Lena in Rumänien: Schauen, schreiben, Schnee

Rumänien - Teil 6 Meine Güte, bin ich fertig. Die ganze Woche lief ich wie auf Autopilot. Jeden Tag hieß es arbeiten, schreiben, Screening besuchen, schlafen, wiederholen. Die Film-Nächte fanden diese Woche statt.

  • Lena Rumänien

    Von Sonne keine Spur: In Rumänien heißt es für Lena jetzt auch „warm“ anziehen. Noch vor Kurzem stöckelte sie hier auf High Heels rum. Ein Fehler, wie sie selbst zugibt. Foto: Lena Gibbels

Ich hatte also praktisch für eine Woche zwei Jobs statt einem – und die Arbeit im Kindergarten ist allein schon anstrengend genug. Dass ich noch genug Energie zum Essen und Duschen hatte, ist auch alles.
Aber ich will überhaupt nicht jammern, es war einfach klasse. Beides, sowohl der Kindergarten als auch das Festival. Und auch alles andere. Denn es war eine Woche voller Schnee! Und zwar richtiger, fester, pappiger, liegenbleibender Schnee. Den mussten Juliana und ich Montag erst einmal mit einer Schneeballschlacht begrüßen.

Manche unserer Kinder mögen den Schnee, andere haben Angst vor ihm und heulen nur, deswegen haben wir auch Schneemänner aus Watte gebastelt. Meine Gitarre habe ich auch mal wieder mitgebracht. Es ist unfassbar, wie gut die Kinder sich benehmen können, wenn eine Gitarre gespielt wird. Sie halten still, konzentrieren sich, halten die Reihenfolge ein ohne zu weinen oder sich zu beschweren – so erlebe ich sie in keinem anderen Moment.

Pullis muss ich täglich waschen

Alex, das neue Kindergarten-Kind, hat mich zu seiner neuen Mutter auserkoren. Wieso machen die Neuen das ständig?! Jetzt höre ich ihn noch im zweiten Stock schreien und weinen, wenn ich reingehe, während die Kinder draußen sind. Mit ihm ist das nicht ganz so herzerwärmend, denn der Junge sabbert die ganze Zeit unkontrolliert, und da ich ihn die ganze Zeit tragen muss, muss ich meine Pullis in letzter Zeit täglich waschen.

Gut, aber all das ist doch nicht wichtig, wenn diese Woche was viel Cooleres passiert ist! Ah, ich freute mich seit Monaten auf die Film-Nächte, und dabei startete es ganz und gar nicht gut. Denn ich Genie fällte die glorreiche Entscheidung, am Montag zur Opening-Gala in offenen High Heels und Leggins unter meinem Kleid zwei Kilometer durch den knöcheltiefen Schnee zu laufen. Wer so blöd ist, hat sein Abi nicht verdient!
Dort angekommen war es dann zum Glück warm. Und wirklich nett. Es gab sehr edle Essensplatten, teuren Wein aus Plastikgläsern und ein Streichorchester. Mehr eigentlich nicht, es war mehr eine Zusammenkunft als alles andere. Abends wollte ich mit Alkie noch zur Eröffnungsparty im Delirio, doch im ganzen Club waren nur drei Leute.

Mit Stift und Block schaute ich mir in den nächsten Tagen etliche Diskussionen und Filme an. Donnerstag stand eine weitere Doku an, aber vorher ging ich zur „Music night“, die Anais und Marleen ausrichteten. Auch wenn ich nur kurz bleiben konnte, war es echt witzig, wir teilten uns in Teams auf – ich erwischte Ruth, Olivia und eine Unbekannte – und wir mussten erst Songs, dann Filmsongs erraten (Ghostbusters und Back to the future sind meins!) und schließlich Lyrics weitersingen. Gerade da hab’ ich gepunktet. Ich weiß auch nicht, wieso Songtexte so unfassbar gut in meinem Gedächtnis kleben bleiben, wenn ich doch sonst absolut alles vergesse.

Weiter ging’s ins Cinema Victoria, wo ich Popcorn kaufte und eine wirklich, wirklich ergreifende Doku sah. „Major!“ hieß sie, und es ging um die 73-jährige, schwarze Transgender-Frau Gracy Major, die sich für Transgender-Frauen im Gefängnis einsetzt.

Und dann hatte ich es auch geschafft mit meinen Artikeln, puh! Freitag gönnte ich mir eine Pause vom Festival und meldete mich als Freiwillige für den Convo Club an. Das ist vielleicht aufregend! In diesem Monat wollen sie ein Onlinemagazin, ein Onlineradio und Podcasts auf die Beine stellen, und oh mein Gott, ist das toll! Ganz zu schweigen, dass Freiwillige kostenlos zu den Sprachkursen dürfen! Die Leiterin, Iulia, ist echt witzig, und wir zogen ein paar Minuten über Til Schweiger her.

Sturmfreies Wochenende? Ab ins Theater!

Am Wochenende hatte ich sturmfrei. Ich musste wegen des Festivals bleiben, und meine Mitbewohner wollten nach Baia Mare und nicht bis zum nächsten Wochenende warten. Ich aktivierte mit einigen Schwierigkeiten meine rumänische Sim-Karte und traf mich Samstagabend endlich mal wieder mit Nora. War das schön, sie wiederzusehen! Sie nahm mich ins Theater mit und das Stück war komplett auf Rumänisch. Verstanden habe ich nichts. Ich frage mich, wieso Nora gerade mich dorthin mitgenommen hat, trotzdem war es irgendwie beeindruckend. Die zwei Schauspielerinnen waren klasse, und das Ganze fand in einem ganz kleinen Raum statt. Die Zwei waren vielleicht zwei Meter vom Publikum entfernt und interagierten ständig mit uns, Nora wurde zum Beispiel zum Tanz aufgefordert. Die ganze Zeit hatte ich Panik, dass ich angesprochen werde.
Später ging ich dann noch mit Marleen und Lara zur Abschlussparty des Festivals, natürlich, das ist ja meine Pflicht, aber so will ich nicht sein, es war eine echt witzige Nacht. Der erste Halt war „Fabrica de Pensule“, wo es am Anfang ein wenig langweilig war, bis die Leute richtig in Stimmung kamen. Ich kannte jeden Zweiten auf der Party und bekam demnach sehr viele Getränke spendiert. Drei Bekannte von Marleen schauten auch vorbei und sprachen die ganze Zeit deutsch, obwohl Lara danebenstand. Wie mich so was nervt… mit ihr ging ich dann noch ins Delirio.

Und dann brach der letzte Tag schon an, mit viel Melancholie von meiner Seite aus. Erst ging ich zur Schlussgala, für die ich eigentlich schreiben sollte, aber dann fehlten die englischen Untertitel, zumindest teilweise. Iulia (eine andere als die vom Convo Club, der Name ist beliebt :D) übersetzte aber alles für mich. Sie ist so lieb, sobald irgendjemand an dem Abend auch nur ein rumänisches Wort fallen ließ, tauchte sie sofort an meiner Seite auf, um zu übersetzen. Es war so liebenswert, wie sie sich immer um mich gekümmert hat, ohne sie hätte ich mich ganz und gar nicht sicher gefühlt... Sie überlegt, professionell zu dolmetschen, und ich hoffe dass sie es schafft!

Danach bekamen wir Freiwilligen im Delirio noch Zertifikate, Geschenke, Freibier und eine Rede, und das war’s. Ahh. Ich bin ehrlich traurig. All das war zwar furchtbar anstrengend aber eine der besten Sachen, die ich je getan habe.
Lena Gibbels (17, Datteln) ist für zehn Monate nach Rumänien gegangen. In der Stadt Cluj-Napoca in Transsilvanien absolviert sie ihren Europäischen Freiwilligendienst, kurz EFD, in der „Csemete Reformed Nursery School“. Hier bei Scenario lässt Lena Euch teilhaben, wie es ihr in Cluj-Napoca ergeht und was dort alles passiert.