Marie interviewt Elfriede: Die Jugend meiner Oma

Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu und nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragt die 17-jährige Marie Dechene aus Recklinghausen ihre 77-jährige Oma Elfriede Schmidt.

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  • Jugend meiner Oma Elfriede_Marie

    Was für ein toller Schnappschuss fürs Familienalbum! Vielen Dank, liebe Marie (l.) und liebe Elfriede fürs Foto und fürs so offene Interview! Foto: Privat

  • Oma Elfriede

    Dieses Foto beweist es: Auch früher gab es Sommer. Elfriede hatte schon damals Stil und trug ein tolles Kleid. Foto: Privat

Marie: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Elfriede:
Aufgewachsen bin ich in der Augsburger Altstadt, gegenüber von der Puppenkiste. Fünf Minuten von dort gab es eine riesige Wiese. Wir haben sie immer „Bleich“ genannt, weil man dort früher die Wäsche zum Bleichen auf die Wiese gelegt hat. Auf der Bleich gab es einen kleinen Graben, der war vielleicht 50 Zentimeter tief und 50 Meter lang. Im Winter war dieser immer mit gefrorenem Wasser gefüllt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, wie es dort hingekommen ist, aber ich bin dort immer gerne zum Eislaufen gegangen. Und wenn es einmal zu kalt wurde, gab es direkt neben dem Graben eine kleine Hütte mit Feuer, an denen man sich die Hände wärmen konnte. Als Kind war ich fast jeden Winter dort und verbinde damit viele tolle Momente. Als ich dann etwas älter war, bin ich auch gerne nach Hainhofen gefahren. Dort hatten meine Eltern ein Wochenendhaus und man konnte dort prima wandern oder mit Freunden einfach auf der Wiese sitzen.

Marie: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?
Elfriede:
So wirklich hab‘ ich als Kind eigentlich nie darüber nachgedacht, was es heißt, erwachsen zu sein. Ich hab mich eigentlich nur da-rauf gefreut, endlich Entscheidungen treffen zu dürfen und ganz alleine zu bestimmen. Das war für mich als Kind unvorstellbar.
Mit 21 Jahren bin ich dann quasi ins Erwachsensein reingerutscht und war dementsprechend auch etwas unsicher. Was mir aber sehr gefallen hatte, waren die Fahrstunden, die ich mit 21 angefangen habe. Das gab mir das Gefühl von Freiheit, das ich immer mit Erwachsenen verbunden habe.

Um meine Freiheiten dann auszuleben, bin ich mit 23 für ein Jahr nach England und habe dort als Au-pair-Mädchen gearbeitet – sehr entgegen dem Wunsch meiner Mutter. So was war damals nämlich, vor allem als Mädchen, ziemlich unüblich. Aber ich wollte mal weg aus meinem Elternhaus und was alleine erleben. Und es war eines der schönsten Jahre meines Lebens!

Marie: Was war der schönste und was war der schlimmste Moment in Deinem Leben?
Elfriede
: Natürlich gab es viele schöne Momente in meinem Leben, zum Beispiel, als ich meine beiden Kinder bekommen habe, aber ein Augenblick, der mich auch besonders bewegt hat, war der Moment, als die Mauer fiel. Ich weiß noch genau, wie ich in dieser Nacht vor dem Fernseher in unserer Wohnung gesessen hatte, direkt vor unserer Speicherheizung, weil das dem Rücken so guttut. All diese Menschen, die sich umarmten, das pure Glück und diese wahrhaftige Freude, das konnte man quasi durch den Fernseher hindurch spüren. Das hat mich damals so bewegt – vor allem, weil ich niemals damit gerechnet habe, dass so etwas passiert. Das war so unglaublich und herzerwärmend, dass ich immer noch vor Freude weinen muss, wenn ich daran denke.

„Tschernobyl-Unglück hat mich damals bewegt“

Negativ bewegt hat mich hingegen dieses Tschernobyl-Unglück. Es hat mich so schockiert, wie schnell sich alles nur aufgrund einer Katastrophe verändern kann. Wie viele andere hab‘ ich mir vorgestellt, was das jetzt für uns heißt und was passieren würde, wenn es sich wiederholt. Wegen all der schrecklichen Bilder habe ich mir solche Sorgen um meine Kinder und die alltäglichsten Dinge gemacht und mich gefragt, wie es für die Menschen dort sein muss.

Marie: Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen?
Elfriede:
Das erste Mal verliebt war ich, glaube ich, mit 16. Sein Name war Herman und er hat in Hainhofen gewohnt. Besonders aufregend fand ich sein Motorrad, mit dem er mich manchmal mitgenommen hat. Das hat mich ziemlich beeindruckt. Als er dann beim Bund war oder ich in England, haben wir uns Briefe geschrieben. Es war aber nie mehr als eine Schwärmerei, deswegen ist das irgendwann im Sande verlaufen, wie man so schön sagt. Als ich dann Deinen Opa kennengelernt habe, wusste ich, dass er der Richtige ist – und zwar sofort, als ich ihn beim ersten Mal gesehen habe. Liebe auf den ersten Blick klingt zwar immer etwas übertrieben, aber anders kann ich es nicht beschreiben. Das war einfach meine erste wirkliche Liebe. Deswegen haben wir dann auch 1968 geheiratet. Und das ist jetzt auch schon 50 Jahre her. Unglaublich eigentlich, wenn man so darüber nachdenkt.

Marie: Was wundert Dich an meiner Generation? Hast Du Fragen an uns?
Elfriede:
Richtige Fragen habe ich eigentlich nicht. Ich finde es nur immer wieder erstaunlich, wie gekonnt Ihr mit all dieser modernen Technik umgehen könnt. Ohne Dich würde ich bei meinem Tablet manchmal nicht mehr durchblicken. Und Ihr könnt ja noch so viel mehr damit machen!

Wenn ich mir überlege, dass man sich früher meist getroffen hat, um Partys oder andere Treffen zu planen und das heutzutage einfach vom Bett aus organisiert werden kann, klingt das im ersten Moment ziemlich verrückt für mich. Ich finde aber, dass es Euch eine gewisse Freiheit gibt und so viele neue Möglichkeiten, die ich zu meiner Jugend auch gern gehabt hätte.
Was wisst Ihr über die Jugendjahre Eurer Großeltern? Nicht so viel, oder? Das wollen wir mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr mit Eurer Oma oder Eurem Opa dabei sein wollt: scenario@medienhaus-bauer.de