Neues von George Ezra: Rasanter Pop mit hohen Glücksgefühlanteilen

Der Brite mit dem Blues im Blut war nach dem unerwartet großen Erfolg von „Budapest“ ein bisschen neben der Spur. In Barcelona fand er wieder zu sich und legte auch gleich den Grundstein für sein zweites Album „Staying At Tamara’s“.

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  • George Ezra

    Die meisten, die nur George Ezras Stimme kennen, sind verdutzt, wenn sie ein Foto des 24-Jährigen sehen. Bei ihm trifft dunkle Stimme eben auf blonden Schopf. Foto: Pip / Sony music / Columbia Records

  • George Ezra Cover

    Hübsches Cover, toller Inhalt - George Ezras Platte: "Staying At Tamara's"

Dass sie eine Berühmtheit bei sich beherbergt, ist Tamara lange Zeit nicht bewusst. Schließlich wirkt der schlaksige blonde Junge, der sich für vier Wochen in ihrer Pension im Herzen Barcelonas einquartierte, so wie alle anderen jungen Engländer, die bei der Spanierin ein- und ausgehen. Gut, er hatte eine Gitarre dabei, aber auch das ist ja nicht besonders exotisch. „Eines Abends haben Tamara und ich zusammen Musik gehört, und sie fragte mich, ob von mir irgendwas im Internet zu finden sei und wie ich hieße.“ Der Junge sagte „George Ezra“, Tamara steuerte eine Streaming-Seite an, sah „Budapest“, das allein bei Spotify 365 Millionen Mal aufgerufen wurde – und wusste endlich, wer dieser Typ mit der tiefen Stimme ist, den sie da vor sich hatte. „Meine Tarnung war aufgeflogen, aber Tamara ließ mich gleich wieder in Ruhe. Ich musste auch nichts vorspielen.“

Zahllose Shows in aller Welt gegeben

George Ezra, 24 Jahre alt, und aus wohlbehüteten Verhältnissen in Hertford bei London stammend, war nach den ganzen Aktivitäten rund um sein Debütalbum „Wanted On Voyage“, den zahllosen Shows in aller Welt und dem Wirbel um seine Supersingle „Budapest“ in die katalanische Metropole gekommen, um sich mal gründlich den Kopf durchpusten zu lassen. Als Nebeneffekt waren ihm Anstöße, die zu neuen Songs führen könnten, sehr willkommen. „Unter der Woche habe ich endlose Spaziergänge unternommen oder bin an den Strand gegangen.“ George schrieb dann nicht nur Tagebuch, sondern auch die Grundgerüste gleich mehrerer Songs für sein neues Album, das passenderweise „Staying At Tamara’s“ heißt.

Überhaupt markierte der Frühsommer 2016 in Barcelona eine Art Wendepunkt für George, einen sehr freundlichen und wohlerzogenen jungen Mann mit dem kräftigen Lachen. „Das erste Album war viel erfolgreicher als ich je gedacht hätte, ich hatte zwei Jahre lang wahnsinnig viel zu tun. Was toll war. Plötzlich wieder zu Hause, bei meinen Eltern in meinem alten Zimmer, hatte ich keine Termine, keine Verpflichtungen, keinen Tagesablauf mehr. Ich habe mich bekochen lassen und erholt. Nur: Irgendwann meldete sich das Männchen im Kopf und sagte ,Du musst mal langsam wieder Lieder schreiben‘, doch das geht eben nicht auf Knopfdruck.“

Doch nach seinem Monat bei Tamara legte Ezra richtig los. Und nahm ein Album auf, das fast schon überschwänglich fröhlich klingt, der Glücksgefühlanteil auf „Staying At Tamara’s“ ist jedenfalls beträchtlich. „Es gehen seltsame Dinge vor sich, im Moment vielleicht noch geballter als sonst. Jetzt auch noch traurige Songs zu schreiben, die ich dann jeden Abend singen müsste, würde mir überhaupt keine Freude machen.“

Dann doch sehr viel lieber Stücke wie das vor einigen Monaten schon veröffentlichte „Don’t Matter Now“, das lässige „Shotgun“, auf dem George seine Beach-Beobachtungen über „bikini bottoms, lycra tops“ teilt oder das regelrecht ausgelassene „Pretty Shining People“. „Auf dem ersten Album hätte ich mich nicht getraut, ein solch simples Lied mit einer Zeile wie ‚Don’t we all need love – I think the answer is easy‘ zu singen. Aber manchmal sind vermeintlich schlichte Botschaften einfach die treffendsten.“ Das gilt auch für „Paradise“, die neue Single und zugleich eine rasante Liebeserklärung („I’m in paradise whenever I’m with you“), die George Ezra – in bester Ed-Sheeran-Manier – an seine Freundin richtet.

Und was ist mit Tamara? Weiß sie, dass ihr Name Einzug gehalten hat in ein Stück zeitgenössische Popkunst? „Ja, ich habe ihr Bescheid gesagt. Sie meinte nur: ,Ist mir recht‘. Es schien ihr ein bisschen wurscht zu sein, aber ich denke, sie wird sich freuen, wenn ich ihr ein Exemplar des Albums zuschicke.“


AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    14. März 2018, 11:17 Uhr
    Aktualisiert:
    14. März 2018, 11:34 Uhr
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