Bescheidenheit vs. Arroganz: Wir, die Angeber-Generation?

Bescheidenheit war in der Generation vor uns eine Tugend, die man von klein auf lernte. Sie bedeutete: „Den Ball flach halten“. Du hast ein neues Auto? Du hast gerade deinen Traumjob bekommen oder du fliegst für zwei Wochen in die Karibik? Alles schön und gut, aber vor anderen musst du es so klingen lassen, als wäre das alles nicht der Rede wert. Heute sieht das ganz anders aus.

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  • Arroganz Marleen Wiegmann

    Auffallen um jeden Preis? Braucht unsere Generation wirklich Glitzerjacken, Ketten und viel Bling Bling, um selbstbewusst rüberzukommen? Foto: Jana Putze

  • Bescheidenheit Marleen Wiegmann

    Graues Top und schüchtern-lächelnd präsentiert sich die bescheidene Marleen. Foto: Jana Putze

Wir prahlen mit dem Flug in der Business Class, der neuen Handtasche, einer super Note oder einem Jobangebot – und das vor allen Dingen in den sozialen Netzwerken. Zeigen auf Facebook, Instagram und Co. unsere neuen Klamotten und posten Fotos unserer schönsten Reisen. Warum machen wir das? Um uns zu profilieren. Wir halten den Ball nicht flach. Im Gegenteil, wir werfen ihn in die Luft. Wir schreien der Welt entgegen, dass wir großartig sind und was wir alles erreicht haben im Leben. Wir suchen Anerkennung – und die versuchen wir mit einer hohen Like-Zahl zu bekommen.

Sind wir insgeheim selbst nicht von uns überzeugt?

Ich verstehe uns, die Angeber-Generation nicht, denn wen wollen wir beeindrucken? Wen wollen wir überzeugen? Sind wir etwa insgeheim total unsicher und nicht von uns überzeugt?
Bescheidenheit kann man als Tugend bezeichnen, ebenso kann sie dir auch im Weg stehen. Denn wenn du auf etwas stolz bist, dann solltest du das offen sagen und zeigen dürfen. Jeder sollte in der Lage sein, sich selbst auch mal zu feiern. Den Stolz auf sich selbst zulassen und sich selbst auf die Schulter klopfen. Das sollte möglich sein. Schon allein fürs eigene Selbstbewusstsein.

Auf der anderen Seite ist das Vorzeigen auf den sozialen Plattformen das andere üble Extrem. Wir klopfen uns so oft auf die Schultern, dass wir schon blaue Flecken haben müssten und unsere Münder fusselig sind vom Aufzählen all der tollen Dinge, die wir erlebt haben. Das sieht für mich oft nach blanker Arroganz aus und dem bloßen Darstellen von materiellen Werten.

Wir sind von einem Extrem – Bescheidenheit – ins andere – Angeberei – gewandert und beides für sich genommen und alleinstehend ist nicht richtig.
Auf der anderen Seite muss man uns zugutehalten, dass uns in den sozialen Medien kaum eine andere Möglichkeit geboten wird, als positiv zu sein und zu zeigen, dass das eigene Leben toll ist. Denn niemand will flüchtigen Bekannten seine schlechten Tage präsentieren, wenn man nur heulend vorm Fernseher sitzt und Kekse futtert. Was bleibt da, außer unnatürliche Dauer-Freude zur Schau zu stellen?

Ich muss zugeben, dass ich diesen verheulten Gesichtern auf Instagram ein Like geben würde. Einige Leute üben sich schon in dieser Ehrlichkeits-Disziplin. Da kann man dann Fettröllchen sehen und gesellschaftskritische Beiträge lesen anstatt filterbedeckte Bilder anzuschauen.

Wir haben eben verlernt, den Ball flach zu halten. Wir greifen nach den Sternen und das ist manchmal arrogant, weil wir denken, dass die Sterne nur für uns leuchten, aber das passiert auch oft online, wo man sich ohnehin ins Rampenlicht stellt und sich präsentiert und darstellt.

Und wer wie ich, als Außenseiter, die zeitwillige Arroganz online nicht ertragen kann, der muss das ja auch nicht. Deinstalliert die Apps und löscht Eure Profile, denn ich finde, in Person können wir sehr viel bescheidener und geerdeter sein! Als „echte“ Person – und nicht als Darsteller bei Instagram – denken wir nicht, dass die Sonne nur für uns aufgeht. Doch trotzdem können wir einräumen, dass wir tolle Freunde, eine schöne Wohnung und einen netten Job haben. Denn auch wir wissen, dass es am Ende eben nicht auf die stylishe Handtasche oder das Auto ankommt. Zumindest die meisten von uns.



AUTOR
Marleen Wiegmann
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    13. März 2018, 11:38 Uhr
    Aktualisiert:
    16. Juni 2018, 03:33 Uhr