Lena in Rumänien: Lena fällt ins Winter-Tief

Rumänien – Teil 8 Ugh. Ich habe nicht mal Energie, diesen Artikel zu schreiben, ich gucke nur seit etwa 15 Minuten meine Stichpunkte an. Ich bin zurück von meinem Urlaubs-Städtetrip und wieder in Cluj. Eigentlich sollte man nach zwei Wochen Nichtstun doch mit Koffern voll Energie zurückkehren, oder? In meinem Fall: falsch.

  • Lena Rumänien

    Lena ist in Rumänien nicht gut drauf. Deshalb schaut sie auch nicht an ihre liebevoll dekorierte Wand, an der sie vieles an die Heimat erinnert. Wer braucht schon Heimweh?

Falsch insofern, dass mein Wecker für die Spätschicht um zehn klingelt und ich trotzdem nur schlafen möchte, falsch insofern, dass ich meine Freunde nicht sehen möchte und gleichzeitig doch, dass mich die kleinsten Dinge zum stundenlangen Verzweifeln bringen, dass ich nicht mal Energie für meine Hobbys habe, dass ich wütend auf alle bin und mich nicht dazu bringen kann, positiv zu denken.

-20 Grad und die Sonne scheint nur eine halbe Stunde

Jedes Jahr holt mich die Winterdepression wieder ein – und jedes Jahr trifft es mich irgendwie unerwartet. Hier sind -20 Grad und im Schnitt scheint die Sonne eine halbe Stunde – und ich versuche, mich zusammenzureißen, schon allein, damit meine Artikel nicht so armselig klingen. Aber auch, weil in der Realität wahrscheinlich alles nur halb so schlimm ist. Nicht wahrscheinlich, sondern definitiv. Ich weiß das ja eigentlich. Also kann mein Kopf mal bitte mit diesen negativen Gedanken aufhören? Serotonin, wo bist du, mach mal was!

Also an gute Dinge denken: Ich kann wieder fotografieren. Auch wenn ich es außerhalb der Arbeit die ganze Woche machen wollte, aber nicht getan habe, denn nein, halt, ich möchte positiv sein. Ich kann wieder fotografieren und es fühlt sich gut an. Und der kleine Floris aus der Kita hatte einen halben Herzinfarkt vor Freude, als er die Kamera sah. Die Arbeit geht also weiter, und… sie ist anstrengend. Manchmal denke ich, ich habe mir zu viel zugemutet, als ich, knapp nach der Vollendung meines sechzehnten Lebensjahres, einen Vollzeitjob als Erzieherin in Rumänien annahm. Andere gehen in dem Alter auf ihre erste Abivor-Party und wählen ihre Leistungskurse in der Schule. Naja, ich kann ja nichts dafür, dass ich mit knapp siebzehn schon aus der Schule in die Welt geworfen wurde.

Beinahe alle Kinder hatten nach zwei Wochen mit ihren Eltern natürlich riesiges Heimweh, als sie in der Kita waren. Besonders Dora! Drei Tage lang weinte sie den ganzen Tag über. Es war fast wie im September, mit dem Unterschied, dass die Kleinen mich mittlerweile kennen. Und das machte es so viel einfacher. Viele haben sich sogar gefreut, mich zu sehen – Petru natürlich ganz weit vorne.
Nur eins, beziehungsweise einer hat mich in den Wahnsinn getrieben. Alex. Oh, Alex. Ich hab dich lieb, aber bitte tu mir doch einen Gefallen und versuch, beim Mittagsschlaf auch zu schlafen! Oder zumindest still zu sein, damit die anderen Kinder schlafen können. Nicht einmal hat der Junge diese Woche geschlafen, und meine Mitfreiwillige Juliana und ich haben alles versucht. Er schreit wie am Spieß, wenn man ihn hinlegen möchte.

Und das gerne auch mal eine halbe Stunde am Stück, wenn es sein muss. Und falls er sich beruhigt (wenn er es denn tut!), liegt er da und übt sprechen. Ah! Den ganzen Tag ist der Junge still, nur zur Schlafenszeit hört er nicht auf, zu brabbeln oder vorzugsweise zu kreischen. Jeden Tag versuchen wir etwa eine Stunde, ihn zum Einschlafen zu bringen, bis wir aufgeben. Das zerrt. Und ein Ende ist nicht in Sicht.
Viel Programm habe ich in dieser Woche nicht gemacht, wenn die Arbeit erst um elf beginnt und meine Gitarre immer noch kaputt ist. Rausgehen können wir in so einer Kälte auch nicht. Also hatte ich schon mal bessere Tage.

Mein Ungarisch entwickelt sich

Aber hey – mein Ungarisch entwickelt sich. Die letzten Tage habe ich ganz viel auf Ungarisch mit einem Freund geschrieben. Ja, mit Google Translate auf Dauerbelastung und voller Fehler, aber trotzdem bin ich stolz. Und so wie er mich tausendmal am Tag „Unde mami? Unde tati?“ („Wo ist Mama? Wo ist Papi?“) fragt, ruft Floris zu Hause scheinbar nach mir, beziehungsweise Variationen davon: „Lena? Lina? Malina? Malena? Nina?“

Und der Junge Bogdan hat mir einen Kuss auf die Wange gegeben. Das ist meine Wochenbilanz!
Außerdem habe ich mich nicht zu einhundert Prozent isoliert, zumindest einmal bin ich ausgegangen. Donnerstag habe ich meine Freundin Gagyi getroffen und ihr mit großer Verspätung das Weihnachtsgeschenk gegeben. Und sie hat mir auch was geholt! Sie ist so lieb! Es ist ein handgemachter Ring aus ihrer Heimatstadt – und ich bin so gerührt, ich werde ihn für immer behalten. Wir wollten eigentlich zu einer Kunstausstellung mit sehr vager Beschreibung, doch wir kamen beide zu spät, ha. Also bedienten wir uns einfach am kostenlosen Tetrapack-Wein und gingen dann noch einen Tee trinken. Ich mag es, mit ihr zu reden – irgendwie finde ich dabei immer etwas über mich selbst heraus.

Eigentlich seltsam. Zu Hause war es damals ganz normal für mich, am Wochenende heimzubleiben – und hier fühle ich mich regelrecht schuldig, wenn ich es tue. Gut, die Situation war anders – mein Freundeskreis war anders, alle Clubs verlangten Ausweise und in meiner Heimatstadt gibt es keine Discos.

Erinnerungen an der Fotowand

In letzter Zeit schaue ich ganz oft an meiner Fotowand über meinem Bett herauf. Rechts hängen Erinnerungen von meiner Zeit hier. Das Plakat vom Film-Festival, Sticker, die Kinokarte für Fantastic Beasts, eine leere Salzpackung von der Raststätte auf dem Weg nach Debrecen, abgestempelte Bustickets, mein Schild von der Menschenrechtsdemo, mein Kanji-Pergament, die Paralympics-Medaille und vieles mehr. Links hängen Fotos von meinem alten Leben. Da sind wir mit dem großen Bescheuat-Banner, kurz vor Recklinghausen, ich in New York, auf dem Japantag, vor einem Truck voller Regenbögen auf dem CSD in Frankfurt, verkleidet als betrunkene Pilotin für das Literaturstück, auf dem Meet & Greet mit meiner Lieblingsband, mit billigem Lippenstift auf der Wange während der Abistürmung, in Berlin und Venedig mit meiner Mutter. Und diese blöde Stimmung macht mich auch noch nostalgisch.

Nostalgisch nach einem Leben, das eigentlich gar nicht so toll war wie die rosarote Brille mir diktiert – und das sowieso nicht mehr existiert. Meine Schulzeit ist glücklicherweise vorbei, beinahe all meine Freunde sind weggezogen oder seltsam geworden. Und ich bin hier in Rumänien und wünsche mir nur, dass ich endlich wieder wertschätzen kann, wie unfassbar und wunderbar diese Erfahrung ist. Es geht immer weiter, und ich weiß, dass es auch hier so ist. Ja, also, Logik an Emotionen, habt ihr überhaupt was gelernt und mir zugehört? Was soll das?! Macht mal was Sinnvolles, anstatt mich runterzuziehen!
Naja, demnächst werde ich zum französischen ConvoClub gehen, um meine Kenntnisse zu erweitern, und mich mit meiner Koordinatorin treffen. Sie ist schon wieder da, juchhu! Am Wochenende werden wir verreisen, und ich hoffe, dass ich auch wieder ausgehen werde.
Oh, Mann. Ich kann den Frühling nicht erwarten.
Lena Gibbels (17, Datteln) ist für zehn Monate nach Rumänien gegangen. In der Stadt Cluj-Napoca in Transsilvanien absolviert sie ihren Europäischen Freiwilligendienst, kurz EFD, in der „Csemete Reformed Nursery School“. Hier bei Scenario lässt Lena Euch teilhaben, wie es ihr in Cluj-Napoca ergeht und was dort alles passiert.