Myrta in Indien: Tanzen gegen die Kaste

Indien - Teil 3 Überall Farben. Eine Fülle an sorgfältig ausgewählten Stoffen, verziert mit aufwendigen Borten, fein zurecht drapiert als Sari am Körper. Glitzernde Kettchen an den Füßen, bunte Armreifen am Handgelenk, die Haare mit Blumen geschmückt. Eine einzigartige Hingabe des Momentes, der Erscheinung und der Vorfreude auf einen Tag des Austausches und des Beisammenseins – es ist Zeit für das jährlich stattfindende Frauen-Solidaritäts-Festival.

  • Myrta Indien

    Nach geduldigem Stillsitzen und andächtigem Zuhören erhebt sich eine Frau nach der anderen, um beim Festival, das Myrta mit organisiert hat, ausgelassen zur Musik zu tanzen.

Die Vorbereitung, wie Flyer drucken oder Essen für 5 000 Besucher kochen, lässt keinen ruhen. Jeder ist mit involviert, sodass sogar für einige der Schlaf der Vornacht des großen Ereignisses ausbleibt.
Doch die Mühen sind es wert, dieser Tag ist für alle hier besonders.

Die Organisation Auroville Village Action Group (AVAG), bei der ich arbeite, ist durch die intensive Förderung der Menschen auf dem Dorf zu einer wertvollen Plattform geworden, die besonders den Frauen aus der ländlichen Umgebung durch Austausch und Bildungsprogramme mehr Selbstvertrauen und Eigenständigkeit schenkt. Es wurde dadurch ein Raum geschaffen, der den Frauen die Möglichkeit gibt, sich uneingeschränkt auszudrücken.

Und so hat sich mit der Zeit ein immer größer werdendes Festival entwickelt, um diesen Wert zu feiern wie in einer großen Familie. Die Grenzen von Kasten und Klassen werden dabei vollkommen überschritten. Jeder ist willkommen, um dem abwechslungsreichen Programm aus Vorträgen und traditioneller tamilischer Volkstänze einzelner Frauengruppen zu folgen, die teilweise das erste Mal in ihrem Leben die Möglichkeit haben, auf der Bühne zu stehen und zu performen.

Die Rhythmen lassen mich nicht ruhen

Begleitet von Trommeln und Stockbeats kann ich die Anspannung vor dem ersten Takt und die Freude und Ausgelassenheit beim Tanzen selber geradezu am eigenen Leib spüren. Automatisch bewegt sich mein Körper mit zur Musik und mir werden direkt taktvolle Tanzschritte gezeigt. Nicht nur mich lassen diese temperamentvollen Rhythmen nicht ruhen. Nach geduldigem Stillsitzen und angeregtem Lauschen der Vorträge beobachte ich, wie sich eine Frauengruppe nach der anderen erhebt und sich ausgelassen der Musik hingibt. Ich kann die Gelassenheit und Freude regelrecht fühlen! An wohl kaum einem anderen Ort in der Umgebung ließe sich diese Empfindung der Freiheit so ausleben für die Frauen. Dies gibt uns die Leiterin von AVAG zu bedenken, da die Frage besteht, ob das Gelände bei der von Jahr zu Jahr wachsenden Anzahl an Besucher des Events wohl das nächste Mal überhaupt noch ausreicht.

Eine andere Tanzerfahrung: Stets bemüht, jegliche Aktivitäten in Auroville wahrzunehmen, bin ich bei einem Tanzangebot gelandet, worunter ich mir erst gar nichts vorstellen kann. Das Wort „Tanz“ regte vor allem mein Interesse, da ich hier doch immer mehr meine Leidenschaft zur Musik und Bewegung entdecke. Dazukommt mein mittlerweile sich ganz gut eingependelter Arbeitsalltag, der jedoch vorwiegend durch Sitzen im Büro geprägt ist. Ich suche einen Ausgleich dazu, möchte mich gerne mehr bewegen. Und so finde ich mich eines Abends in einem Zirkel von Leuten wieder. Jeder darf sich vorstellen und seine Gefühlslage in einem Wort beschreiben. Danach zählt nur noch die Wirkung der Musik. Alles ist erlaubt, nichts ist vorgeschrieben. Sei es die Intention, den Raum alleine mit seinen Bewegungen zu füllen oder den Kontakt mit anderen Personen aufzunehmen, um einen gemeinsamen Fluss entstehen zu lassen.

Aus der Stille heraus beginnt die Musik zu spielen und langsam fangen sich die einzelnen Körper um mich herum zu bewegen an. Ich lasse mir viel Zeit. Sobald mein Körper sich dann jedoch den ersten Regungen hingibt, fängt die Musik an wie eine Strömung durch meine Glieder zu fließen. Plötzlich füllt sich der Raum mit meinen Bewegungen. Und ehe ich mich versehe, entsteht der Kontakt zu anderen Personen. Was mir am Anfang Nervosität bereitete, da ich doch lieber alleine tanze, entwickelt sich nun ohne Unterbrechung in einen natürlichen Fluss an gemeinsamen Bewegungen. Nach zwei Stunden bin ich nass geschwitzt. Der Kurs ist vorbei, und ich muss eingestehen, dass ich noch nie zuvor, eine so intensive Tanzerfahrung gemacht habe. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt von den so vielseitigen Erlebnissen, die sich mir gerade bieten. Diese durchdringenden Eindrücke lassen meinen Tag lang werden und die Zeit gleichzeitig rennen.
Myrta Konietzka (23, Herten) lebt nun ein Jahr in Südindien. In der Stadt Auroville arbeitet sie im Rahmen eines weltwärts-Freiwilligendienstes in einer Nichtregierungsorganisation, die sich mit integrativen Bildungsprogrammen für die Dorfentwicklung vor Ort einsetzt. Bei Scenario berichtet sie von ihrem neuen Leben in Auroville.