Die Kultur der Freigeister: Genervt vom Flower-Power: Intolerante Hippies

Gesellschaft. Modetrends wiederholen sich. Neonfarben sind wieder gekommen, dicke Parka, Leggins – und leider ist auch die Hippie-Kultur ein Trend, der sich jetzt wieder breitzumachen scheint. Ein Jammer.

  • Hippies

    Aus der Ferne sieht die Hippie-Kultur bunt und spaßig aus – doch Lana weiß aus Erfahrung, dass trotz „Peace“ und „Love“ nicht alles immer Friede-Freude-Eierkuchen ist!

Generell habe ich nichts gegen die romantische Vorstellung, die man gemeinhin von einem Hippie hat. Lange, zerzauste Haare, dürftige Körperpflege, Naturverbundenheit und eine offene Einstellung zur Welt und ihren Lebewesen – das klingt doch alles schön und gut. Und ich will mich auch gar nicht beschweren darüber, wie andere Menschen ihr Leben leben wollen. Doch wenn ich damit tangiert werde, muss ich meinem Frust auch Luft machen. Ich dachte, Hippies wären cool. Nicht ohne Grund war ich Karneval immer mit Batik-Shirt und Blumenkette unterwegs. Doch eine Woche Urlaub mit drei verkappten Hippies hat mir die Augen geöffnet und meine friedfertige „Leben-und-Leben-lassen“-Einstellung ziemlich auf die Probe gestellt. Warum? Weil man einfach über alles nachdenken muss, was man tut und sagt und denkt und fühlt. Wo man grade ist und was man grade isst. Denn gefühlt nichts, was normale Menschen, Otto-Normalverbraucher, Max Mustermänner wie ich und Ihr es seid, tun, heißen Hippies für gut. Und da bin ich auch schon bei meinem ersten Punkt: Intoleranz!

Freie Liebe, freier Körperkult. Aber sobald irgendwas nicht ins Hippie-Bild passt, ist die Freiheit anderer Menschen auch ganz schnell vorbei. Wagt man es beispielsweise Marmelade zu kaufen, auf der nicht dick und fett „BIO“ steht und die nicht 2-3 Euro teurer ist als ihre Marmeladen-Kollegen, wird man direkt mit Verachtung bestraft. Vor allem wenn man in einer Gruppe von Hippies sitzt, die natürlich alle einer Meinung sind, was Bio-Produkte und FairTrade angeht. Ich verstehe schon den Sinn hinter diesen Produkten. Und wenn ich keine arme Studentin wäre, würde ich vermutlich öfter auch mal zu Bio-Produkten greifen. Doch in mir regt sich jeder kleine Nerv, wenn ich dafür kritisiert werde, wenn ich mir bestimmte Dinge gerade nicht leisten möchte oder kann. Vor allem, wenn die Argumentation dann hinkt und nur pseudomäßiges, dämliches und uninformiertes Hippie-Gequatsche ist.
 

Bitte Fakten und keine Behauptungen

Wenn mir Leute von meinem ökologischen Fußabdruck erzählen möchten, bitte. Aber dann doch auch bitte mit Fakten und nicht mit irgendwelchen aus der Luft gegriffenen Behauptungen, die, wenn man denn Lust hat, sich mit Hippies zu streiten, innerhalb von nur wenigen Minuten entkräftet sein können. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich mit dem Kauf auch wieder im bösen kapitalistischen System befinden... es sei denn natürlich, sie haben den Luxus, dass sie ihr Essen selbst anbauen können. Welcher Hippie hat schließlich nicht Tomaten, Zucchini, Paprika, Chilischoten, Erdbeeren, Himbeeren usw. in seinem Garten oder wahlweise auf seinem Mini-Balkon? Ich kenne nur wenige. Die Alternative wäre ja dann etwas sinnvolles wie FoodSharing oder das eher weniger legale Containern hinterm Supermarkt.

Man merkt es mir vielleicht an. Ich finde eigentlich viele Dinge sinnvoll, die als typisch Hippie gelten. Früher sollte ich Bäume knutschen gehen, weil mir meine Umwelt am Herzen liegt und Tiere fand ich lange Zeit auch viel zu süß zum Essen. Doch wenn sich Leute aufdrängen mit ihrer Philosophie krieg ich zu viel. Auch nervig ist die ständige Suche nach einem „geilen Spott“. Definition eines geilen Spotts ist in etwa: verlassener Ort, an dem niemand anderes ist, an dem auch am besten noch nie jemand anderes war. Ein Ort, der wunderschön ist, versteckt und einsam. Vor allem im Urlaub hat mir diese Suche zu schaffen gemacht. Ich wollte mich ans Meer legen. Meine Hippie-Freunde wollten den „geilen Spott“. Und der bedeutete dann manchmal zwar Einsamkeit, aber auf der anderen Seite dafür halt auch gefährliche Steil- und Steinküsten. Kein Wunder, dass sich dort niemand aufgehalten hat. Wichtiger als mein Leben ist mir ein „geiler Spott“ nun wirklich nicht.

Und das Lustigste: die Selbstwahrnehmung von Hippies. Wir sind ja so tolerant und offen, witzig und lieb zu allen. Wir lassen uns nicht stressen (und das tun sie wirklich nicht!) und leben voll und ganz im Hier und Jetzt an unserem geilen Spott mit unserem geilen Bio-Essen. Ich musste mehr als einmal tief durchatmen. Gelassenheit und Toleranz rein, Genervtheit und Wut wieder raus. Diesen Vorgang wiederholen – vor allem wenn man grade auf der Suche nach einem geilen Spott ist. Im Nachhinein kann man darüber lachen, wenn man den engen VW Bulli hinter sich gelassen und wieder in der Zivilisation angekommen ist.
 

Von Lana (22, Herten)*
(Name V.D.Red. Geändert)




ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    29. August 2017, 14:18 Uhr
    Aktualisiert:
    5. Januar 2018, 03:34 Uhr