Kulturschock: Fußball: Marit jubelt erst beim Schlusspfiff

Sport Mich interessiert Fußball ungefähr so sehr wie Bingo-Abende. Die einzigen Verknüpfungspunkte, die ich mit dieser Sportart teile, sind die Erinnerungen aus dem Sportunterricht in der Grundschule, in dem ich immer in der Abwehr stand und Bälle ins Gesicht bekam. Nichtsdestotrotz sah ich es als Bildungslücke an, als Kind des Ruhrgebietes nicht einmal ein Fußballspiel im Stadion gesehen zu haben. Wie passend, dass ein Freund von mir Karten überhatte…

  • EURO 2016 - Parc Olympique Lyonnais

    Die knisternde Atmosphäre auf den Plätzen des Fußballstadions lässt auch Nicht-Ballspiel-Interessierte wie Autorin Marit nicht kalt. Foto: Guillaume Horcajuelo (EPA)

Der Weg ins Stadion ist voll. Voll mit Menschen, die auf den ersten Blick jedes meiner Klischeevorstellungen eines Fußballfans erfüllen. Vokuhila-Frise, ein mindestens zehn Jahre altes Trikot mit Bier- und Currywurstsoßen-Flecken darauf, ein Oberlippenbärtchen, in dem etwas Senf, der langsam und sachte auf die Lippen tropft, hängt und natürlich der (!) Schal, der voller Elan und grölend durch die Luft gewirbelt wird. Kulturschock für mich.

Überall nur Bier und Fahnen

Auf dem Weg zur Ticketkontrolle bilden am Rand pinkelnde Fans eine Art Allee aus Urinstrählen. Es scheint fast ein Ritual zu sein, das mit dem Biertrinken beginnt und in einem Urinbächlein endet. Im Stadion angekommen, drängeln wir uns den Weg durch zur Fan-Kurve. Es wird immer voller und voller und voller, wobei ich immer das Gefühl habe, dass alle aufeinander aufpassen und niemand unachtsam angerempelt wird.
Dicht an dicht stehe ich da nun zwischen eingeschweißten Fußballfans, die im Adrenalinrausch ihre Bierbecher durch die Gegend schleuderten und die mit teilweise überdimensional großen selbst gebastelten Fahnen umherwedeln – mir ein Rätsel wie das bei der Größe der Fahnen physikalisch überhaupt möglich ist.

Als die Spieler der Hausmannschaft alle einzeln hereingelaufen kommen, wird jeder Name einmal – extrem laut – durch das Stadion geschrien, damit jeder weiß – auch so „ungebildete“ Menschen wie ich – wer da denn eigentlich so auf dem Hightech-Rasen spielt.
Ich kenne nicht einen Namen, weiß auch nicht, gegen wen gespielt wird und von Fußballregeln habe ich generell gar keine Ahnung. Wahrscheinlich könnte man mir „Abseits“ als Delikatesse aus dem Fernen Osten verkaufen und ich würde noch fragen, ob ich eine Serviette dazu bekäme.
Ich mache mir nichts vor: Bierduschen, Fangesänge, Buh-Rufe für den Schiedsrichter und dergleichen sind absolut nicht mein Metier.

Als das erste Tor fällt, erschrecke ich mich halb zu Tode, weil alle um mich herum aufspringen, grölen und ihre Getränke umherwerfen – leider alles auch in mein Ohr. Würde der Freund, dem ich auch die Möglichkeit zu verdanken habe, Teil dieses für mich recht außergewöhnlichen Ereignisses zu werden, mir nicht die ganze Zeit großartige Übersetzungshilfe für diese mir unbekannten Verhaltensweisen leisten, so wäre ich wohl ziemlich verloren. Gefühlt bin ich die einzige Person, die nicht in den Vereinsfarben gekleidet ist.

Fasziniert von dem Spekakel

Ich merke, dass dieses Spektakel, diese Atmosphäre, das ganze Drumherum für beinahe alle dort eine Art Religion darstellt. Ich bin definitiv fasziniert. Ich sehe ringsherum Emotionen, die selbst ein berührendes Drama niemals hervorrufen könnte, und dabei ist es nach Aussage des Freundes nicht mal ein besonders wichtiges Spiel. Ich könnte mich auch nie sattsehen an diesen ganzen herrlichen Menschen aus dem Pott. Dieser Geruch von Currywurst, Schweiß, Bier und Rasen, Fanbekleidungen, die eine erinnerungsschwülstige Bewandtnis ausstrahlen, und Menschen, die aus voller Kehle alles mitgrölen und – auch wenn nicht ganz im Takt – mitklatschen: Das muss das sein, was alle in dem Stadion und vor den Fernsehern zusammenbringt. Vielleicht gibt es ihn ja wirklich, den Fußballgott. Es ist schon eine Welt für sich oder wohl eher ein Universum.
Mit so vielen Eindrücken hätte ich nicht gerechnet. Damit beende ich diesen Tag, auch mit dem Hintergedanken noch mal solch eine Veranstaltung aus nächster Nähe zu erleben, mit dem obligatorischen – alkoholfreien – Bier in der Hand und einem herzhaften „Glück auf!“!


AUTOR
Marit Jantzen
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    25. Oktober 2017, 10:57 Uhr
    Aktualisiert:
    24. Februar 2018, 03:34 Uhr
THEMEN