Sarah auf Sansibar: Schildkrötenrettung und Menschenliebe

Afrika Als Freiwillige flog ich für zwei Monate nach Sansibar, auf die kleine Insel Ost-Afrikas im Indischen Ozean. Um genau zu sein, verschlug es mich auf eine Schildkrötenschutzstation am nördlichsten Punkt der Insel. Und trotz einiger Recherchen zuvor konnte mich nichts auf das vorbereiten, was ich dort alles erleben sollte.

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    Sarah wusch junge Schildkröten in einer Schutzstation. Foto: Sarah Göritz

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    Die Freiwilligen Sarah (r.) und Shirin genießen ihre Zeit auf Sansibar.

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    Auf dem Food Market erlebte Sarah, wie freundlich und respektvoll die Menschen miteinander umgehen. Foto: Sarah Göritz

Afrika, der schwarze Kontinent, voller Kultur, Geschichte und einem gewissen Charme, der die schönen Seiten des Lebens noch etwas heller strahlen lässt. Polepole („Langsam, langsam“) und Hakuna matatizo („Keine Probleme“) sind Sätze, mit denen man hier quasi auf alles antworten kann. Hektik wirkt auf Afrikaner seltsam, unlogisch und war also etwas, was ich mir zwangsläufig schnell abgewöhnte. Wer kann bei dem türkisblauen Meer, dem weißen Sand, den Palmen auch eilig wegschauen? Ich auf dem Weg vom Flughafen zu meiner Unterkunft auf jeden Fall nicht.

Denn obwohl man sagt, dass die Europäer die Uhren, und die Afrikaner die Zeit haben, trifft das nicht auf das Autofahren zu. Die wenigen Verkehrsschilder, die es noch gibt, fassen die Sansibarer nur als Empfehlung auf und ignorieren sie gekonnt.
Erstaunlicherweise führte weder das noch die regelmäßig um fünf Uhr morgens durch Lautsprecher verkündeten muslimischen Gebete zu einem Kulturschock. Stattdessen war es die Selbstverständlichkeit, mit jedem reden zu müssen.

Warum habe ich mir Sorgen gemacht?

So ein Gang durch die schöne Altstadt „Stone Town“ gestaltete sich schließlich schwierig, weil meine Begleiter alle zwei Meter ein halbstündiges Gespräch über ihren Gemütszustand begannen und ich danach auf die Frage, wer das war, nur die Antwort bekam: „Den kannte ich gar nicht.“
Von diesem Zeitpunkt an wurde alles immer schöner und ich fragte mich, wozu ich mir mein ganzes Leben lang Sorgen gemacht hatte, wenn sich doch sowieso alles ergibt. In Swahili, der Landessprache, lernte ich auch nur gute und schöne Dinge auszudrücken.

Auch an die Arbeit am Aquarium gewöhnte ich mich schnell. So wuschen wir Schildkröten, sammelten Seegras, verteilten Medizin, wechselten das Wasser der Becken und gaben Führungen für die Urlauber.
Natürlich hatte ich auch genug Freizeit. Mit anderen Freiwilligen machte ich die klassischen Ausflüge, wie zum Beispiel Segelfahrten, Schnorcheln und Gewürz-Touren. Manchmal wurde es aber auch ungewöhnlich, wenn wir im hüfthohen Wasser durch Mangrovenwälder liefen und Affen in freier Wildbahn beobachteten, auf eigene Faust in Höhlen schwimmen gingen oder mit dem Fahrrad und ohne Orientierung auf einen Tour-Guide verzichteten, um den „Hidden Beach“ einfach selbst zu suchen. Wir waren aber nicht ständig unterwegs, sondern lagen auch einfach mal am Strand.

Tolle Mischung aus Neugier und Respekt

Der Kontakt zu den Einheimischen war mir sehr wichtig, denn nichts gibt dir mehr das Gefühl, auf Sansibar zu Hause zu sein, als wenn sie dich selbst wie einen „Local“ behandeln. Das geht sehr schnell, wenn man sich darauf einlässt. Dazu gehört, das Wesen und die offene Art der Einheimischen zu akzeptieren. Außerdem sind die Sansibarer auch an unserer Kultur interessiert. Wenn ich mich abends am Strandfeuer – friedlich abgeschottet vom Terror der Welt – in einem Mix aus Swahili, Englisch und Deutsch unterhalten konnte, war das schön! Die Zeit war geprägt von Neugier und gegenseitigem Respekt.

Umso trauriger war ich, als die zwei Monate vorbei waren und ich abreisen musste. Natürlich freute ich mich auf meine Familie und Freunde. Doch ich war in dem Glauben, dass ich viel zurücklassen musste.
Dass es letztlich doch nicht so war, merkte ich spätestens schluchzend und lachend im Flugzeug (ich muss schon sehr seltsam gewirkt haben), als mir bewusst wurde, wie viele Erfahrungen ich in meinem Herzen trug. Ich bin jetzt selbstständiger, entspannter und viel offener gegenüber Fremdem und Neuem geworden. Ich habe nun niedrigere Ansprüche an das, was ich eben so zum Leben brauche. Ich wusste, dass ich meine eigene Kultur nun wertschätzen und einige Aspekte aus der fremden übernehmen würde.

Am Flughafen nahm ich wie die Ruhe in Person mein Gepäck als Letzte vom Band, ging noch dreimal auf Toilette, um Zeit zu vertreiben, und schlenderte dann langsam, aber sicher Richtung Ausgang. Währenddessen legte meine Familie einen Fünf-Kilometer-Sprint durch den Flughafen hin, wurde bereits von der Security gemustert, traute sich in der Angst, zu spät zu mir zu kommen, nicht auf die Toilette, und musste dann doch noch eine halbe Stunde auf mich, der trödelnden Sarah, warten. Ich hatte nicht den zweiten und sehr viel schwierigeren Kulturschock, der mich erwarten sollte, bedacht. Wie würde ich mich in Deutschland nur wieder einleben? Ich schaffte es mit meinem langsamen Gang ja nicht mal in der Grünphase über die Ampel...



AUTOR
Sarah Göritz
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    9. November 2016, 14:01 Uhr
    Aktualisiert:
    22. April 2017, 03:34 Uhr
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