhaupt jetzt im Amt sein. Und das auch noch praktisch unangefochten und vollkommen krisenfest.

Wenn Queen Elizabeth II. an diesem Montag (6. Februar) den 60. Jahrestag ihrer Thronbesteigung begeht, ist die kleine Frau mit den pastellfarbenen Kostümen auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Popularität angekommen.

Inzwischen 85 Jahre alt, ist die Queen in Großbritannien und weltweit zur Kultfigur gereift. Nach dem thailändischen König Bhumibol ist sie die Nummer zwei unter den dienstältesten aktiven Monarchen der Welt. «Kontinuität» ist das Wort, das den meisten Briten über die Lippen kommt, wenn sie über ihre Königin reden. «Wollt ihr etwa lieber David Cameron?», ruft Ex-Beatle Paul McCartney seinen monarchiekritischen Landsleuten zu.

Noch vor zehn Jahren war die Hälfte der Menschen im Vereinigten Königreich für die Abschaffung der Monarchie. Für einen solchen Vorschlag kann sich heute noch höchstens ein Drittel erwärmen. «Lilibet» hat dem Nachkriegs-England ihren Stempel aufgedrückt - ein neues elizabethanisches Zeitalter begründet. Wenn sie gesund bleibt, wird sie in gut drei Jahren ihre Ururgroßmutter Victoria überholen und die längste regierende Königin Großbritanniens aller Zeiten werden.

Dass die Queen vor ihrem Tod abdanken und ihrem ältesten Sohn Charles (63) den Weg auf den Thron freimachen könnte, hält unter den Hofberichterstattern in London kaum jemand für möglich. Abgesehen von verfassungsmäßigen Verwerfungen: Es würde nicht zu ihrem Lebensinhalt der Pflichterfüllung passen.

Die Queen hat es geschafft, die altbackene, 1000 Jahre alte Monarchie als Staatsform ins 21. Jahrhundert zu führen - so modern wie nötig, so konservativ wie möglich. «Wandel zum Machterhalt» heißt dieses Prinzip. Schon Victoria hatte es exzellent beherrscht. Heute kolportiert der Palast, die Königin arbeite am Laptop und verbreite ihre Botschaften über Facebook und Twitter. Niemand außerhalb des Buckingham-Palastes weiß, wie viel davon geschickte PR-Strategie ist.

Die Königin, die Pferde liebt und bodenständige Küche schätzt, ist zur einen Hälfte eine gesellschaftliche Figur. Die britische Boulevardjournaille stürzt sich auf alles, was die Monarchin und ihre Familie - die «Firma» und ihre Chefin - öffentlich und auch privat so treiben. Zum anderen Teil ist Elizabeth politisches Oberhaupt von 16 Staaten - neben dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland auch noch die sogenannten Realms - von Kanada bis Tuvalu.

Elizabeths Erfolg in der Politik, so sagen viele, hängt vor allem an zwei entscheidenden Kriterien: Sie hat praktisch nichts zu sagen. Die alljährliche Thronrede wird in der Downing Street geschrieben, Staatsbesuche muss sie sich von der Regierung genehmigen lassen. Nicht einmal darüber, wen sie zum Ritter schlägt, darf sie selbst bestimmen. So konnte sie jüngst auch nur zustimmend nicken, als die Regierung beschloss, dem Banker Fred Goodwin seine Ritterehre wieder abzuerkennen.

Einige politische Beobachter in London kommen sogar zu dem Schluss, Downing Street setze die populäre Queen gezielt im Krisenmanagement ein. In Irland etwa, wo die Queen im Mai vergangenen Jahres eine ihrer heikelsten Missionen in 60 Jahren Amtszeit zu erledigen hatte, spricht man heute von einer «Zeitenwende» im komplizierten irisch-britischen Verhältnis. Der Monarchin hatten ein Kostüm in irischem Grün und eine anständige Rede gereicht.

Zweites Kriterium: Sie lässt sich nichts nachsagen. Die Queen arbeitet viel. Täglich nimmt sie sich noch heute drei Stunden, um die «Red Boxes», Aktenkoffer mit Regierungsunterlagen der Downing Street, durchzuarbeiten, wie der BBC-Journalist Andrew Marr in seinem Buch «The Diamond Queen» festhält. Sie prasst nicht und geht mit den ihr anvertrauten Steuermillionen sparsam um. Die vielen Queen-Biografen kamen in den vergangenen Jahrzehnten oft zu dem Schluss: «Wer mit ihr zu tun hatte, hält sie für einen Menschen mit Urteilskraft und Scharfsinn.»

Jede Woche einmal lässt sich die Monarchin vom Premierminister beim Vier-Augen-Termin über die aktuelle Lage unterrichten, nie soll sie unvorbereitet sein, wenn der Regierungschef kommt. Über den Inhalt der Gespräche ist noch niemals ein Wort aus den Palastmauern hinaus gedrungen. Der amtierende Premierminister David Cameron ist bereits der zwölfte Regierungschef, der Ihrer Majestät dient. Der erste war Winston Churchill.

Bei aller Geheimhaltung gilt als sicher: Politische Prinzipien verfolgt die Queen sehr wohl. Eines ihrer dringlichsten Anliegen ist der Zusammenhalt des Commonwealth, jenes losen Staatenbundes aus 53 Ländern, der dem einstigen britischen Empire nachfolgte. Ihr Ehemann, Prinz Philip, bezeichnete seine Frau wegen ihres Eifers einmal als «Psychotherapeutin des Commonwealth».

Schon als Prinzessin war die junge Elizabeth das Pflichtbewusstsein in Person. Als ihr Onkel Edward VIII. noch vor seiner Krönung wegen einer Frauengeschichte vom Thron stieg und ihr Vater als Georg VI. zum König proklamiert wurde, war es geschehen: Elizabeth war in Ermangelung eines Bruders die Thronfolgerin. Vom Tod ihres Vaters erfuhr sie in einem Baumhaus während eines Urlaubs in Kenia - am 6. Februar 1952. Sie flog sofort zurück nach London. Ein gutes Jahr später wurde sie in der Westminster Abbey gekrönt.

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