Abendsprechstunde "Divertikel und Polypen im Darm": Ein Problem des Lebensstils

MARL Divertikel und Polypen im Darm können enorme Probleme machen und müssen behandelt werden. Doch das ist es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

  • Bis auf den letzten Platz besetzt war der Vortragssaal im Marler Marien-Hospital, als die Fachmediziner des dortigen Darmzentrums bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer über Divertikel und Polypen im Darm referierten. Foto: ANDREAS KALTHOFF

Es handelt sich um zwei grundverschiedene Erkrankungen des Dickdarms: Die einen können sich entzünden (Divertikel), die anderen können sich zu Krebs entwickeln (Polypen). Bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer am vergangenen Montag stellten die Fachmediziner des zertifizierten Darmzentrums am Marler Marien-Hospitals dies gleich zu Beginn klar und begegneten damit verbreiteten Unklarheiten.

Divertikel sind Ausstülpungen der innen liegenden Darmschleimhaut in die außen liegende Muskelschicht. Etwa 13 Prozent der unter 50-Jährigen haben solche Divertikel, die mit zunehmendem Lebensalter immer häufiger vorkommen, sodass über 70 Prozent aller 85-Jährigen Divertikelträger sind, wie Marcus Roth, Oberarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie im Marien-Hospital erläuterte.

Als Ursachen listete er eine ballaststoffarme Ernährung mit zu viel Fett und rotem Fleisch, sowie Verstopfungsneigung und Übergewicht auf. Divertikulose sei ein Lifestyle-Problem der westlichen Welt, dass es in anderen Teilen der Erde gar nicht gibt.

Die gute Nachricht: 70 Prozent aller Divertikelträger haben damit keinerlei Probleme. Sie haben eine symptomfreie Divertikulose, die, so Marcus Roth, auch nicht weiter behandelt werden muss.
In den Divertikeln kann sich allerdings Stuhl ablagern und zu heftigen Entzündungen – der Divertikulitis – führen. Bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen ist das der Fall. Und es werden immer mehr. Laut Marcus Roth ist die Anzahl der stationären Aufenthalte wegen einer Divertikulitis von 1998 bis 2005 um sagenhafte 26 Prozent gestiegen.

Krampfartige dauerhafte Unterbauchschmerzen linksseitig (gelegentlich auch rechtsseitig), Stuhlauffälligkeiten von Verstopfung bis Durchfall, Fieber, Übelkeit, Blutungen aus dem Darm, die sehr massiv sein können – all diese Beschwerden entstehen bei Divertikulitis. Und es kann zu teils dramatischen Komplikationen kommen. So kann sich der Darm verengen, und es können sich Fisteln zu benachbarten Organen bilden, sodass die Entzündung auch dorthin wandert – beispielsweise in Scheide oder Blase. Und schließlich kann der Darm perforieren und ein Durchbruch in das umliegende Gewebe oder gar die offene Bauchhöhle entstehen.
Um bei Beschwerden die richtige Diagnose zu stellen, kommen neben der Anamnese und körperlichen Untersuchung, die Blutuntersuchung, Röntgen, Computertomografie, eine Darmspiegelung und, besonders im Notfall, Ultraschall zum Einsatz.

Die Behandlung, so Roth, richte sich dann nach dem Schweregrad der Divertikulitis. Bei einer akuten Entzündung ohne Komplikationen würden Antibiotika eingesetzt – ambulant oder auch stationär, mit Komplikationen folge auf die Antibiose, die die Entzündung zurückdrängt, die Operation, im Notfall stehe diese sofort auf dem Programm.

Chronische Formen der Divertikulitis könnten ambulant gut behandelt werden. Gibt es allerdings immer wiederkehrende Entzündungsschübe, sei nach einer individuellen Therapie beim niedergelassenen Arzt dann doch eine Operation nötig. Ist die chronische Erkrankung mit Komplikationen wie Fisteln oder Darmverengung verbunden, müsse in einer nichtentzündlichen Phase ebenfalls operiert werden.
Und bei Blutungen schließlich sei eine Blutstillung per Endoskopie das Mittel der Wahl. – Überhaupt solle man Blutungen immer endoskopisch abklären lassen und nicht verharmlosen oder einfach auf Hämorrhoiden zurückführen.

Und wie wird operiert? – „Bei einem NotfalI mit Perforation und eitriger oder stuhliger Bauchfellentzündung mit einem Bauchschnitt“, berichtete Markus Roth. Anschließend müsse der Patient drei bis sechs Monate mit einem künstlichen Darmausgang leben.

Für Nicht-Notfälle stünden dann minimalinvasive Verfahren zur Verfügung – entweder per Laparoskopie oder mit dem DaVinci-Robotter. Markus Roth machte keinen Hehl daraus, dass er Letzteres für weit überlegen hält – wegen der enormen Genauigkeit der Operation mit einer besonderen Schonung von Nerven und Gewebe, nach der die Patienten viel schneller wieder auf den Beinen sind, als bei anderen Verfahren. Marcus Roth: „Wenn möglich, sollte man bei Divertikulitis mit DaVinci operieren. Die Ergebnisse sind vergleichslos.“
 
Die Divertikelkrankheit ist eine der häufigsten Erkrankungen des Dickdarms. Welche Rolle die ballaststoffarme und fettreiche Ernährung der westlichen Welt dabei spielt, dokumentierte Marcus Roth, Oberarzt des Darmzentrums am Marien-Hospital, mit diesen Zahlen:
In den westlichen Industrieländern tritt die Divertikelkrankheit mit 30- bis 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf.
In Asien liegen die Zahlen nur bei 1 bis 8 Prozent, in Afrika sogar nur bei 0 bis 6 Prozent. Gemeinsam ist in allen Bevölkerungen jedoch die Zunahme der Erkrankung mit zunehmendem Alter.
Einwanderer in die westliche Welt nehmen schon nach kurzer Zeit das Risiko des Einwanderungslandes an.


AUTOR
Heidi Meier
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    14. März 2019, 11:53 Uhr
    Aktualisiert:
    14. März 2019, 12:06 Uhr