Felix in Mexiko: „Buenos días“ auf Augenhöhe

Seit einer Ewigkeit melde ich mich aus Mexiko und muss mich entschuldigen, dass ich so lange nicht von mir habe hören lassen. Ich hatte viel um die Ohren, viel ist passiert – und so langsam neigt sich mein Jahr hier schon dem Ende zu. Mittlerweile lebe ich seit fast 300 Tagen in einem Pfarrhaus. Wenn ich da so drüber nachdenke, finde ich das ganz schön verrückt!

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    Überraschung gelungen! Der Jugendchor feiert Felix‘ (l.) Geburtstag auf typisch mexikanische Art: Bei der „Cascaroniza“ werden mit Konfetti gefüllte Eier auf dem Kopf zerschlagen – als Zeichen der Freundschaft. Foto: Privat

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    Dieser kleine Ort in Mexiko hat für Felix eine große Bedeutung. In Tecozautla ist er zwar der „Weiße“, aber längst von den Einwohnern akzeptiert. Foto: Privat

Im Gegensatz zu dem emotionalen Auf und Ab, das ich in den ersten Monaten meines Freiwilligendienstes erlebt habe, haben sich mittlerweile die Wogen etwas geglättet. Und gerade jetzt, wo ich das Gefühl habe, mich hier zurechtgefunden zu haben, kann ich mich auch schon auf den Abschied vorbereiten. Andererseits vermisse ich auch mein Leben in der Heimat etwas und freue mich, meine Familie und Freunde bald wiederzusehen.

Wo ich gerade davon spreche: Meine Eltern und meine Brüder waren vor einer Weile sogar hier zu Besuch, und das waren wirklich zwei wunderschöne Wochen. Vor allem, weil ich durch sie meine bisherige Zeit hier noch mal mit ganz anderen Augen gesehen habe. In diesen Tagen ist mir so richtig bewusst geworden, wie viele liebe Menschen ich hier um mich herum habe, die mich gern haben und mich und meine Familie mit offenen Armen empfangen.

Ich fühle mich hier geschätzt und akzeptiert

Als ich vor zehn Monaten hier ankam, kannte ich niemanden und fühlte mich eher verloren und orientierungslos. Jetzt grüßen mich die Leute auf der Straße, ich kann mich mit ihnen unterhalten und fühle mich geschätzt und akzeptiert. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Und eines der vielen Dinge, die ich hier lerne, ist, Momente und Kleinigkeiten zu genießen: die Proben und die Messen mit den Chören, die anschließenden Convivios (gemütliches Beisammensein mit mitgebrachtem Essen und Trinken – wird hier ständig gemacht) und das leckere Essen, die Fahrten durch die hügelige Landschaft, jedes „Buenos días“ und jedes Lächeln, das mir auf der Straße begegnet.

Dass mir so etwas wie mit dem Chor in einer Messe zu singen – oder überhaupt in einem Pfarrhaus zu wohnen – mal so einen Spaß macht, hätte ich, und wahrscheinlich die meisten, die mich kennen, vorher kaum für möglich gehalten. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wichtig, was ich mache, sondern viel mehr, mit was für Leuten ich meine Zeit verbringe. Und die Leute, die ich hier kennengelernt habe, sind wirklich der Knaller!

Da sind zum Beispiel Lety, die als Köchin hier im Pfarrhaus arbeitet, und Manuel, der Küster, die mit mir seit Monaten auf das WM-Spiel zwischen Deutschland und Mexiko hingefiebert haben. Die Gespräche beim Frühstück gingen dann ungefähr so: „Also, Felix, am Spieltag versteck lieber alle Messer in der Küche, weil, wenn Deutschland gewinnt, dann …“ – Lety macht eine Bewegung, als schneide sie eine Kehle durch – „ … muss Manuel am nächsten Tag ’nen ganz schweren Müllsack entsorgen.“ Großes Gelächter in der Küche. Und: Ihr kennt ja (zu meinem Glück) das Fußball-Ergebnis …

Diese Leute aber habe ich auch so gerne, weil wir neben den Chorproben immer ganz viel quatschen und alle total interessiert an Deutschland sind, wodurch wir super ins Gespräch kommen.

Manchmal werde ich mit „Weißer“ angesprochen

So waren sie zum Beispiel total empört darüber, als ich ihnen berichtete, dass die meisten Leute in Deutschland, als ich ihnen erzählt habe, dass ich nach Mexiko gehe, zuerst irgendwas mit „Drogen, Tequila und Sombreros“ gesagt haben. Das sei doch respektlos. Das kann ich verstehen, finde es aber auch etwas respektlos, wenn man mich anstatt mit meinem Namen mit „Weißer“ oder „Deutscher“ anspricht, und mich fragt, ob ich mit Hitler verwandt bin. Ist aber wohl alles gar nicht sooo böse gemeint.

Erinnert Ihr Euch noch an den Jugendchor, den ich vor ein paar Monaten in Tecozautla gegründet habe? Das ist echt eine total coole Truppe, und auch wenn wir uns noch nicht lange kennen, verstehen wir uns super.

Das schönste Erlebnis mit den Jungs und Mädels war wohl an meinem Geburtstag, als sie, ohne dass ich etwas davon geahnt hatte, eine Überraschungsfeier für mich organisiert hatten. Wir aßen gemeinsam, sangen und tanzten – und als Highlight gab es eine Cascaroniza. Das ist eine Tradition aus der Region hier, bei der man sich gegenseitig bunte, mit Konfetti oder Mehl gefüllte Eier auf dem Kopf zerschlägt – als Zeichen der Freundschaft. Ich war so glücklich an dem Abend und überwältigt, dass diese Leute, die ich noch gar nicht lange kenne, mit so viel Aufwand so etwas Schönes für mich vorbereitet haben.

Jetzt geht mein Jahr in Mexiko in gefühlt immer größeren Schritten dem Ende zu, und ich muss mir langsam mal überlegen, wie ich mich von diesen ganzen wundervollen Menschen angemessen verabschieden kann. Mir wurde hier so viel gegeben, ich habe so viel gelernt, durfte so viele Erfahrungen machen, das kann ich den Leuten gar nicht alles zurückgeben. Ich bin einfach nur dankbar.

So ein Freiwilligendienst wird oft so dargestellt, als ginge es darum, irgendwem zu helfen. Wenn ich jetzt so auf die Zeit schaue, die ich bis jetzt hier verbracht habe, habe ich eher das Gefühl, dass es andersherum ist. Klar, ich hinterlasse hier sicherlich auch meine Spuren und vielleicht bleiben bei dem einen oder anderen ein paar deutsche Wörter hängen, und hoffentlich wird der Jugendchor weiter bestehen, wenn ich hier weggehe. Aber trotzdem glaube ich, dass ich im Endeffekt am meisten von diesem Jahr profitiert habe. Aber das ist auch okay, finde ich.

Ich glaube, es geht gar nicht so sehr darum, irgendwem zu „helfen“, sondern eher, auf Augenhöhe miteinander Zeit zu verbringen und so etwas Neues kennenzulernen. Das ist doch kultureller Austausch: Erfahrungen miteinander teilen und voneinander lernen.
Felix Feldmann (24, Marl) verbringt zwölf Monate in Mexiko. In der Dorfgemeinde Tecozautla im Bundesstaat Hidalgo arbeitet er im Rahmen eines „weltwärts“-Freiwilligendienstes in sozialen Projekten hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen. Hier bei Scenario könnt Ihr an seinen Erfahrungen teilhaben.