Lena in Rumänien: Von Früh- und Spätschichten

Rumänien - Teil 9 Gähn! Ich bekomme im Moment einfach viel zu wenig Schlaf. Meine Schuld – und die meiner Mitbewohnerin Johanna, denn wir machen immer erst gegen Mitternacht das Licht aus. Kommt natürlich nicht gut, wenn man Frühschicht hat…

  • Lena

    Lena und ihre knuddelige Kindergarten-Gang. Auch wenn die Kleinen manchmal stressen, sie geben der FSJlerin aus Datteln aber auch viel Liebe.

Aber für eins lohnt es sich doch: Das Kita-Kind Floris, das jeden Morgen schon gegen halb acht kommt, löst sich von der Erzieherin und rennt in meine Arme, sobald ich den Raum betrete. Es beunruhigt mich ein bisschen, wie sehr Floris an mir hängt. Oft will er gar nicht mit anderen Kindern interagieren und nur bei mir bleiben – und wenn ich ihn mal für was zurechtweisen muss, dann fragt er einfach nach seiner Mama.

Montag habe ich mit den Kindern einen Hindernisparcours aufgebaut. Die Drillinge liebten es natürlich, die haben ja eh Energie für zehn, und Tudor freute sich auch, da durchkrabbeln zu können. Dienstag gab ich meine wöchentliche Musikstunde, endlich mal wieder mit Gitarre. Ah, und Mittwoch wurde unsere Ungarischstunde schon wieder abgesagt. Diese ganze Sprachensituation frustriert mich im Moment so sehr, dass ich gar nicht ins Detail gehen möchte.

Tassi, Petru und Dóra fehlten diese Woche, und ich vermisste sie tatsächlich. Dafür wurde uns ein neues Kind vorgestellt, Tobiás, ab nächster Woche „ersetzt“ (ja, mein Chef hat es wirklich so ausgedrückt) er Dóra, die nun nicht mehr kommt. Freitag kam sie zum letzten Mal kurz zum Verabschieden. Mann, das tat weh, noch mehr als erwartet! Mir kommen schon wieder die Tränen, während ich das schreibe, und auch als sie da war, saß ich nur am Tisch und versuchte – erfolglos – nicht zu weinen. Juliana und meine Kollegin Csilla waren völlig gefasst, ich hingegen komplett aufgelöst.

Dóra nannte mich immer "Okay"

Ich musste daran denken, dass Dóra in den ersten Wochen noch dachte, mein Name wäre „Okay“, weil ich das Wort so oft gesagt habe. Und ich erinnere mich zurück, als sie sich gegen ihr Karnevalskostüm gewehrt hat, weil es nicht rosa war; als sie so versucht hat, Freunde zu finden, indem sie allen Kindern „Geschenke“ aus der Kita gab, und als sie sich so schließlich mit „Perrtu“ (Petru) und „Loriiiiiis“ (Floris) anfreundete. Ich erinnere mich, wie sie sechsmal hintereinander meinen Namen rief und wie sie immer komplett eskalierte vor Freude, wenn ich sie schnell auf dem Fahrrad herumfuhr. Und daran, dass sie eins der ersten Kinder war, die mich akzeptierten. Und nun ist sie weg. Das ist also Liebe, tolle Sache!

Hm, zum Glück ist das Leben außerhalb der Kita nicht ganz so deprimierend… wobei, doch, manchmal schon! Montag wollte ich zum Convo-Club Französisch gehen – und niemand öffnete mir die Tür. War wohl irgendwas kaputt. Dienstag ging der Genderworkshop weiter – mit nur vier Leuten. Wir mussten ein Impro-Rollenspiel in Form einer Talkshow darstellen, und oh Gott, ich habe Tränen gelacht. Meine Freundin Lara spielte einen Priester und zitierte die ganze Zeit ausgedachte Bibelstellen: „It is in… uh… Lukas… two seven.“
Meine Rolle war ganz gut umsetzbar, ich musste einfach spontan ein paar sprachliche Mittel und Reden zusammenbasteln, zumindest sah ich das so… aber mit meinem neu gewonnenen Selbstbewusstsein wird mir langsam klar, dass das vielleicht doch nicht etwas ist, das jeder kann. Worte beherrschen, mit wenig viel sagen, und vieles auch nicht plump sagen und stattdessen mit Stil ausdrücken. Rückblickend bin ich ziemlich stolz auf die Reden, die ich dort unvorbereitet in Sekundenschnelle abgefeuert habe.

Mittwoch ging ich mit auf eine Demo gegen die hier regierende Partei PSD, die die Anti-Korruptions-Gesetze locken wollte. Und es war...  nicht gut, natürlich nicht. Gut wäre, wenn diese Demonstrationen nicht notwendig wären. Aber es war elektrisierend und inspirierend. Der Platz Piata Unirii und die Straßen herum waren voll mit Protestschildern, Gesängen, Geschrei und Menschen. Menschen aller Art, aller Herkünfte und Altersklassen und viele junge Leute. Die Luft war geladen mit Wut, aber auch Energie und Hoffnung und Einigkeit, den ganzen Marsch lang. Donnerstag ging ich nicht protestieren, denn der Workshop ging weiter, auch wenn ich wirklich in Betracht zog, ihn sausen zu lassen. Zu viele interessante Angebote gab es.

Zum Beispiel den ungarischen Convo-Club, alle Csemete-Mitarbeiter gingen in die Oper, und natürlich die Demo. Letztendlich bin ich doch hingegangen, da ich schließlich schon die nächsten zwei Termine verpassen werde. Und es war witzig, viele neue Leute, und diese ganzen Spiele schubsten mich wirklich mit Brutalität aus meiner Komfortzone (gut so!). Gegen Mitte kamen zwei Kerle vorbei, die die Atmosphäre – für mich zumindest – drastisch verschlechterten. Der Typ Mann, dem ich draußen in der „echten Welt“ aus dem Weg gehe, den ich aber als nervige Norm akzeptiert habe. Der Typ Mann, der meiner Meinung nach nichts in so einem „safe space“ verloren hat. Sexistische Witze in jedem Satz, macht sich über die ganze Thematik lustig, die „Mach-mal-kein-Drama-daraus”-Rhetorik, und unterbricht Frauen ganz selbstverständlich, wann immer er was sagen möchte. Ich kann nicht sagen, dass ich Männer hasse, aber diese häufig vorkommende Sorte verabscheue ich definitiv. Nun ja. Geht vorbei!

Freitag war irgendeine Art Inspektion oder Treffen in der Kita, Erzieher aus aller Welt kamen und sahen sich den Verlauf an. Erinnerte mich ein bisschen an die Qualitätsanalyse in der Schule, alles war natürlich eine große Show. Ich fotografierte den ganzen Tag, was auch kein Ding war, denn es waren nur vier Kinder in unserer Gruppe. Abends mussten wir dann noch zur Konferenz mit den ganzen Erziehern. Es war alles auf Ungarisch und mein Chef Emoke saß weit weg von mir und konnte somit nicht übersetzen. Ein bisschen verstand ich, wenn ich mich sehr konzentrierte, aber nach zwei Stunden lässt die Konzentration wohl bei jedem nach.

So, und jetzt geht es auf Reisen. Baia Mare, Iasi, Bukarest, Craiova, Targu Jiu. Ehrlich gesagt kann ich eine Csemete-Pause gut gebrauchen, um meinen Kopf wieder freizubekommen.
Bis bald!
Lena Gibbels (17, Datteln) ist für zehn Monate nach Rumänien gegangen. In der Stadt Cluj-Napoca in Transsilvanien absolviert sie ihren Europäischen Freiwilligendienst, kurz EFD, in der „Csemete Reformed Nursery School“. Hier bei Scenario lässt Lena Euch teilhaben, wie es ihr in Cluj-Napoca ergeht und was dort alles passiert.