Uni zum Gähnen?: Aus dem Leben einer Kunstgeschichts-Studentin

Studium Bald beginnt die Uni wieder. Während ich noch zu Hause sitze, Bücherstapel neben, hinter und erstaunlicherweise auf mir liegen, ich in meinen zerzausten Haaren Kugelschreiber und Essensreste der letzten Party finde, fällt mir auf, dass noch so manche Hausarbeit eingereicht, mein Stundenplan konzipiert und allgemein mein Äußeres „unitauglich“ gestaltet werden sollte.

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    Jetzt bitte nicht falsch verstehen: Der gähnende Student in der Mitte macht gerade alles richtig: Er erholt sich in der Uni vom langen Party-Wochenende. Übrigens: Heute ist Freitag, also ab zur Vorlesung, dort schön schlummern und dann abends in der Disco richtig ausgeschlafen sein. ;) Foto: Fredrik von Erichsen (dpa)

Ein kurzer Rückblick: Semesterferien. Kein Wecker klingelt. Elf Uhr langsam aufwachen oder auch um 14 Uhr. Kein Thema. Die Pizza vom Vortag steht schon bereit, um als „Frühstück“ verzehrt zu werden…
Doch bald beginnt es wieder: Schlaftrunken und mit geschwollenen Augen wachen langsam die Erinnerungen an vergangene Zeiten auf. Sechs Uhr aufstehen, im Dunkeln in den Zug steigen und dort entweder bis zur Ankunft mit offenem Mund und sabbernd schlafen oder die anderen Leute beobachten, meist Menschen, die zur Arbeit fahren. Schön in Anzug oder Kostümchen gekleidet, während ich den Schlabberpulli und eine Mütze herausgekramt habe, um meine Bad-Hair-Day-Gedächtnisfrisur zu verstecken. Angekommen im Hörsaal sitzt dort schon eine Gruppe von höchst motivierten, am Laptop tippenden Höchstleistungsstudenten, die Kaffee schlürfend den Uni-Stoff vom letzten Mal förmlich noch einmal inhalieren. Ich dagegen klatsche meinen Rucksack in irgendeine Reihe, lass mich nieder, wo er landet und lege meinen Kopf räuspernd auf den bekritzelten und ramponierten Tischersatz vor mir.

Die Dozenten kommen gerne zu spät

Meine Lieblingskommilitonin gesellt sich dann irgendwann zu mir und tut es mir gleich. Dieses Mal, eigentlich jedes Mal, haben wir uns vorgenommen, mitzuschreiben. Höchst unmotiviert kramen wir unsere Blöcke heraus und ein funktionsfähiges Schreibgerät. Der Hörsaal ist brechend voll und ist gefühlt zu 70 % mit Senioren gefüllt. Das liegt wohl an dem Studiengang: Kunstgeschichte. Die Dozenten pflegen immer ein bisschen oder eine halbe Stunde zu spät zu kommen. Sehr sympathisch. Bevor das Spektakel beginnt, entleert der jeweilige Dozent seine Tasche auf dem Pult und hält es für unumgänglich, den Raum bis zur totalen Finsternis zu verdunkeln. Mein Schlafzentrum war davor schon mehr als aktiv und nun hallt es durch meinen Kopf einfach nur „Schlafen!“. Da sind mir Dozenten, die so monoton reden wie ein Roboter, dessen Lautstärkeregler auf 1 gestellt ist und dessen Gefühlschip nicht eingelegt wurde, natürlich gerade NICHT! recht. Mann, das ist verdammt anstrengend, selbst durch nicht genussvolle Einflößung eines kaffeehaltigen Heißgetränkes. Fra Angelico, Giotto, Duccio, Ambrogio Lorenzetti, Andrea Pisano, Lorenzo Ghiberti, Filippo Brunelleschi, Donatello, Masolino, Masaccio, Jan van Eyck, Rogier van der Weyden, Botticelli und so viele Künstler mehr rasen an mir vorbei. Farben, Formen, Motive, Bildthemen, verschiedenartige Darstellungen und Proportionen muss mein Gehirn sekundenschnell verarbeiten. Error. Das Einzige, was mein Denkapparat schafft, ist wie ein Kleinkind fasziniert von den Fresken, Gemälden, Skulpturen und Bauwerken den Drang zu verspüren, es anfassen und erleben zu wollen. In Gedanken laufe ich wieder durch die Hagia Sophia, die ich vor einigen Monaten in Istanbul besichtigt habe, und erinnere mich an die Vorlesung im letzten Semester. Wie uneben der Boden war, wie riesig und doch so schwerelos mir die Kuppel vorkam und an Bilder, die wir mit der schiefen Säule gemacht haben: Mosaike, die mich anfunkeln und durch den Lichteinfall ergreifend lebendiger wirken als nur auf fotografierten Abbildungen. Wunderschön. Dass ich nicht sabbernd und verträumt vor jedem einzelnen Stein stand, grenzt wohl an ein Wunder. Meine Kommilitonin stupst mich an.

Statt Mitschrift nur Herzchen

Mist, ich wollte doch mitschreiben! Der leistungstragende Teil der Kunstgeschichtestudenten tippt sich förmlich die Finger wund oder schreibt gerade das zwanzigste Collegeblockblatt voll, während ich auf einem Stift kaue und mich frage, wieso ich in Gedanken Herzchen auf mein Blatt gekritzelt habe. In diesen Momenten mache ich mir wirklich Gedanken um meine Zukunft und hoffe, dass es Jobs gibt, in denen meine Sabber- und Verträumtsein-Qualitäten irgendeinen Nutzen haben.
Zum Glück läuft es in Geschichte etwas „nüchterner“ ab. Kriege, die katholische Kirche, Bräuche, Macht, Geld und Intrigen. Es ist wirklich ähnlich wie in den ganzen klischeehaften Mittelalterfilmen. Grausamste Folterungen, verrückte Kaiser, die Legenda Aurea, der stinkende und zahnlose Sonnenkönig Ludwig XIV. und so viele Details, die einen immer wieder erstaunen. Das ist definitiv besser, sensationeller, krasser, interessanter, brutaler, actionreicher und verblüffender als das TV-Nachmittagsprogramm und erschütternder als jedes Promimagazin. Einfach skandalös die Geschichte!
Und so nervtötend die ganzen reproduktiven Arbeiten sind, die man in der Uni leisten muss, so wundervoll sind die neuen (Informations-)-Welten, die sich jedes Mal auftun, und so toll sind Menschen, die sich gut ausdrücken können und denen man einfach gerne zuhört.

Ein Ort der geistigen Wellness

Die Uni als ein Ort der geistigen Wellness und Wohltat. Ein Ort fernab von gehirnamputierten Idioten und Dilettanten. Bei all dem Informationsdrang darf ein angemessener Alkoholkonsum natürlich nicht fehlen. Ein Sektempfang hier, ein Weinchen dort und manchmal unter Studenten darf es auch mal ein Bierchen sein. Gepflegt, eloquent, ein wenig gespielt elitär, menschlich tadellos und mit Anstand, aber auch mit einem pointiert angewandten, feinen Humor. So wünscht man sich die Menschlein an der Uni. So habe ich mir das immer gewünscht. Eine Offenbarung, fast eine Erlösung nach den Jahren in der Schule.


AUTOR
Marit Jantzen
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    28. September 2015, 15:38 Uhr
    Aktualisiert:
    30. September 2015, 15:20 Uhr