Nicht nur finanzielle Aufbesserung: Der Minijob als Weiterentwicklung

Jede Woche sind die Plattformen für Minijob-Angebote überflutet. Selbst in den Geschäften wird geworben für eine Minijob-Karriere im Betrieb – zum Glück.

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    Kellnern ist ein Klassiker unter den Minijobs. Foto: Matthias Balk (dpa)

Ich finde, der Minijob ist nicht nur eine Möglichkeit, um etwas Geld in die Kasse zu bringen, sondern auch zur Persönlichkeitsbildung und um Klarheit für die eigenen Zukunftswünsche und -ziele zu schaffen.

Ich habe mit 16 Jahren zum ersten Mal nach einem Minijob gesucht und wurde dann von einer Bäckerei zum Vorstellen und Probearbeiten eingeladen. Ich wurde in Arbeitskleidung, bestehend aus Bluse und Schürze, gesteckt und schon stand ich hinter der Theke – und: Ich war sehr nervös.

Obwohl die erste halbe Stunde die ganze Zeit jemand neben mir stand, um mir alles zu erklären und mir zu helfen, hätte ich mich bei jedem neuen Kunden am liebsten hinterm Tresen versteckt. Vermutlich sah man mir die Angst sogar an. Zwei Stunden lang drehte sich alles in meinem Kopf um Brot, Brötchen und Teilchen. Mir kam es vor, als würde ich um mein Überleben kämpfen. Meine Chefin sagte am Ende des Probe-Arbeitens zu mir: „Das lief am Anfang ja nicht so gut, aber Du hast Dich auf jeden Fall verbessert zum Ende hin. Das kriegen wir schon hin.“ Ich bin ihr bis heute dankbar, dass sie Potenzial in mir gesehen hat, denn ich selbst zweifelte daran, dass ich welches hätte.

Für mich war alles neu zu dieser Zeit. Ich musste lernen, nicht leise hinter der Theke zu stehen und darauf zu warten, dass mich jemand anspricht, sondern auf die Menschen zuzugehen. Und ich musste lernen, selbstbewusst hinter der Theke zu stehen. Ich kann selbst heute noch spüren, wie sehr mich dieser Minijob persönlich weitergebracht hat. Ich habe damit nicht nur eine große Reise finanziert, sondern auch mich selbst in einem gewissen Sinne.

Ausprobieren, was man kann – und was nicht

Wer vorher an sich gezweifelt hat und denkt, nichts wirklich zu können, der wird mit einem ganz anderen Gefühl den Minijob verlassen. Denn du hast keine andere Möglichkeit, als einfach auszuprobieren, was du alles kannst und natürlich fällt man dabei auch mal auf die Nase. Im Großen und Ganzen aber lernt man dazu und sieht sich auf einmal in der Lage Dinge zu tun, die man sich vielleicht vorher nie getraut hätte.

Und nicht nur das kann ein Minijob für Euch tun. Er kann Euch auch zeigen, inwieweit etwas Vergleichbares Euch im späteren Leben als Job gefallen könnte. Ihr merkt vielleicht, dass Ihr keine Teamplayer seid, sondern lieber Einzelkämpfer. Oder dass es Euch wahnsinnig macht, den ganzen Tag am Telefon zu hängen und Ihr etwas Aktiveres im späteren Beruf braucht. All diese Dinge könnt Ihr übertragen und manchmal könnt Ihr in einem Minijob sogar genau das finden, was Euch gleichzeitig reizt und befriedigt und wozu Ihr Euch berufen fühlt.

Der nächste Pluspunkt ist, dass Ihr nicht nur Geld macht, sondern auch lernt, damit umzugehen. Über die Jeans für 100 Euro denkt Ihr auf einmal nicht mehr nur, wie schön sie ist und dass Ihr sie unbedingt haben wollt, sondern auch, dass Ihr dafür zehn Stunden arbeiten müsstet. So erhält alles ein wenig mehr Wert.

Im Grunde ist ein Nebenjob wie ein sehr langes, gut bezahltes Praktikum. Ihr lernt also nicht nur mit Euch selbst umzugehen, sondern auch Arbeitsstrukturen kennen und wie es im Beruf allgemein so zugeht.
Ich musste zum Beispiel lernen, mehr für mich selbst einzustehen und mich nicht schlecht zu fühlen, wenn ich mal einen Einsatztermin absagen musste. Ihr seid zwar angestellt, aber nicht so „fest“ wie – tja – fest angestellte Vollzeitkräfte. Weil ich sozial gedacht habe, habe ich manches Mal hinterm Tresen gehangen und an die sich türmenden Hausaufgaben und Klausuren zu Hause auf meinem Schreibtisch gedacht. Oder ich habe ein Treffen mit einer Freundin abgesagt, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte.

Einmal stand ich sogar an Weihnachten auf dem Wochenmarkt, weil ich mir Sorgen machte, dass meine Chefin sonst niemanden für diesen Tag finden würde. Das war der Moment, indem es dann Klick bei mir gemacht hat.
Für mich persönlich ist einer der besten Nebeneffekte eines Minijobs das Leute-Treffen. Denn in fast jedem Nebenjob werdet Ihr Kollegen haben – oft aus unterschiedlichen Bereichen: Schüler, Studenten, Festangestellte, Chefs – dort trefft Ihr jeden. Und wenn Euch die Arbeit wirklich Spaß macht und Ihr ein gutes Arbeitsklima habt, dann ist Euch eine entspannte und lustige Arbeitszeit bereits gesichert.


AUTOR
Marleen Wiegmann
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    6. März 2018, 14:53 Uhr
    Aktualisiert:
    6. März 2018, 15:00 Uhr
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