Blues Pills: Retro in der Gegenwart

Rock Internationaler Retro-Rock erobert die Bühnen der Welt. Elin Larsson und André Kvarnström (Schweden), Dorian Sorriaux (Bretagne) und Zack Anderson (Iowa) beleben auch auf ihrem zweiten Album „Lady In Gold“ den Geist von Janis Joplin oder Jim Morrison aufs Furioseste.

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    Dorian (v.l.n.r.), Zack, Elin und André haben ihren eigenen Stil gefunden. Foto: Warner Music

Üblicherweise ist er hier nicht zu Hause, der Rock’n’Roll. Elin Larsson (27) und Dorian Sorriaux (20), Sängerin und Gitarrist der Blues Pills, schwitzen an einem brütend heißen Mittwochvormittag im Konferenzraum eines Oma-Hotels in der Münchner Innenstadt, und Dorian erzählt erst mal, wie er vorhin beim Friseur war, sich den Bart hat stutzen und dabei noch diese mordsteure Rasiercreme hat aufschwatzen lassen, die aber auch wirklich so tierisch gut riecht, dass sich Elin – obwohl kein Bartwuchs weit und breit – gleich mal das Gesicht damit einrieb. Man merkt sofort: Mit diesen beiden sympathischen Musikern fühlt man sich wohl. „Wir sind alle vier recht wenig anstrengend“, bestätigt Elin den ersten Eindruck. „Anders geht es auch nicht. Wir sind fast ohne Unterbrechung zusammen, deshalb ist es so wahnsinnig wichtig, dass wir uns gut verstehen und auch gern mögen. Es würde einfach keinen Spaß machen, auf der Bühne zu stehen und keinen Bock aufeinander zu haben.“

Die glorreichen Sechziger- und Siebziger Jahren wieder aufleben lassen

Die Blues Pills haben sich recht unvermittelt nach vorne gespielt. Die Band gibt es überhaupt erst seit 2011, ihre erste EP „Devil Man“ brachten sie aber gleich beim renommierten Metal-Label „Nuclear Blast“ auf den Markt, und das Debütalbum „Blues Pills“ erreichte im Sommer 2014 Platz Vier der deutschen Albumcharts, auch anderswo in Europa wächst die Fangemeinde rasant. Den hohen Erwartungen wird „Lady In Gold“ (kl. Foto) mühelos gerecht. Wieder feuern die Vier ihren Blues-Rock aus allen Rohren, der Sound ist so richtig satt auf Retro getrimmt und lässt die glorreichen Sechziger- und Siebziger-Jahre wieder aufleben, die Songs sind klar strukturiert und eingängig. Größtes Pfund aber ist die raue, kräftige Stimme von Elin, die an Janis Joplin und Tina Turner erinnert. „Als ich klein war, konnte ich gar nicht anders, als immer mitzugrölen, wenn im Haus Musik lief“, so die in Mittelschweden geborene Frontfrau. „Am liebsten sang ich saumäßig laut zu Aretha Franklin und zu Nirvana, und meine Eltern fanden das zwar soweit ganz cool, baten mich aber auch hin und wieder mal, für ein Stündchen in den Wald zu gehen, um dort weiter zu singen.“ Das tat Elin dann auch, und wenig später gründete sie eine Mädchenrockband mit ihrer Schwester und ein paar Freundinnen – unterstützt von der Mutter, die Kunstlehrerin ist und ein kleines Theater leitet und dem Vater, der einst selbst in einer Beatles-Coverband spielte.

"Lady in Gold" handelt vom Tod, der eine schöne Frau ist...

Aber woher kommt die Liebe zum Vintage-Rock und zum kernigen Blues? Elin: „Ich war vier, als mein Vater mir ZZ Top vorspielte. Ich war sofort besessen. Mit sechs, sieben Jahren ging ich schon regelmäßig in den Musikladen und hörte CDs. Meine erste selbstgekaufte Platte war von Joe Cocker, die Stimme fand ich unvorstellbar gut. Naja, die zweite war von den Spice Girls.“ Man sei sich einig in der Band, dass die Musik früher einfach geiler war, sagt Dorian. „Die Themen der Lieder waren interessanter, die Kompositionen einfallsreicher. Heute ist die Musik im Radio wie ein Kaugummi, kurz süß und dann spuckst du ihn auch schon wieder aus.“ Der Titelsong „Lady In Gold“ etwa handelt vom Tod (Elin: „Aber so, dass er keine böse, bedrohliche Figur, sondern eine schöne Frau ist“), „Little Boy Preacher“ ist eine dreckige kleine Bluesrockhymne über einen - von der Sängerin ausgedachten - Sektenführer, die einzige weiche, ruhige Album-Nummer „I Felt A Change“ dreht sich um eine verlorene Liebe Elins.

„Keiner von uns hatte Jobs, an denen er groß hing"

Dass die Bandmitglieder aus drei verschiedenen Ländern kommen und ihr Hauptquartier nun im zwischen Stockholm und Oslo liegenden, schwedischen Örebro aufgeschlagen haben, spielt für den Stil der Blues Pills indes keine besondere Rolle, sagen sie. „Das ist kein Konzept, sondern einfach Zufall“.
Dorian Sorriaux erzählt weiter: „Ich komme zum Beispiel aus der Bretagne, und dort ist keltische Musik dominierend, die kommt aber bei uns nicht vor.“ Jener Zufall brachte Elin Larsson, vom Wesen ein Freigeist mit Hippie-Tendenzen, 2011 während eines ausgiebigen Kalifornien-Aufenthalts mit Bassist Zack und dem damaligen Drummer Cory Berry zusammen. Man teilte die Liebe zum Retro-Rock und nahm aus Bock ein paar Songs auf und brachte sie in Eigenregie raus und begann, live zu spielen. War anfangs natürlich hart, vor allem finanziell. Elin: „Keiner von uns hatte Jobs, an denen er groß hing. Ich servierte das Frühstück in einem Hotel, und war sowieso gerade gefeuert worden.“ Anfangs spielten sie oft vor Supermärkten, um sich Geld für Essen zu verdienen („meistens reichte es nur für diese schrecklichen Fleischmüll-Würstchen“), es lief bald immer besser, und während der ersten Frankreich-Tour trafen sie auf Dorian, der sich, damals gerade 16 Jahre alt, nach harten Verhandlungen mit den Eltern den Blues Pills anschloss.

Jetzt leben sie alle im hübschen Örebro, auch weil es praktisch ist, sind aber sowieso meistens irgendwo unterwegs, „da wir seit vier Jahren praktisch ohne Unterbrechung touren.“ Nur für die Albumproduktion in Örebro nahmen sich die Blues Pills eine Live-Pause, und den zeitweiligen Abgabedruck verbunden mit einer leichten Schreibblockade behob schließlich Mutter Larsson mit einem trockenen „Elin, entspann dich mal.“ „Keine Frage“, gibt diese zu, „ein bisschen Druck ist jetzt schon da, wir kommen nicht mehr aus dem Nichts so wie vor zwei Jahren. Aber zu verlieren haben wir immer noch nichts, was soll uns denn passieren? Wir machen Musik mit Herz, Gefühl und Leidenschaft, und wir sind uns sicher, dass es dafür immer ein Publikum geben wird.“
Die Blues Pills kommen live auch in unsere Nähe:
Samstag, 8. Oktober 2016, 20 Uhr
Turbinenhalle
Im Lipperfeld 25
46047 Oberhausen
Karten gibt es für 33,65 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline 0209 / 14 77 999.



AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    14. September 2016, 08:54 Uhr
    Aktualisiert:
    14. September 2016, 09:54 Uhr