Abendsprechstunde "Haarausfall": 120 Haare täglich sind normal

RECKLINGHAUSEN Ob Geheimratsecken, Tonsur, schütteres Haar oder Glatze – Haarausfall kann viele Ursachen haben. Und nicht alle lassen sich zufriedenstellend beseitigen.

  • Mit immer wieder andren Perücken zeigten zwei Modells unserer Abendsprechstunde "Haarausfall", wie gut Perücken die natürliche Haarpracht ersetzen können, wenn diese einer Chemotherapie oder Krankheit zum Opfer gefallen sind. Foto: J. Gutzeit Foto: Jörg Gutzeit

Aber es ist auch nicht alles übermäßiger Haarausfall, was viele dafür halten. So stellte Prof. Dr. Rolf-Markus Szeimies, Chefarzt der Dermatologie, bei unserer Abendstunde am vergangenen Montag im Klinikum Vest erst einmal Grundsätzliches klar: 80 bis 120 Haare verliert der Mensch täglich – ganz normal. Wer nun sehr langes Haar hat, gewinnt da schnell den Eindruck, ihm falle das Haar büschelweise aus. Der Dermatologe hingegen würde sie zählen und die Schultern zucken.

Wenn es hingegen deutlich mehr sind, beginnt die Ursachenforschung. Medikamente wie Blutverdünner, Schmerz-, Pilz- und Rheumamittel, Schilddrüsenpräparate oder die Anti-Babypille können beispielsweise Haarausfall machen. Ebenso ein Mangel an Zink, Eisen oder Schilddrüsenhormon, Hauterkrankungen wie Schuppenflechte oder Neurodermitis, aber auch Stress und eine Chemotherapie. Und schließlich kann übermäßiger Haarausfall auch ererbt sein.

Wie Szeimies erläuterte, fragt der Dermatologe all diese Dinge ab, sieht sich Haare und Kopfhaut genau an, um herauszufinden, was los ist. Manchmal, aber längst nicht immer – wie, so Szeimies, „manche Scharlatane Glauben machen wollen“ – ist auch eine Laboruntersuchung nötig oder eine Untersuchung der Haarwurzeln unterm Mikroskop.

Unterscheiden müsse man vorübergehenden verstärkten Haarausfall von deutlich sichtbarem Haarverlust. Bei dem einen dünnen die Haare aus oder werden kümmerlich, bei dem andern werden ganze Kopfareale kahl. So zum Beispiel bei vernarbendem Haarausfall, einer Begleiterscheinung von Erkrankungen oder Entzündungen der Kopfhaut, bei der die Haarfollikel vernarben. Prof. Szeimies: „Da wächst nichts mehr.“

Den kreisrunden Haarausfall hob der Fachmediziner hier heraus. Er sei die zweithäufigste Form des Haarausfalls und auf eine ungeklärte Autoimmunerkrankung zurückzuführen. Er könne sich so ausweiten, dass Betroffene ihr gesamtes Haupthaar, manche auch Augenbrauen und Wimpern verlieren.

Helfen könnten in gewissem Rahmen Kortison oder Medikamente, die die Zellteilung hemmen. Demnächst gäbe es aber ein neues Präparat, von dem sich die Mediziner viel versprechen. Es laufe dazu derzeit eine Studie, an der auch die Dermatologen des Klinikums Vest beteiligt seien.

Wenn es um den Haarausfall bei Männern geht, seien allerdings zu 95 Prozent die Hormone dafür verantwortlich, und zwar ein Zuwenig an weiblichem Sexualhormon Östrogen an der Kopfhaut. Wenn es schwindet, entstehen erst Geheimratsecken, dann eine Tonsur, die Stirn wird höher und dann geht irgendwann alles ineinander über bis nur noch ein „Cäsarenkranz“ übrig bleibt. Wenn deses Stadium erreicht ist, so Prof. Szeimies, könne man nichts mehr machen. Um das zu verhindern, gäbe es indes einige Mittel. So könne man Östrogen auf die Kopfhaut auftragen oder ein Medikament einnehmen, das das Testosteron zurückfährt. Doch der Facharzt mahnte auch, vorsichtig damit umzugehen, da sich diese Therapie auch auf die Sexualfunktionen auswirken kann.

Darüber hinaus sei der Blutdrucksenker Minoxidil verbreitet im Einsatz, der als Lösung auf die Kopfhaut aufgetragen wird. Diesen allerdings müsse man dann lebenslang auftragen. Szeimies: „Wenn man damit aufhört, fallen die Haare aus.“

Und dann gibt es noch eine ganze Reihe von Pülverchen, teuren Nahrungsergänzungsmitteln und Kuriosa, von denen Szeimies gar nichts hält. „Wenn wir uns gesund ernähren, haben wir alles, was wir brauchen. Das Geld kann man sich also sparen.“

Seine Tipps zur Erhaltung der Haare: milde Haarwaschmittel und eine weiche Naturbürste verwenden, auf den heißen Föhn verzichten und die Haare nicht allzu sehr traktieren. Problematisch seien nämlich auch Blondieren, Färben, Dauerwellen und große Mengen an Festiger und Haarspray.
 

• Ein Haar ist zwischen 0,1 und 0,25 mm dick.
• Der Mensch hat rund 100.000 Kopfhaare – 175 bis 300 pro Quadratzentimeter.
• Ein Haar wächst etwa 1000 Tage lang ca. 0,35 mm am Tag – mit tages- und jahreszeitlichen Schwankungen.
• Nach einem Tag des Übergangs bereitet es sich ca 100 Tage darauf vor, auszufallen. Dieser Prozess kann nicht aufgehalten werden. Daher dauert es auch lange, bis Mittel gegen Haarausfall Wirkung zeigen.
• Jeder Mensch verliert im Schnitt 80 bis 120 Haare täglich.
• Zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr wachsen die Haare am meisten.
• Zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr nimmt das Haarwachstum ab.


AUTOR
Heidi Meier
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    14. Februar 2019, 13:08 Uhr
    Aktualisiert:
    7. März 2019, 12:31 Uhr