Segen oder Fluch? Multimedia im Kinderzimmer

Hannover (dpa) Selbst die Jüngsten bedienen bereits wie selbstverständlich iPad oder Computer. Die deutschen Bildungsverlage reagieren, indem sie zunehmend Multimedia-Angebote für Vorschulkinder entwickeln. Experten streiten sich über deren Nutzen.

  • Spieleautor Kai Haferkamp (r) auf der Didacta

    Vincent (l) und Spieleautor Kai Haferkamp auf der Bildungsmesse Didacta in Hannover. (Foto: Barbora Prekopova)

Einige Eltern versuchen ihre Kinder möglichst lange vom Fernsehen oder Computer fernzuhalten. Andere sind stolz darauf, dass sich ihr Nachwuchs souverän durchs Handy-Menü blättert - kaum dass er laufen gelernt hat. Aber auch Wissenschaftler sind uneins darüber, wie früh die digitale Welt Einzug ins Kinderzimmer halten soll.

«Computer gehören nicht ins Kinderzimmer, nicht in den Kindergarten und nicht in die Grundschule, weil sie nachgewiesenermaßen negative Auswirkungen auf die Bildung haben», sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer.

Der Bildungsforscher und Didacta-Präsident, Wassilios Fthenakis, warnt dagegen davor, moderne Medien zu dämonisieren oder zu ignorieren. «Digitale Medien sind kein Ersatz für das Buch, aber eine Bereicherung - auch schon für unter Zehnjährige.»

Auf Europas größter Bildungsmesse Didacta (14. bis 18. Februar), die Pädagogen aus ganz Deutschland nach Hannover lockt, dominieren an den Ständen klassische Schulbücher. Aber immer mehr traditionsreiche Bildungs- und Spieleverlage setzen auf Multimedia für die Jüngsten.

Der Ravensburger Spieleverlag etwa schreibt mit dem im Herbst 2010 eingeführten audiodigitalen Lernsystem tiptoi eine Erfolgsgeschichte. Etwa zwei Millionen Produkte für Kinder ab vier Jahren wurden seither verkauft. Mit einem elektronischen Stift lassen sich alle Bücher und Spiele von tiptoi bedienen. Der Stift spricht mit den Kindern, macht Geräusche und stellt Aufgaben. Eltern können die Audiodateien für alle Bücher oder Spiele aus dem Internet herunterladen.

«Die Kinder merken spielerisch, dass sie durchs Lesen zum Ziel kommen. Sie sind fasziniert, wenn der Stift sie lobt», sagt der Osnabrücker Spieleautor Kai Haferkamp, der viele der Produkte entwickelt hat und jüngst für «Die Englisch-Detektive» mit dem Leserpreis des Deutschen Lernspielpreises ausgezeichnet wurde.

Am Stand nebenan präsentiert der Braunschweiger Westermann Lernspiel Verlag seinen Klassiker LÜK. Mit den roten Lernspiel-Kästen und ihren Symbolplättchen beschäftigten sich Generationen von Kindern seit 44 Jahren. «Wir entwickeln gerade eine LÜK App für die Altersstufe Vorschule und Grundschule», erzählt Matthias Achilles vom Vertrieb des Verlags. Dies geschehe auf vielfachen Kundenwunsch.

Befürchten die Macher von LÜK, dass das Plättchensortieren die medial verwöhnten Kids irgendwann langweilen wird? Nein, die vergangenen Jahre seien Top-Jahre für LÜK gewesen, sagt Achilles. Hauptkunden seien Eltern, die möglichst früh ihre Kinder optimal fördern wollten. Bambino LÜK richtet sich schon an Zweijährige. In Kindergärten oder Schulen fehle allerdings häufig das Geld für die Anschaffung der Lernspiele, heißt es am Stand.

Der Hirnforscher und Buchautor Spitzer ist vehement dagegen, Steuergelder in die digitale Infrastruktur zu stecken. Fthenakis sieht hier große Chancen: «Es ist Aufgabe der öffentlichen Hand, Bibliotheken mit digitalen Medien für Kinder auszustatten oder neue Angebote über das Netz zu machen.»

Das Thema frühkindliche Bildung wird in Zukunft eine noch größere Rolle spielen, ist sich Didacta-Präsident Fthenakis sicher: «Intelligente Bildungssysteme und intelligente Eltern investieren am meisten in den ersten zehn Jahren der kindlichen Entwicklung.»




AUTOR
Christina Sticht, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    15. Februar 2012, 12:30 Uhr
    Aktualisiert:
    15. Februar 2012, 12:34 Uhr