Theaterbetrieb im Ruhrfestspielhaus: Wie der Teufel auf die Bühne kommt

Von Martina Möller am 26. August 2011 06:17

Recklinghausen. Der Vorhang zu und alle Fragen offen? Nicht bei unseren Lesern, für die Manfred Jordan beim Rundgang durch das Recklinghäuser Ruhrfestspielhaus heute den zwölf Tonnen schweren eisenen Schutzvorhang an der Bühne hochfahren lässt. Er gibt den Blick frei auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und auf das, was Theaterbesuchern in der Regel verborgen bleibt.

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»Vorhang auf« für Phileas (7) und Anna-Lena (11): Heute freuen sich die beiden Recklinghäuser, einmal selbst auf der ganz großen Bühne zu stehen. Foto: Torsten Janfeld

Das neun Meter hohe gebogene Schutztor an der Rampe, dem äußeren Bühnenrand, sei aus Berliner Büchsenblech gemacht, verrät der stellvertretender Leiter der technischen Abteilung im Kultur- und Kongresszentrum der Stadt Recklinghausen. Und diene im Ernstfall auch als Feuerschutzwand zum Zuschauerraum des großen Theaters. Sanft wie auf Schienen hebt sich das Ungetüm jetzt in die Luft. Bei einem Brand auf der Bühne müsste es binnen 25 Sekunden wieder unten sein und den Bühnenraum rauchdicht von den Zuschauerrängen abschließen. „Das funktioniert wie das Ausklinken beim Segelflugzeug“, erklärt Jordan. Ein eingebautes Getriebe sorge für ein kontrolliertes Absinken. Zehn Minuten lang müsse der „Eiserne“, wie er auch genannt wird, einem Feuer standhalten können. Darum verfüge er zusätzlich zu anderen Brandschutzeinrichtungen im Theater über eine eigene Beregnungsanlage.


Staunend wandern Phileas (7) und Anna-Lena (11) über die riesige Bühne des Ruhrfestspielhauses. Dass sie groß sein muss, hatten die beiden jüngsten Teilnehmer der Führung ja schon geahnt. Aber so riesig! 24 Meter geht es in dem Turm in die Höhe, in dem auch der eiserne Vorhang den Blicken des Publikums entschwindet. Dann öffnet sich auf einen Knopfdruck der schwarze Vorhang. 1 000 leere rote Plüschsessel blicken den Besuchern auf der Bühne jetzt aus dem Zuschauerraum entgegen. Theater- und Konzertbetrieb sind in der Sommerpause.

Die Zeit wird im Ruhrfestspielhaus für dringende Renovierungsarbeiten genutzt. Neben dem Parkett im Vorderhaus wird auch der Bühnenboden geschliffen und neu lackiert. Es herrscht nur wenig Betrieb im Haus, die Besucher können sich ungestört umsehen. Wenn ein Theater- oder Konzertabend auf dem Spielplan steht, gehe es für die insgesamt zehn Mitarbeiter der technischen Abteilung im Ruhrfestspielhaus hinter den Kulissen ungleich turbulenter zu, erzählt Manfred Jordan. Schon morgens um acht beginne der Bühnenaufbau, den die Haustechniker in der Regel gemeinsam mit Kollegen der Gastbühnen erledigen. Bis nach der Aufführung alles wieder abgebaut und auf Lkw verladen sei, sei es oft schon 4 oder 5 Uhr am nächsten Morgen.

Auf der Erkundungstour durch die Kulissen von Theater und Veranstaltungsräumen erfahren unsere Leser, dass Bühnentechniker manchmal tauziehen müssen wie auf einem Schiff. Zum Beispiel wenn sie auf dem Schnürstand, der ersten Arbeitsbühne in luftiger Höhe, bei einer Theaterinszenierung die Handzüge bedienen, um Kulissen zu verschieben. Manfred Jordan erklärt, wie trotz der computergesteuerten Lichtanlage bestimmte Scheinwerfer von Hand ausgerichtet werden müssen, um Schauspieler ins Rampenlicht zu rücken. Er zeigt, welche Teile der Bühne beweglich sind, erläutert, dass der vordere Teil Proszenium heißt und es sich je nach Bedarf auf- und abfahren lässt. Eine kleine unscheinbare Umrandung auf dem Bühnenboden entpuppt sich als Klappe, der schon in einer berühmten Ruhrfestspielinszenierung von Goethes „Faust“ der Teufel entstieg.

Es gibt viel zu entdecken hinter den Kulissen des riesigen Theater-, Konzert- und Veranstaltungsbetriebs: von den Glasflächen in der Deckenschräge, die die Akustik im Zuschauerraum verbessern sollen, bis zum Inspizientenpult, von den Schminktischen in den Garderoben bis zu den riesigen Wandbildern von Hans Werdehausen. In Zukunft werde ich die Vorstellungen hier mit anderen Augen sehen“, da ist sich unser Leser Gerd Liebetanz nach dem Rundgang sicher.


 
Kunst für Kohle Kohle für Kunst
- Die Geburtsstunde der Ruhrfestspiele Recklinghausen schlug im Nachkriegswinter 1946/47, als Hamburger Theaterleute auf der Zeche König Ludwig in Recklinghausen die Kohle bekamen, die sie brauchten, um ihre Theater zu beheizen. Als Dankeschön gab es das erste Gastspiel.
- Erste Spielstätte war der heute kurz vor dem Abriss stehende Saalbau an der Dorstener Straße in Recklinghausen. 1965 wurde das Ruhrfestspielhaus auf der Cäcilienhöhe eingeweiht, das nach dem Umbau seit 1999 als Vestisches Cultur- und Congresszentrum multifunktional genutzt wird: drei Monate im Jahr ist das Haus für die Ruhrfestspiele reserviert, außerhalb der Festivalzeit macht hier das renommierte Klavierfestival Ruhr Station, finden Gastspiele im Rahmen des Recklinghäuser Kulturprogramms statt, stehen Musical-, Tanz- und Opernaufführungen auf dem Programm.
- Als Veranstaltungszentrum bietet das Ruhrfestspielhaus Räume in verschiedenen Größen für Kongresse, Messen und Feste. Hier finden auch der Kunst- und Handwerkermarkt sowie die regelmäßigen Ü-30-Partys statt.

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