Marie fliegt nach Südafrika: Die Idee entsteht in Namibia

Teil 1 Nach der Schule hat man vor allem eines: Zeit. Kein Unterricht mehr, kein Lernen, nur noch Freunde treffen oder worauf man sonst so Lust hat. Für viele ist es die beste Zeit, um vor der Uni oder der Ausbildung noch einmal zu entspannen. Doch was macht man, wenn man weder das eine noch das andere plant? Diese Frage habe ich mir gestellt.

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  • Marie Dechene Around the world

    Afrika für Einsteiger: Namibia lockt mit den höchsten Dünen der Welt, einem phänomenalen Tierreichtum und dem zweitgrößten Canyon der Welt – dem Fish River Canyon. Urlauberin Marie zieht es jetzt zurück nach Afrika. Foto: Privat

  • Marie Dechene Around the world

    Mit ihrem Vater wirkt Marie nach Abgabe des Visumantrages ganz entspannt. Foto: Privat

Meine Antwort: Ich möchte die Welt sehen, etwas erleben, neue Kulturen kennenlernen. Auch wenn das nichts mit meinem Berufswunsch zu tun hat, so ist es doch das Einzige, was ich sicher weiß. Deshalb traf ich einen Entschluss: Ich nutze mein gestrichenes 13. Schuljahr nicht, um früher mit dem Studium zu beginnen, ich gehe ins Ausland. Das einzige Problem dabei ist die große Auswahl – Work und Travel, Praktika oder Freiwilligenarbeit, alles ist möglich. Und man kann jedes Land der Welt entdecken. Also wohin sollte meine Reise gehen?

Wenn man an ein FSJ im Ausland denkt, fallen den meisten Länder wie Australien oder Neuseeland ein. Ich hingegen wollte mein ganzes Leben schon einmal nach Afrika. Vergangenes Jahr war ich dann mit meiner Familie in Namibia. Die Landschaft mit ihren Wüsten und Städtchen, all die Tiere und die Atmosphäre dort hat mich dann überzeugt – hier möchte ich mein Auslandsaufenthalt verbringen.

Das stellte sich dann jedoch als nicht so einfach heraus. Denn ich möchte nicht einfach nur nach Afrika reisen, ich möchte dort helfen und so vielleicht herausfinden, was ich später einmal machen möchte. Alle sagen immer, dass die Berufswahl eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben ist, aber niemand kann mir sagen, wie ich herausfinde, was das Richtige für mich ist.

Kein Berufswunsch, nur eine Berufsrichtung

Wenn ich meine Eltern danach frage, dann klingt es immer so, als hätten sie eine Eingebung gehabt. Auch viele meiner Freunde haben einen Berufswunsch, der wie auf sie zugeschnitten zu sein scheint. Ich hingegen weiß nur, dass ich Menschen helfen möchte – und das schränkt die Auswahl nicht gerade ein.
Also habe ich mir zwei Bereiche herausgesucht, die mich am meisten interessieren: die Arbeit mit geistig beeinträchtigen Kindern und die Arbeit im Krankenhaus. Diese beiden Jobs will ich mir nun also angucken und dann aus dem Bauch heraus entscheiden, ob einer davon zu mir passt.

Wie schwer kann es sein, in Förderschulen oder Krankenhäusern in Afrika helfen zu dürfen? Mit diesem Gedanken fing meine erste Recherche an. Ich habe wochenlang die verschiedensten Organisationen angeschrieben, Programme herausgesucht und mehr Zeit vor dem Laptop verbracht, als mir lieb war. Dennoch wurde mir schnell klar, dass ich für die meisten Programme schlicht zu jung und damit ungeeignet war. Mit anderen Worten: Ich musste noch mal ganz von vorne anfangen…

Letzten Endes habe ich dann doch mein Projekt gefunden. Es ist zwar nicht gefördert und ich muss es selber zahlen, aber ich kann zwölf Wochen in verschiedenen Tageskliniken und zwölf Wochen in einem Center für geistig beeinträchtigte Kinder arbeiten. Und das in Kapstadt! Wenn ich das erzähle, höre ich oft Sätze wie „Sicher, dass du da hinwillst? Ist das nicht viel zu gefährlich?“ Klar, Kapstadt ist eine sehr gefährliche Stadt, aber egal, wo ich hingehen würde, überall könnte etwas passieren. Es bringt doch nichts, aus Angst heraus auf alles zu verzichten.

Natürlich muss ich aufpassen und sollte nachts nicht alleine nach draußen. Aber ich bin dort ja nicht alleine, und die Leute vor Ort wissen, worauf man achten muss. Und was man keinesfalls vergessen darf, Kapstadt ist zwar gefährlich, aber auch wunderschön und einzigartig. Nirgendwo anders leben die verschiedensten Kulturen und Nationalitäten so nah beieinander. Und ich kann es kaum abwarten, selbst Teil davon zu werden und all das mit eigenen Augen zu sehen.

Leichter gesagt als organisiert. Ich dachte, wenn das Projekt steht, ist das meiste geschafft. Fehlanzeige! Für das Visum für Südafrika muss ich gefühlt dreihundert Zettel ausfüllen, mich vom Internisten und Radiologen durchchecken lassen und zig Unterlagen einreichen. Als wäre das nicht schon genug, muss ich das persönlich in der südafrikanischen Botschaft in Berlin abgeben.

Viereinhalb Stunden Fahrt fürs Zettelabgeben

Das heißt nichts anderes, als dass ich viereinhalb Stunden nach Berlin fahren darf, nur um ein paar Zettel abzugeben. Super!
Als das Visum endlich da ist, macht sich auch die Vorfreude breit. Denn der letzte Schritt ist erledigt und nichts steht mehr zwischen mir und meinem Abenteuer.

Jetzt heißt es nur noch Koffer packen. Was nimmt man mit, wenn man sechs Monate von Zuhause weg ist? Passt das Leben für ein halbes Jahr überhaupt in einen Koffer? Da kann doch so viel passieren! Nähzeug ist bei meiner Tollpatschigkeit auf jeden Fall schon mal ein Muss. Und da ich ein absoluter Weihnachtsfan bin, kann auch mein Weihnachtspulli und meine DVD vom kleinen Lord auf keinen Fall zu Hause bleiben. Oder der Adventskalender, den meine Mama extra für meine Reise nach Afrika für mich im Vorfeld gebastelt hat. Und an Geschenke für die Gastfamilie muss ich auch noch denken. Und an meine Lieblingsbücher. Und und und… Ich muss ja mit allem rechnen und für möglichst viel gewappnet sein.

Genau darauf freue ich mich schon: dass alles Mögliche passieren kann. Dass ich keine Ahnung habe, wie mein Leben in den nächsten Monaten verlaufen wird. Dass ich neue Leute kennenlerne, neue Traditionen lerne. Dass ich in eine völlig neue Welt eintauchen werde.

Meine Familie fragt mich oft, ob ich Angst habe. Um ehrlich zu sein, ein bisschen mulmig ist mir schon zumute. Ich mache mir Sorgen, dass mich meine Gastfamilie nicht mag, dass ich mit der Sprache Probleme habe und dass ich mich vielleicht verlaufe. Kapstadt ist ja doch ein Stück größer als Recklinghausen.
Aber all diese Sorgen werden von meiner Vorfreude überdeckt. Und eines ist schon mal klar: Es werden viele neue Eindrücke auf mich zukommen, seien sie jetzt gut oder schlecht, und ich freue mich schon darauf sie zu erleben und mit Euch hier bei Scenario teilen zu können.
Marie Dechêne (18, Recklinghausen) verbringt die nächsten sechs Monate in Kapstadt. Dort hilft sie im Rahmen des Freiwilligendienstes Rainbow-Garden-Village (RGV) für jeweils zwölf Wochen in Tagesklinken und in einem Special-Care-Center für geistig beeinträchtige Menschen. Bei Scenario erzählt sie von ihren Eindrücken.