Betroffen: Annikas Weisheitszähne: "Oh, die müssen raus!"

Man kann 100-mal Glück haben. Und einmal – dann hat man halt Pech. Ich dachte immer, der böse Kelch der Weisheitszahn-Entfernung geht in diesem Leben an mir vorbei… Und habe mich insgeheim immer sehr darüber gefreut, dass ich verschont bleiben sollte, während alle meine Freunde mit geschwollenen Wangen und Eisbeutel an der Backe traurig in die Kamera blickten, um ein bedröppeltes Selfie zu machen. Tja, nun sitze ich hier, Kühlakku an die linke Backe gedrückt mit schlechter Laune und Schmerzen. Ich bin Hangry! Eine Mischung aus hungry (hungrig) und angry (wütend).

  • Zahnersatz

    Wenn die Zahnärztin nur ins Gebiss guckt, ist manchmal noch alles in Ordnung. Wenn sie, wie bei Autorin Annika, dann plötzlich Röntgen-Aufnahmen machen will, sind’s plötzlich die Weisheitszähne, die gezogen werden müssen. Foto: Hans Wiedl (dpa-Zentralbild)

Aber von Anfang an:
Nichts ahnend lümmle ich samstagabends auf meiner Couch und drücke mich vor sozialen Verpflichtungen. Und auf einmal krieg‘ ich Zahnschmerzen auf der linken Seite. Nicht beim Essen oder Dran-Rumdrücken, sondern einfach so. Die Schmerzen kommen und gehen wieder und ich hoffe, wie immer, das Problem erledigt sich von allein. Am nächsten Tag fahre ich zu meinen Eltern zu Besuch und bitte sie noch von unterwegs, mir den zahnärztlichen Notdienst rauszusuchen. Solche Schmerzen hatte ich bisher im Zahnbereich noch nicht und ich wollte sie auch auf dem Höhepunkt des Schmerzes nie wieder erleben. Mit Schmerzmitteln konnte ich mich jedoch einigermaßen über Wasser halten, sodass ich nicht den Notdienst aufsuchen musste. Ein befreundeter Zahnarzt schaute noch an diesem Tag mal drauf und vermutete, es läge wohl an meinem Kiefer, der durch das nächtliche, stressbedingte Knirschen, überbelastet sei. DAS wäre doch eine gute Erklärung.
Und dann machen wir Röntgen-Aufnahmen…

Keine Ahnung vom Ausmaß der Wehwehchen

Optimistisch mache ich für den nächsten Tag einen Termin bei einer Zahnärztin in meiner neuen Wahlheimat. Ich kriege eine Schiene gegen das Knirschen, doch sie denkt, der Schmerz komme woanders her. Wir brauchen neue Röntgen-Bilder. Okay. Immer noch ahne ich nicht das Ausmaß meiner Wehwehchen. Bis ich auf die Bilder schaue. Die äußeren vier Zähne sehen irgendwie so gar nicht aus, wie sie aussehen sollten. Eher wachsen sie schräg gegen meine anderen Zähne. Und sind noch im Kieferknochen. Oh no! Und da sagt es die Ärztin auch schon: „Ich fürchte, die Weisheitszähne müssen raus.“

Ich schlucke schwer, als hätte sie mir gesagt, ich müsse für den Rest meines Lebens die Last der Welt tragen. Ich überlege kurz, ob ich den Rat ignoriere und lerne, mit dem Schmerz zu leben. Bis zur nächsten Schmerzwelle. Danach habe ich schnell einen Termin.
Die Kieferorthopädin ist nett, doch sie begreift nicht, dass ich mit der ganzen Sache möglichst wenig zu tun haben möchte. Das sind meine Zähne, ja, aber mach sie einfach raus und gut ist. Ob ich noch Fragen hätte? Nein! Schmerzen hab‘ ich, das ist alles! Am Tag der OP soll ich vorher gut essen. Witzig, die OP ist um 8.15 Uhr. Da krieg‘ noch kein Schnitzel mit Pommes runter. Und so hab‘ ich meine letzte Chance, was zu essen, was richtig zu kauen, an ein läppisches Butterbrot mit Frischkäse und Gurke verschwendet.

Ich hätte gerne eine Vollnarkose gehabt. Ich wollte nichts mitkriegen. Doch die übernimmt die Krankenkasse ab einem bestimmten Alter nicht mehr, sodass ich mit einer örtlichen Betäubung vorlieb nehmen musste. Ich solle einfach Musik auf die Ohren mitnehmen. Das tat ich auch. Aber wenn die Ärzte in meinem Mund rumbohren, und ziehen und schleifen und hämmern, dann hör‘ ich das natürlich trotzdem.

Auch höre ich die ständige Anweisung, meinen Mund weiter aufzumachen. „Das ist wichtig“. Ja Olle, ist auch wichtig, dass du nicht ständig abrutscht und mein Zahnfleisch massakrierst oder mir den Absaugschlauch nicht so weit in den Rachen schiebst, dass ich würgen muss! Als ich dachte, die Prozedur sei vorbei, sagt sie zu mir: „Gut, der untere Zahn ist raus.“ Was? Der ganze Spaß jetzt oben noch mal?! Alles in allem hat die OP etwa eine Dreiviertel Stunde gedauert. Danach fühlte sich meine Lippe, weil betäubt, so dick an wie ein aufgeblasener Ballon. Und damit sollte ich jetzt meine Medikamente holen. Ich fühlte mich wie ein geschwollener Quasimodo, als ich in die Apotheke ging. Mitleidig bekam ich Schmerzmittel und Antibiotikum in die Hand gedrückt. „Gute Besserung“. Jo, danke.

Nicht blau, aber um das Vierfache angeschwollen

Und seitdem ist meine linke Wange auf das Vierfache angeschwollen, aber nicht blau, immerhin. Essen bereitet mir nicht nur Schmerzen, sondern auch schreckliche Sehnsucht. Denn ich will Schoki, ich will Müsli, ich will Brot, auf das ich drauf beißen kann. Ich will mein Schnitzel. Ich will mir die Zähne putzen mit einer Zahnbürste für Erwachsene und keine Angst dabei haben, mir wehzutun. Ich habe keine Lust mehr, auf den widerlichen Blutgeschmack in meinem Mund. Ich will gurgeln können. „Morgen ist alles wieder besser“, sagen mir alle. Und essen dabei fröhlich ihre feste Nahrung. Morgen. Ich hab‘ jetzt schon „drei Morgen“ erlebt. Und ich kann Toast und Babybrei nicht mehr sehen.

Der Mensch tut so viel, um sich zu optimieren. Wie wäre es, diese Schmerz bringenden Weisheitszähne evolutionär aus unserem Körper zu entfernen? Das muss doch machbar sein! Und alle können glücklich sein und kriegen keine Mordgelüste mehr, wenn sie anderen dabei zusehen, wie sie herzhaft in ein Brötchen beißen.



AUTOR
Annika Mittelbach
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    24. Januar 2018, 12:35 Uhr
    Aktualisiert:
    20. April 2018, 03:34 Uhr
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