WLT-Preniere in Marl: Wie das wahre Leben

Von Stefan Pieper am 05. Februar 2012 14:40

MARL. In ein unbehagliches Szenario wirft der dänisch-stämmige Nachwuchs-Autor Nis-Momme Stockmann seine Personen mit all ihren Gefühlen, Hoffnungen und Nöten in seinem aktuellen Kammerspiel „Der Mann, der die Welt sah“.

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Bülent Özdal (der Sohn) und Julia Gutjahr (Lisa) in Nis-Momme Stockmanns Kammerspiel »Der Mann, der die Welt aß«. Foto: Volker Beushausen

Das Westfälische Landestheater überzeugte auf der Hinterbühne des Theaters Marl (TM) mit einer berührenden, manchmal auch bedrückenden Premiere. Menschen, denen das Leben zu entgleiten droht, sind das große Thema.
Im Zentrum steht Sohn (Bülent Özdil) im Zentrum, dessen Leben aus den Fugen zu gerät. Gerade von Frau und Kindern getrennt, folgt nun auch der Arbeitsplatzverlust. Jetzt rückt ihm auch noch der demenzkranke Vater auf die Pelle. Also verstrickt er sich immer mehr in ein passives Herumlavieren um Verantwortungen. Aber er kommt für alles zu spät, wie immer – und jetzt geht auch noch das Geld aus!

Bülent Özdil hat hier eine Paraderolle bei der Verkörperung eines ambivalenten Charakters. Man nimmt diesem völlig unreif wirkenden Menschen seine Befindlichkeiten ab, möchte ihm aber auch ständig zurufen, doch endlich mal das Leben in die Hand zu nehmen.

Lisa (Julia Gutjahr), seine Ex-Frau, fühlt sich verletzt. Sie ist die Alleingelassene, die auf der Bühne ihre ganze Verzweiflung hinausschreit und Verantwortung einfordert. Das Maß ist voll, als sie feststellt, dass ihr einstiger Partner nur noch ihr Geld will. Julia Gutjahr zeigt einmal mehr, was für weit gespannte, auch extreme Gefühlsskalen sie auf der Bühne vermitteln kann.

Als der Sohn noch einmal Abbitte bei seiner früheren Arbeitgeberin leisten will, kontert die Chefin (spielfreudig brillant: Sophie Schmidt) mit kalter, ablehnender Freundlichkeit.

Dass der Vater als einziger noch an seinen Sohn glaubt, ist wohl schon ein Symptom für dessen geistiger Umnachtung. Jürgen Mikol verkörpert das schlimme Schicksal vom krankheitsbedingten Verfall der Persönlichkeit mit anrührender Wärme und unsentimentaler Distanz zugleich. Nicht nur, wenn er nackt auf der Bühne herumläuft, weil er das Anziehen vergisst, und sich schließlich wie ein kleines verstörtes Kinde im Kleiderschrank versteckt.

Mehr über die Premeire lesen Sie in der morgigen ASusgabe Ihrer Tageszeitung!

INFO 21., 22., 23. und 24. März, 10.11. und 12. April, jeweils ab 20 Uhr, WLT-Studio Castrop-Rauxel.
Karten: http://westfaelisches-landestheater.de/