Ellens Kahlschlag am Körper: Warum rasiere ich mich eigentlich?

Es gibt da eine haarige Angelegenheit, die mich schon seit der Pubertät nervt. Bis heute tue ich es, weil alle es tun. Ein gesellschaftlicher Imperativ, dem ich gehorsam folge: Haarlosigkeit. Ja, auch ich rasiere mich.

  • Eine glatte Sache - Die Beinhaare müssen ab

    Sind so ästhetische Fotos mitverantwortlich, dass wir Frauen es schön finden, zum Rasierer zu greifen? Foto: dpa

Stoppel an den Beinen, auf den Armen, den Zehen und auch Haare in der Achselhöhle trimme ich, stutze ich oder rasiere ich komplett ab. Wie mein Körper mit „Pelz“ aussieht, weiß ich nicht. In meinem Kopf ist es verankert – und auch in weiten Teilen unserer Gesellschaft – Haare am Körper sind tabu, ja schon fast ekelig.
Da tragen Mädels im Sommer lange Hosen oder Leggings, weil sie am Morgen keine Zeit für die tägliche Rasur der Beinhaare hatten – irgendwie kurios, oder?

Mit Stolz tragen wir unsere Mähne auf dem Kopf, lassen uns von innovativen Frisuren und Haarfarben inspirieren. Lange Achselhaare aber lösen Scham aus. Wie paradox! Körperbehaarung scheint die Problemzone von Frau, mittlerweile auch vom Mann zu sein. Aber woher stammt das Schönheitsideal, möglichst glatt rasiert zu sein?

Sicher spielt die Werbeindustrie eine große Rolle. Da entfernen sich die Models in Werbespots Oberkörper-, Bein- und Achselbehaarung. All das mit möglichst jeweils anderen Klingen oder Rasierern, schließlich wollen die Nassrasierer-Konzerne ihren Profit steigern.

Im TV und Internet sehen wir oft smarte, sexy Girls, die mit glatt rasierten Beinen am Strand entlanghüpfen oder schlanke Topmodels, die – mit Wachsstreifen oder Epilierer in der Hand – so verdammt zufrieden in die Kamera lächeln.

Realität im Badezimmer sieht anders aus

Die Realität im Badezimmer sieht anders aus. Zeitintensiv ist das Trimmen der vielen Haare, die kontinuierlich und überall nachsprießen. Nicht zu vergessen die vielen Narben, die sicher unzählige Frauen an den Knien und Schienbeinen haben, weil sie beim Rasieren abgerutscht sind. Und dann noch diese Verrenkungen, um auch ja jedes Haar zu erwischen! Die sind gewiss nicht immer gesund und bergen die Gefahr, auf dem Boden der Badewanne auszurutschen.

Und sorry, aber das Gefühl, wenn man sich mit heißem Wachs oder einem Epiliergerät die Haare aus dem Körper reißt, gleicht dem Irrsinn, sich freiwillig immerzu das Kinn im Reißverschluss einzuklemmen. Dieser verdammte Schmerz für drei Wochen haarfreie Zone? Da fängt der klare Menschenverstand doch an, zu rebellieren!

Realistisch gesehen ist das ganze Rasieren völliger Quatsch und entspricht nicht unserem Naturell. Schließlich ist das Haarwachstum in unseren Genen verankert. Trotzdem ist es präsent, dieses Verlangen nach dem Kahlschlag am ganzen Körper – aus Scham, Eitelkeit, Gewohnheit oder Ästhetik.
Kahlschlag am Körper
Ich will weg von dem Druck der Gesellschaft, mich rasieren zu müssen. Meine Selbstreflexion zeigt mir jedoch, dass es für mich zurzeit keine Alternative zur Haarlosigkeit gibt. Fehlender Mut könnte man sagen, aber ganz ehrlich, vielleicht ist es auch einfach nur eine Frage des aktuellen Geschmacks.


AUTOR
Ellen Jost
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    21. Juni 2018, 11:02 Uhr
    Aktualisiert:
    13. September 2018, 03:33 Uhr