Bonobo mit neuem Album: Der Meister elektronischer Songs

Pop Simon Green aus Brighton mag seinen Künstlernamen so gar nicht mehr leiden. Spricht man ihn also auf Bonobo an, dann wird er sehr schlagartig sehr schmallippig. „Nee“, sagt er etwas unangemessen barsch, „das hat nichts zu bedeuten und wird jetzt auch nicht erklärt.“ Abgesehen von der Namenswahl, die bereits 18 Jahre zurückliegt, läuft alles optimal bei dem elektronischen Musiker, Produzenten und DJ, der mit „Migration“ (kl. Foto) schon sein sechstes Album vorlegt.

  • Bonobo

    Bonobo möchte mit seiner Musik berühren: „Mir geht es darum, Menschen und ihre Kulturen aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammenzubringen und zu verbinden.“ Sein mittlerweile sechstes Album „Migration“ glänzt mit komplexen und kunstvollen elektronischen Popsongs. Foto: Neil Krug

„Ich habe nach der letzten Tournee, auf der ich 175 Shows spielte und mich am Ende sehr erschöpft und sehr befreit fühlte, eine kleine Bilanz meines Lebens gezogen“, sagt Bonobo, und dabei sei vordringlich zweierlei herausgekommen. „Auf der einen Seite ist meine Musik reifer und besser geworden. Ich selbst wiederum habe mich, seitdem ich Anfang 20 war, so gut wie gar nicht verändert. Als Mensch habe ich mit meiner künstlerischen Entwicklung nicht Schritt gehalten, ohne mir darüber so richtig klar zu sein.“

Eine Veränderung der Lebensumstände tat not, aber nicht zu radikal. „Mein Lebenswandel, den ich grundsätzlich mag, ist immer noch davon geprägt, dass ich mich am liebsten treiben lasse, nirgendwo zu sehr Wurzeln schlage. Trotzdem spürte ich, dass es an der Zeit war, so etwas wie eine Heimat zu finden.“ Nachdem Simon Green also seine alte Wohnung in New York aufgegeben und mal hier und mal dort bei Freunden verweilte, bezog er im vergangenen Jahr Quartier in Los Angeles, genauer gesagt in der hippen und noch halbwegs erschwinglichen Künstler-Enklave Echo Park im Osten der Stadt. „Zum ersten Mal, seit ich vor über 20 Jahren bei meinen Eltern auszog, habe ich das Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu haben. In LA herrscht eine prima Atmosphäre und ein enger Austausch mit gleich gesinnten Musikern, es ist einfach ein guter Ort zum Arbeiten und Leben.“

Berührender Gesang bei "Break Apart"

Der Titel seines Albums habe nur am Rande etwas mit Bonobos eigener Weltwanderschaft sowie den großen Flüchtlingsbewegungen unserer Zeit zu tun. „Mir geht es vor allem darum“, sagt er, „Menschen und ihre Kulturen aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammenzubringen und zu verbinden.“
Diesem Ansatz wird Bonobo, der sich auf „Migration“, dem Nachfolger des hochgeschätzten „North Borders“, einmal mehr als ein Meister kunstvoller, komplexer und doch zupackender elektronischer Popsongs, erweist, voll und ganz gerecht. Passend zum Grundthema der Platte nimmt Bonobo einige Weltmusiker dazu, etwa die aus Marokko stammenden und in New York lebenden Innov Gnawa auf dem sehr tanzbaren Song „Bambro Koyo Granda“. Auch auf „Kerala“ gibt Bonobo richtig Gas, während das siebeneinhalb Minuten lange „No Reason“ Nick Murphy (der unter seinem alten Namen Chet Faker bekannt ist) zu Gast hat, während der zartstimmige Kanadier Ryhe wiederum mit seinem berührenden Gesang das innige „Break Apart“ veredelt.

Wer ihn noch nicht kennt und etwa Caribou oder Flume schätzt, sollte unbedingt auch Bekanntschaft mit diesem Bonobo machen, der einst als Rockmusiker begann und sich mit dem Bekanntwerden sehr viel Zeit ließ, „denn mir ging es nie um den schnellen Hit, das überstürzte Angesagtsein. Sondern darum, etwas abzuliefern, was von Dauer ist“. Seine Songs, die sich zum Bewegen wie zum genauen Lauschen gleichermaßen aufdrängen, sind warm, emotional und sehr lebendig, sie stechen heraus aus der Masse der oft etwas langweilig-monotonen Dance- und Electro-Stangenware. „Ich möchte, dass meine Musik so klingt, wie ich als Mensch bin. Auch daher sind mir Alben so wichtig. Auf zwölf Songs, die alle irgendwie einander ergänzen und zusammengehören, kannst du viel deutlicher als auf ein, zwei Tracks vermitteln, wer du wirklich bist. Ein Album ist für mich weit mehr als die Summe seiner Songs.“

 



AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    18. Januar 2017, 10:06 Uhr
    Aktualisiert:
    18. Januar 2017, 10:16 Uhr
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