Isabell fliegt nach Australien: Am Flughafen kullern Tränen

Teil 1 Vor drei Tagen bin ich in Australien angekommen. Die ganzen Abschiede sind mir echt schwergefallen. Doch fangen wir mal ganz von vorne an, Ihr kennt mich ja noch gar nicht.

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  • Ferienstart in NRW

    Guten Flug, liebe Isabell! Auf ins Abenteuer: Australien wartet bereits auf Dich und wir freuen uns, dass Du uns an Deinen Erlebnissen teilhaben lassen wirst. Foto: Marcel Kusch (dpa)

  • Isabell Wolinski

    Einerseits freut sich Isabell auf ihr High School-Jahr in Australien, andererseits hat sie auch etwas Angst, ohne ihre Familie und Freunde zu sein. Kopf hoch, Isabell! Foto: Privat

Ich bin Isabell aus Recklinghausen – und vor zwei Jahren saß ich zu Hause und habe YouTube angemacht. Auf der Startseite wurde mir ein Mädchen empfohlen, das gerade ein Auslandsjahr in Amerika gemacht hat. Ich habe ihre Videos komplett hoch- und runtergeschaut. Und irgendwie war ich davon total fasziniert. Ich fand es so interessant, dass einige Mädchen und Jungen alleine in anderen Ländern sind, auf andere Schulen gehen und darüber berichten.

Ich fand die USA eigentlich schon immer toll, vor allem die High School. Doch im Gespräch mit meinen Eltern merkte ich, dass ich mich nicht wirklich dafür entscheiden konnte. Also suchte ich weiter – und dann hatte ich es: Australien! Von einem Moment auf den anderen wollte ich dorthin. Daraufhin habe ich mir im Internet so viele Blogs angeschaut und mich über alles informiert, damit ich meine Eltern überreden konnte.

Meine wichtigsten Punkte, wieso ich nach Australien wollte, waren: neue Leute und andere Kulturen kennenlernen, mein Englisch verbessern, am Strand und in der Natur sein, Tiere sehen, die es bei uns nicht gibt, selbstbewusster, stärker und selbstständiger zu werden.

Es dauerte aber fast ein ganzes Jahr, bis ich meine Eltern von meinem Vorhaben überzeugt hatte. Die Kosten haben natürlich auch eine große Rolle gespielt, aber wieso sie mich eigentlich nicht gehen lassen wollten, war, weil sie mich nicht vermissen wollten und weil ich in ihren Augen noch zu klein für eine solche Reise dafür wäre. Doch ich ließ nicht locker und habe meinen Eltern gezeigt, dass es wirklich wichtig für mich ist und schlussendlich habe ich sie dann überredet, mir meinen Traum zu verwirklichen.

Wohin ich in Australien genau wollte, das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht genau, nur, dass ich in der Nähe vom Meer leben und bei einer Gastfamilie unterkommen wollte – und beides ging in Erfüllung.

Soll ich wirklich meine Familie zurücklassen?

Nach langer Wartezeit ging es dann endlich mit den ganzen Vorbereitungen los, Visum beantragen, impfen lassen, Koffer packen und vieles mehr. Ich habe die Tage gezählt, bis es endlich losging. Als dann nur noch zehn Tage auf meinem Countdown standen, wurde mir ganz mulmig. Ich habe alles noch mal hinterfragt: Soll ich wirklich meine Familie und Freunde in Deutschland zurücklassen und alleine ans andere Ende der Welt reisen? Ich habe mich immer bestens mit meinen Freunden und meiner Familie verstanden – und dann sollte ich auf einmal gehen?

Ich bekam kalte Füße: Das wollte ich jetzt doch nicht, wollte in Deutschland bleiben und gar nicht mehr fahren. Australien fand ich immer noch richtig cool, aber ich wollte nicht alles für zehn Monate hinter mir lassen, um dort ein neues Leben aufzubauen.

Mit diesen quälenden Fragen und dem Zweifel wendete ich mich an meine Freundin, die schon einmal sechs Monate im Ausland war und wieder zurück in Deutschland ist. Sie sagte mir, dass es allen am Anfang so ginge wie mir gerade, aber wenn man erst mal dort wäre, würde man sein Heimweh gar nicht mehr spüren.
Ich vertraute ihr also – und machte keinen Rückzieher. Stattdessen organisierte ich für meine letzten beiden Tage in Recklinghausen meine Abschiedspartys: einmal mit meinen Freunden und einmal mit meiner Familie – und die waren toll.

Anschließend ging es auch schon los mit dem Kofferpacken – und plötzlich befinde ich mich mit meiner Familie und meiner Freundin am Düsseldorfer Flughafen. Und dann geht alles ganz schnell: Check-in, Koffer abgeben und sich wirklich verabschieden – inklusive Tränen vergießen. Dann muss ich alleine durch die Kontrolle. Ewig habe ich auf diesen Moment gewartet: Ich sitze im Flugzeug nach Australien.

Glücklicherweise mit zwei anderen Austauschschülern. Während des Flugs kann ich sogar etwas schlafen. Als ich wach werde, hole ich mir aus meinem Handgepäck das Abschiedsbuch raus, in das meine Freunde und Familie liebe Texte für mich reingeschrieben haben. Beim Lesen und Durchblättern muss ich schon wieder weinen. Doch irgendwie schaffe ich es, mich wieder zu beruhigen.

Als wir dann in Dubai landen – unserem Zwischenstopp –, suchen wir unser Gate und treffen auf weitere Austauschschüler. Weil wir fünf Stunden Wartezeit haben, können wir uns alle ein bisschen besser kennenlernen. Wir sprechen über unsere Erwartungen und reden sogar über unsere Emotionen.
Unsere Gefühlswelten ähneln sich stark. Zum Schluss wollte niemand Deutschland verlassen, aber jeder hat sich zusammengerissen und so geht’s also rein in den nächsten Flieger. In den nächsten zwölf Stunden würde ich meine Gastfamilie zum ersten Mal sehen, rechne ich mir dort aus – das kommt mir total unwirklich vor.
Und dann landet das Flugzeug tatsächlich und ich betrete das erste Mal australischen Boden. Zusammen mit den anderen Austauschschülern laufe ich zur Passkontrolle und zum Gepäckband.

Als ich meinen Koffer habe, verabschiede ich mich schnell von allen – denn ich muss raus, zum Ausgang. Dort sehe ich zum ersten Mal eine Gastmutter, die mein Namensschild in die Höhe hält. Nach der Begrüßung gehen wir zusammen zum Auto. „Steig schon mal ein“, sagt sie zu mir, während sie sich um meinen Koffer kümmert. Also gehe ich rechts am Auto vorbei, öffne die Tür und… ach ja… das ist ja hier der Fahrersitz!

Wir müssen lachen, weil ich ganz vergessen habe, dass hier ja Linksverkehr ist. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir in meinem neuen Zuhause an. Die ganze Fahrt über fühle ich mich wie in einem Film und auch jetzt, im Haus angekommen, geht es mir nicht anders. Meine Gastmutter führt mich rum und zeigt mir alles und dann packe ich auch schon meinen Koffer aus.

Eine bleierne Müdigkeit überfällt mich plötzlich – ich muss jetzt erst mal schlafen, bevor ich mich wieder bei Euch melde…
Isabell Wolinski (15, Recklinghausen) wird die nächsten zehn Monate in Australien verbringen. Statt auf die Schule in Recklinghausen wird sie in der Nähe von Brisbane auf die High School gehen. Isabell kommt in dieser Zeit bei einer Gastfamilie unter. Hier berichtet sie von ihren Abenteuern – sowohl inner- als auch außerhalb der Schule.