Christina interviewt Renate: Die Jugend meiner Oma

Serie Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu, nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragt Christina Nowak ihre 78-jährige Oma Renate, die seit 1957 in Marl lebt.

  • Jugend meiner Oma Christina Nowak und Renate

    Sehr viel Privates – schöne und schlimme Erlebnisse – gab Renate (r.) ihrer Enkelin Christina (l.) und auch uns preis. Vielen lieben Dank dafür! Foto: Privat

Christina: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Renate:
Ich hatte eigentlich keinen Lieblingsplatz. Als Kinder mussten wir tagsüber Aufgaben erledigen und wurden ständig woanders eingesetzt. Entweder musste ich die Gänse hüten, dann war ich am Bach, da, wo es grün ist. An anderen Tagen saß ich auf der Weide und schaute auf die Kühe, denn Zäune gab es damals nicht. Und manchmal, da hatte ich Glück und der Nachbarsjunge bekam die gleiche Aufgabe, dann konnten wir den Tag zusammen verbringen. Aber dass wir mal Freizeit hatten, dass man sich getroffen hat, das gab es nicht.

Christina: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?
Renate:
Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Auf dem Land gab es keine Möglichkeiten, etwas zu machen. Die Schulbildung war schlecht, studieren unmöglich. Nach meinem Abschluss meldete ich mich in einer Hauswirtschaftsschule an. Es war ein Internat, ungefähr sechs Kilometer von unserem Dorf entfernt. Dort musste ich dann verschiedene Fächer durchlaufen. Zum Beispiel wohnte ich drei Monate bei einem Pastor. Dort erledigte ich alles, was so anfiel – vom Holzhacken bis zum Wäschewaschen, wirklich alles.

Bei Nacht und Nebel in den Westen geflohen

Weil meine Eltern jedoch den Plan hatten, in den Westen zu gehen, war ich nur knapp ein halbes Jahr da. Ich wäre gerne geblieben, aber was sollte ich dort alleine? Also musste ich mit.
Schließlich sind wir dann irgendwann bei Nacht und Nebel abgehauen. Die Flucht in den Westen habe ich damals aber als Abenteuer erlebt. Mein Vater ist schon einen Tag eher gefahren und ich musste alleine bis Berlin reisen, wo ich mich mit meiner Mutter und Freunden getroffen habe.
In Berlin wohnten wir dann erst mal etliche Wochen in einem Lager. Eine große Fabrikhalle, abgetrennt durch Bettlaken, für ein wenig Privatsphäre. Wenn man eher abgefertigt werden wollte, konnte man sich für bestimmte Arbeiten bereit erklären, zum Beispiel Toiletten oder Bäder reinigen.

Christina: Was war der schönste und was war der schlimmste Moment in deinem Leben?
Renate:
Es gab viele schöne Momente. Die Geburt von den Kindern – und wie sie in die Schule gekommen sind, oder wie sie geheiratet haben. Schön war auch, als wir unser 50-Jähriges gefeiert haben und die Kinder uns eine kleine Reise geschenkt haben. Oder als wir Euch Enkelkinder im Haus hatten, da kam man sich noch mal unwahrscheinlich jung vor.
Der schlimmste Moment in meinem Leben war, als mein Mann sehr krank wurde. Ihm geht’s wieder gut, aber der Schock bleibt.

Christina: Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen?
Renate:
So was hatte ich nicht. In unserem Dorf hatten wir eine Clique, aber das war alles nur freundschaftlich. Eine Freundschaft, die übrigens bis heute noch besteht. Für Liebe war da jedoch kein Platz. Viele Jugendliche gab es eh nicht. In der Haushaltsschule, in der ich dann war, kam man auch kaum raus, um jemanden kennenzulernen. Vergnügen oder Freizeit hatten wir selten.

Christina: Was wundert Dich an meiner Generation und hast Du Fragen an uns?
Renate:
Ich finde gut, dass alles lockerer ist, dass die heutige Generation mehr Freizeit hat. Ihr könnt hinfahren und reisen, wohin Ihr wollt. Wie soll ich sagen? Ihr seid selbstständiger als früher. Doch ich habe den Eindruck, Ihr könnt Euch – trotz aller Freiheiten – nicht richtig frei bewegen. An jeder Ecke lauern Gefahren. Gewalt und Drogen sind keine Seltenheit mehr. Es ist gefährlich abends alleine auf der Straße, das gab es früher nicht.
Was wisst Ihr über die Jugendjahre Eurer Großeltern? Nicht so viel, oder? Das wollen wir mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr mit Eurer Oma oder Eurem Opa dabei sein wollt: scenario@medienhaus-bauer.de