Arbeitsalltag einer FSJlerin: Nein, ich bin keine Schülerin!

Kolumne Miriam Schulemann sieht nicht wie eine Lehrerin aus, will aber bald eine sein. Die 19-Jährige muss sich als Integrationshilfe im Rahmen ihres FSJ erst mal dran gewöhnen, nicht auf der anderen Seite des Pultes zu stehen.

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    Foto: Uwe Anspach (dpa)

Heute auf dem Schulhof wurde es mir klar: Ich sehe einfach nicht lehrerinnenmäßig genug aus! Ich meine, ich bin bis jetzt zwar nur eine Integrationshilfe im FSJ-Rahmen, aber trotzdem habe ich als 19-jährige Abiturientin keinen Schülerstatus mehr, auch wenn ich noch so aussehe.
Als Lehrerin hingegen würden sich im wahrsten Sinne des Wortes Türen öffnen. Und schneller durch die verstopften Flure käme man als echte Lehrerin auch noch. Lehrersein hat entscheidende Vorteile, und deshalb muss ich meine äußere Erscheinung schnellstmöglich auf Lehrerinnen-Niveau bringen. Aber wie bin ich nun zu meiner Erkenntnis gekommen? Als ich heute früh über den regennassen Hof hastete, wurde ich von einer Neuntklässlerin aufgehalten, die mich fragte: „Bist du eine neue Schülerin?“ Absolute Empörung meinerseits. Das geht ja mal gar nicht! Das muss auf der Stelle aufhören! Am besten noch heute!
Unauffällig sehe ich an mir herunter. Jeansjacke, geblümter Schal, Jeans, Sneaker… hm. Vielleicht sollte ich doch etwas an meiner Schulgarderobe feilen. Schuhe mit Absatz wären nicht schlecht, denke ich. So schlichte, schwarze Glattlederdinger.

Hohe Klackerschuhe könnten mir helfen

Die würden meine eher geringe Körpergröße nicht nur hervorragend wegmogeln, sondern auch auf den Fluren richtig schön klackern.
Ob ihr es glaubt oder nicht, klackernde Schuhe signalisieren: „Lehrerin im Anmarsch. Jetzt bitte Platz machen!“ Das wäre doch schon mal was. In Gedanken schreibe ich schon jetzt eine Einkaufsliste.
Was braucht eine echte Lehrerin noch? Ganz wichtig: Einen schönen, schweren Schlüsselbund, mit dem man wunderbar klappern kann, wenn man sich auf die Schnelle ein wenig Respekt verschaffen will. Richtig gut sähe es dann natürlich aus, wenn man mit einem dieser Schlüssel vor den Augen der Schüler auch einen Raum aufschließen könnte. Dummerweise habe ich als FSJlerin keinen Anspruch auf einen Universalschlüssel, aber immerhin habe ich schon an meinem zweiten Arbeitstag den Schlüssel für den Aufzug bekommen, damit die Räume in den oberen Etagen für mein I-Kind (Kind, das von ihr als Integrationshilfe betreut wird, Anm. d. Red.) kein Hindernis mehr darstellen. Aber das Beste daran war der Effekt, als ich vor den Augen einiger älterer Schüler mit betonter Lässigkeit den Fahrstuhl aufschloss. Aus der Schülertraube hörte ich so wunderbare Dinge wie: „Ist sie eine neue Lehrerin?“ und „Wie cool, die dürfen mit dem Aufzug fahren!“
Schlüssel verleihen Lehrerstatus, das wusste ich schon immer, also ließ ich den Schlüssel an seinem Band lässig an der Hand hinunter baumeln und schwang ihn ein wenig hin und her, als wir uns einen Weg durch die Menge bahnten. Blöderweise bestand mein I-Kind darauf, den Aufzugschlüssel in die eigene Obhut zu nehmen, somit bin ich mein wichtigstes Statussymbol flugs wieder losgeworden. Tja, Pech gehabt.
Zum Glück gibt es aber noch mehr Möglichkeiten. Zum Beispiel eine entsprechende Brille. Sollen die nicht angeblich Intellekt nach außen vermitteln? Schön groß mit dickem, schwarzen Rand, wie sie gerade modern sind. Oder doch lieber winzig klein und eckig? Eine Brille könnte man auch so schön die Nase hinunter rutschen lassen, um über den Brillenrand alle Schüler nacheinander einzeln zu fixieren… hat einen klasse Effekt, kann ich als Ex-Schülerin bedingungslos unterschreiben.

Leider stehen mir Brillen nicht gut

Leider sehe ich auch ohne Brille gestochen scharf und zu den Menschen, denen eine Brille gut steht, gehöre ich bestimmt auch nicht.
Also muss etwas anderes her. Nicht irgendetwas, sondern DAS ultimative Lehrer-Accessoire. Unisex und obendrein in verschiedenen Größen und Ausführungen erhältlich. Dient im Winter auch als Handwärmer. Na, habt Ihr’s? Natürlich! Es ist die gute, alte Kaffeetasse! Gesundheitsbewusste Lehrerinnen und Lehrer trinken auch mal Tee, aber die Duftwolke, die immer aus dem Lehrerzimmer strömt, wenn man daran vorbeigeht, spricht eher für eine Mehrzahl an Koffeinjunkies als an Teebeutelausdrückern.
Ich will auch so einen Kaffebecher! Die ganze Schülerschaft würde in mir eine waschechte Lehrerin sehen! Ich würde auf dem Schulhof stehen, mit meiner dampfenden Tasse in der rechten Hand, die linke so richtig lehrermäßig unter den rechten Ellenbogen geklemmt, und mit mäßiger Begeisterung den Schulhof von vorne nach hinten scannen, um die Rüpel unter den Schülern herauszupicken. Macht einer Mist, einfach ganz lässig noch einen Schluck Kaffee nehmen und dann in gemächlichem Tempo in Richtung des Störenfrieds bewegen. Dabei die linke Hand unbedingt weiterhin unter dem rechten Ellenbogen platziert lassen und diese Haltung auf alle Fälle beibehalten. Meistens reicht das schon. Das ist es! So eine Tasse würde mich in der Achtung der Schüler meilenweit nach oben schnellen lassen. Kann man eigentlich spezielle Lehrertassen im Internet bestellen?


AUTOR
Miriam Schulemann
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    28. August 2015, 13:24 Uhr
    Aktualisiert:
    30. September 2015, 15:20 Uhr