Abendsprechstunde "Sucht": „An erster Stelle steht die Entscheidung fürs Leben“

HERTEN Alkohol, Tabletten, Cannabis, Kokain, Heroin ... Sucht ist ein Massenphänomen in Deutschland. Jetzt war sie Thema der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer.

  • Alkohol- und Cannabisabhängigkeit standen im Mittelpunkt der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer im Schlosssaal der Hertener LWL-Klinik. Foto: Andreas Kalthoff Foto: ANDREAS KALTHOFF

„An erster Stelle steht die Entscheidung fürs Leben, nicht gegen die Sucht“ ¨– „Abstinenz ist eine täglich zu treffende Entscheidung.“ – Mit diesen Zitaten leitete Oberarzt Dr. Christoph Mühlau die Veranstaltung ein, in der die Fachärzte der Suchtmedizin der Hertener LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin exemplarisch über Alkohol- und Cannabissucht aufklärten, um an diesen Beispielen aufzuzeigen, welche Wege es aus der Sucht „zurück ins Leben“ gibt.

In puncto Alkohol sprach Dr. Mühlau von ca. 1,8 Millionen Abhängigen in Deutschland und rund fünf Millionen Männern und Frauen, deren Konsum als riskant zu bezeichnen ist. Das ist der Fall, wenn Frauen mehr als durchschnittlich zwölf Gramm und Männer mehr als 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag an mehr als fünf Tagen in der Woche zu sich nehmen. Zur Orientierung: Das sind ca. zwei Standardgläser für Frauen, und ca. drei bis vier Standartgläser für Männer.

„Alkohol“, so Dr. Mühlau, „stimuliert das Belohnungssystem im Gehirn.“ Trotz unangenehmer Nachwirkungen sei die Vernunft geradezu blockiert. Hinzu komme eine gestörte Trinkkultur in unserer Gesellschaft, in der regelmäßiges Trinken als normal angesehen wird, als einfach dazugehörende Privatsache gilt und von Abhängigkeit erst gesprochen werde, wenn sie extrem auffällt.

Aber schon der riskante Gebrauch führe unter anderem zu erhöhten Leberwerten, psychischen und sozialen Schäden und nicht selten in die Abhängigkeit. Trinkdruck stellt sich ein, der Betroffene kann nicht mehr aufhören und braucht zunehmend mehr Alkohol. Entzugsbeschwerden wie Schlaflosigkeit, Zittern, Übelkeit, manchmal auch epileptische Anfälle stellen sich ein, der Tag wird nach dem Alkoholkonsum geplant, Vorratshaltung betrieben und Verstecke gesucht. Das alles führt zu körperlichem und geistigem Verfall.

Schon 1952 hat die Weltgesundheitsorganisation Alkoholabhängigkeit als Krankheit eingestuft, in der Bundesrepublik ist sie das seit 1968. Daher bezahlen die Krankenkassen Behandlung und Rehabilitation.
Hilfe gibt es bei Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, niedergelassenen Ärzten und der Hertener LWL-Klinik. An allererste Stelle, so betonte Dr. Mühlau, steht jedoch die Haltung des Betroffenen: „Ich will ohne Alkohol leben“. Wenn die da ist, sollte der Betroffenen eine Beratungsstelle aufsuchen oder auch die offene Sprechstunde der Suchtambulanz der LWL-Klinik. Dort werden Fachmediziner beurteilen, welche Behandlungsformen und Angebote ambulant oder stationär geeignet sind.

Während in normalen Krankenhäusern ein körperlicher Entzug möglich ist, wird in der LWL-Klinik ein sogenannter qualifizierter Entzug angeboten. Dabei werden auch seelische und soziale Bedingungen in die Behandlung einbezogen, um das Überleben zu sichern und auch weiterführende Hilfen einzuleiten und zu organisieren. Zur Zielgruppe gehören alle, die trocken werden wollen – auch wenn sie es schon mehrfach vergeblich versucht haben.

„Man kann Menschen nur die Tür zeigen“, zitierte Dr. Mühlau zum Abschluss noch eine Kollegin. „Durchgehen müssen sie selbst.“

 
Sind Sie alkoholgefährdet? – Dazu fünf Fragen:
1. Trinken Sie als Frau mehr als zwei, als Mann mehr als drei bis vier Standardgläser Alkohol an mehr als fünf Tagen die Woche?
2. Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?
3. Haben Sie sich schon einmal darüber geärgert, dass Sie von anderen wegen Ihres Alkoholkonsums kritisiert wurden?
4. Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt?
5. Haben Sie jemals morgens als erstes Alkohol getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren oder einen Kater loszuwerden?

Wenn Sie zwei Fragen mit Ja beantworten müssen, sind sie gefährdet.
 



 


AUTOR
Heidi Meier
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    28. Februar 2019, 13:37 Uhr
    Aktualisiert:
    7. März 2019, 12:26 Uhr