Interview mit Nordkorea-Reiseveranstalter: Warum sollte man in dieses Land reisen?

MARL/BERLIN Der Machthaber droht fast wöchentlich mit Krieg, die Bevölkerung hungert: Kaum eine Woche vergeht ohne eine neue Schreckensmeldung aus Nordkorea. Dennoch gibt es Menschen, die ihren Urlaub im wohl abgeschottetsten Land der Welt verbringen möchten. Reiseveranstalter André Wittig ist auf Reisen nach Nordkorea spezialisiert. Wir sprachen mit ihm über das Land, die politische Lage und den möglichen Ernstfall.

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  • Ringelpiez mit Anfassen

    Zum 67. Armeegeburtstag tanzen Nordkoreas Streitkräfte auf den Straßen von Pjöngjang. Foto: Kcna

  • Militärparade in Pjöngjang

    Militärparade in Pjöngjang: Die nordkoreanischen Truppen haben ihrem Herrscher Kim Jong Un die Treue geschworen. Foto: KCNA

Eine Reise nach Nordkorea ist für Touristen mit vielen Auflagen verbunden: Vor Ort werden ihnen Reisebegleiter zur Seite gestellt, Gespräche mit Einheimischen sind tabu, fotografiert werden darf nur unter Aufsicht. Dennoch entscheiden sich - nach Angaben der nordkoreanischen Botschaft - jährlich Tausende Europäer für einen Trip in den von Diktator Kim Jon-un regierten Staat. 

Ein Experte auf dem Gebiet ist André Wittig. Er gründete das Reiseunternehmen "Pyongyang Travel" im Jahr 2013 gemeinsam mit zwei Partnern in Berlin. Inzwischen zählt die Agentur zu den größten Anbietern für Reisen nach Nordkorea im deutschsprachigen Raum. 

Her Wittig, kommt man überhaupt auf die Idee, Reisen nach Nordkorea zu vermitteln?
Bevor die Idee entstanden ist, dass wir Reisen nach Nordkorea anbieten, waren wir alle drei selber ganz regulär als Touristen in Nordkorea. Mit der Rückkehr waren wir so sehr davon fasziniert, dass für uns klar war, wir wollen gerne ein weiteres Mal das Land besuchen.

Als Berliner Unternehmen kam uns die räumliche Nähe zur nordkoreanischen Botschaft in Berlin sehr gelegen. Wir drei sind beruflich aus den unterschiedlichsten Branchen gekommen. Ich selbst aus dem Event-Management, ein Partner aus dem Tourismus und einer aus dem sozialen Bereich. Wie viele Geschäftsideen ist am Ende auch die Gründung von "Pyongyang Travel" eines Abends bei einem Bier entstanden. Wir hatten dann mehrere gute Gespräche mit den Partnern aus der Botschaft und sind daraufhin erneut nach Nordkorea gereist. Im August 2013 war dann der Startschuss und unsere Website ging online.

Warum sollte man überhaupt nach Nordkorea reisen?
Die Gründe können so unterschiedlich sein. Einer der Hauptreisegründe ist natürlich die Einzigartigkeit des Landes in der Welt. Es gibt aus meiner Sicht kein vergleichbares Land, das politisch und gesellschaftlich so anders ist. Das reizt und zieht natürlich Touristen an.

Auch für spezielle Interessengruppen ist Nordkorea ein ganz besonderes Reiseziel. So haben wir viele Nahverkehrs-Begeisterte die aufgrund der nostalgischen Lokomotiven und Busse, die dort noch verkehren, eine Reise nach Nordkorea buchen. Oder für Groundhopping-Fans, dass ist eine Gruppe von Fußball-Begeisterten, die sich darauf spezialisiert haben, möglichst viele Fussball-Stadien rund um die Welt zu besuchen. Da ist Nordkorea natürlich ein sehr exklusives Ziel in der Sammlung.

Am beliebtesten sind aber ohne Frage Nordkoreas nationale Feiertage. Der Geburtstag vom Staatsgründer Kim-Il-Sung am 15.04. ist ein Highlight, der Pyongyang Marathon welcher seit letztem Jahr erstmalig auch für ausländische Touristen buchbar ist oder auch klassisch der Tag der Arbeit am 1. Mai. Die nationalen Feiertage werden in Nordkorea in den Städten mit öffentlichen Tanzveranstaltungen und Feierlichkeiten zelebriert. Das ist für Touristen oft ein großes Highlight ihrer Reise.

Darf jeder Mensch nach Nordkorea reisen?                     
Die Reise nach Nordkorea ist für jeden möglich, der nicht hauptberuflich als Journalist oder Fotograf tätig ist.

Was kostet eine Reise nach Nordkorea?
Wie überall richten sich die Preise nach Dauer und Umfang der Tour. Kurze Trips nach Nordkorea beginnen bei rund 1.000 Euro all inklusive.

Haben Sie vergleichsweise weniger Buchungen durch die derzeit angespannte politische Lage?
Das kann ich nicht wirklich bestätigen. Das Interesse an unseren Reisen ist ziemlich gleichbleibend, im Vergleich zum Vorjahr. Es hat eher zugenommen, seit wir mit einer überarbeiteten Version unserer Website online sind, aber natürlich Fragen die Kunden deswegen nach.

Was würde mit Touristen im Land geschehen, wenn es ernst wird – sprich wenn es tatsächlich zu einem angedrohten Atomschlag/Krieg kommen würde?
Ich hoffe für die Menschen in beiden Teilen Koreas, dass das nie passieren wird. Auch denke ich aber, dass die Gefahr aktuell nicht wesentlich höher ist als in der Vergangenheit. Sobald Zeichen dafür erkennbar wären, dass es zu einer echten Eskalation kommt, würden wir unsere Touristen sofort ausfliegen lassen, der Schutz der Teilnehmer steht da über allem.

Die Einheimischen in Nordkorea leben in ständiger Bedrohung durch Hunger und die diktatorische Führung. Klären Sie potenzielle Kunden über diese Gegebenheiten auf?
Wer eine Reise nach Nordkorea bucht, weiß in der Regel schon ziemlich gut Bescheid, um die besondere politische Situation im Land. Wir geben daher keine gesonderte Aufklärung oder Informationen zur gesellschaftspolitischen Situation im Lande. Gleichwohl informieren wir unsere Kunden im Vorfeld über die Gepflogenheiten und Verhaltensregeln in Nordkorea. Dazu zählen zB. ein respektable Verhalten gegenüber den Staatsgründern und Oberhäuptern Nordkoreas, dass das Fotografieren von Militäreinheiten nicht gestattet ist und natürlich in erster Linie Informationen über die unmittelbaren Gegebenheiten der Reise und der besuchten Orte. Ist sich der Kunde vor Ort dennoch unsicher, sind während der gesamten Reisedauer jederzeit zwei Reisebegleiter für Ihn ansprechbar.

Welche Gefahren lauern auf einer Reise nach Nordkorea?
Persönlich halte ich eine Reise nach Nordkorea, gemessen an den üblichen Risikofaktoren, für kaum risikobehafteter als eine Reise beispielsweise in das europäische Ausland. Ausländische Touristen sind für die Koreaner willkommene Gäste, die das Land besuchen und kennenlernen wollen und werden dementsprechend mit Respekt empfangen. Die Kriminalitätsrate gegenüber Ausländern liegt bei nahezu 0 Prozent.

Wie vermittelt man Reisenden überhaupt Sicherheit?
Da kann ich nur an meine vorherige Antwort anschließen: Die Sicherheit unserer Teilnehmer stellte auf unseren bisherigen Touren bislang noch nie ein Problem dar.
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