Menschen: Matthias hat sich im Flüchtlingsheim umgesehen

Meinung Ein Thema, das seit Monaten die Nachrichten beherrscht, ein Thema, an dem sich die Geister scheiden: Wie ist mit dem enormen Flüchtlingsstrom aus Afrika, Syrien und Osteuropa umzugehen? Wenn sich schon die Staatsminister der EU kaum auf eine gerechte Verteilung einigen können, wie soll Deutschland dann mit der Krise fertig werden? Und wie sieht es erst mit der eigenen Stadt aus?

  • You are welcome Flüchtlinge

    Ein Kunstwerk auf einem Kunstwerk! Matthias hat sich die große Mühe gemacht, diese vielen Legofiguren auf die Skulpturengruppe „Bürger tragen ihre Stadt“ vor dem Recklinghäuser Rathaus aufzustellen – mit einer eindeutigen Message: „Ihr seid willkommen“. Foto: Matthias Wuttke

Vor dem Recklinghäuser Rathaus steht seit nun knapp 30 Jahren die bekannte Skulpturengruppe „Bürger tragen ihre Stadt“, geschaffen vom Bildhauer Heinrich Brockmeier.
Die drei bronzefarbenen Figuren verkörpern den Gemeinsinn ihrer Stadt, halten sie nicht nur bei Sonnenschein, sondern auch während des stärksten Sturms an ihrer Stadt fest, und tragen das ganze Jahr neben einem Förderturm die Propsteikirche St. Peter sowie das Rathaus sicher in ihren Händen.
Zu einer Stadt gehören jedoch nicht nur eine Handvoll Bauwerke. Viel wichtiger sind die Tausende von Bürgern, die das Gesicht ihrer Heimat prägen. Ich habe viele Menschen kennenlernen dürfen, die sich mit dem Flüchtlingsproblem und den Problemen der Flüchtlinge auseinandersetzen: Menschen, die sich lieber ihr eigenes Bild von der Situation machen, anstatt sich der Hetze und den Vorurteilen hinzugeben, um nicht am Ende vielleicht sogar selbst ein Teil des braunen und „heugabelschwingenden“ Lynchmobs zu werden.
Bei Sätzen wie „Die sollen doch froh sein, dass sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben“ oder „Wenn es denen hier nicht gefällt, sollen sie doch einfach wieder nach Hause gehen“ würde ich die Parolen
schwingenden Helden am liebsten ins Auto stecken und direkt in die nächste Flüchtlingsunterkunft fahren.

Wart Ihr schon einmal in einem Flüchtlingsheim?

Wart Ihr schon einmal in einem Flüchtlingsheim? Habt Ihr gesehen, unter welchen Umständen Familien mit Kleinkindern dort untergebracht sind? Kaputte Fenster in Bad und Küche mögen im Hochsommer zwar für eine kühle und angenehme Brise sorgen, doch im Winter möchte wohl niemand bei Kälte zur Toilette gehen müssen oder in der Küche stehen. Apropos Küche: Kochfelder und Herde stehen nur alibimäßig herum und sind höchstens als Abstellfläche zu gebrauchen, da sie größtenteils nicht mehr funktionstüchtig sind.
Bei meinem ersten Termin als Journalist im Flüchtlingsheim an der Vinckestraße habe ich eine ganz besondere Erfahrung machen können. Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Schulklasse, die sich auch nach Abschluss des Klassenprojektes weiterhin um die Flüchtlingskinder kümmern und über die ich schreiben wollte. Da ich nicht fündig wurde, ging ich auf eine Gruppe Männer zu, die sich auf dem Vorhof um einen Grill versammelt hatten. Auf meine Frage, wo ich die Kinder und die Schüler finden würde, bekam ich zwar keine hilfreiche Antwort. Dafür wurden mir aber sofort selbst gemachte Frikadellen nach serbischer Art vom qualmenden Grillrost angeboten. „Morgen feiern wir ein großes Familienfest“, erklärte mir einer der Männer und drückte mir freundlich eine Frikadelle in die Hand: „Hackfleisch, Zwiebeln, Knoblauch und viele Gewürze – schmeckt super!“ Zögernd nahm ich das freundliche Angebot an und wurde gleich gefragt, ob ich nicht noch eine weitere Frikadelle mit nach Hause nehmen wollte. „Na, da bleibt doch gar nichts mehr für die Feier übrig“, sagte ich und fragte mich, wie das wohl bei uns zu Hause abgelaufen wäre.
Da kommt ein wildfremder Mann zu uns in den Garten gelaufen, fragt nach dem Weg und wir bieten ihm frisch Gegrilltes an, als wäre er ein alter Bekannter? Sicherlich nicht.

Fleißige Helfer gibt's überall

Es gibt viele Bürger und Initiativen, die den Flüchtlingen auf verschiedene Art und Weise unter die Arme greifen. Wie beispielsweise die Mitglieder des Recklinghäuser Repaircafés, die nun doch die am Wertstoffhof abgegebenen Elektrogeräte auf ihre Funktion prüfen dürfen, um sie den Flüchtlingsheimen gegebenenfalls zur Verfügung stellen zu können. Kirchengemeinden, die zu Spenden aufrufen und Kleidung sammeln, oder Pensionäre, die auf ehrenamtlicher Basis Flüchtlingskinder unterrichten, damit sie schneller Fuß in unserer Stadt fassen können und viele, viele weitere fleißige Helfer.
Das Bild dürfte eigentlich Beweis genug sein: Bürger tragen ihre Stadt – und der Wille sowie die Initiative von vielen Menschen zeigt, dass sie bei all den Schauermärchen über Flüchtlinge nicht vor Schreck ihre Stadt fallen lassen, sondern zusammenhalten oder besser gesagt: „Zusammen halten“.
Ich würde mir jedenfalls sehr wünschen, dass sich viele ein Beispiel an den drei Bronzefiguren auf dem Vorplatz des Recklinghäuser Rathauses nehmen. An ihrer Stadt festhalten – egal, ob es regnet, stürmt oder schneit.
 

Liebe Leserinnen und Leser,
unter diesem Artikel finden Sie ausnahmsweise keine Kommentarfunktion. Zu diesem Schritt haben wir uns entschlossen, weil zu unseren Flüchtlingsthemen viele Beiträge mit beleidigendem oder sogar strafrechtlich relevantem Inhalt eingegangen sind. Eine sinnvolle Moderation dieser Foren ist kaum noch möglich, zumal es in vielen Beiträgen gar nicht mehr um sachliche Argumente, sondern vielmehr um persönliche Diffamierungen geht. Unter anderen Artikeln finden Sie natürlich weiterhin die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dem jeweiligen Thema zu äußern. Wir hoffen auf Ihr Verständnis.
Ihre Online-Redaktion des Medienhauses Bauer

 


AUTOR
Matthias Wuttke
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    29. Oktober 2015, 14:24 Uhr
    Aktualisiert:
    30. Oktober 2015, 08:09 Uhr